Sommermärchen für wen eigentlich? Was Frauen über die WM denken
Fünf Frauen erzählen, wie sie die WM erleben – kritisch, persönlich und irgendwo zwischen Hoffnung, Doppelmoral und Fußballkultur. Spannender als jene Debatten selbsternannter Fußballexpert*innen.
Nicht selten herablassend gegenüber Frauen, aber oft sehr selbstsicher wurde jahrzehntelang aus männlicher Perspektive genug über Fußball gesprochen. Frauen hätten ja ohnehin keine Ahnung davon. Deshalb interessiert es mich ehrlich gesagt herzlich wenig, was Männer über diese WM denken. Ich will wissen, wie Frauen dieses Turnier wahrnehmen, und habe fünf von ihnen gefragt. Charlotte, Maria, Lina, Elisabeth und Nora erzählen, wie sie auf Fußball, WM-Kultur und die gesellschaftlichen Folgen solcher Großereignisse blicken.
„So viel wird einfach unter den Tisch gekehrt. Wenn die WM in einem bestimmten Land stattfindet, wird strukturell unglaublich viel verändert. Um es drastisch auszudrücken, finden regelrecht, Aufräumaktionen‘ statt. Tiere, die auf der Straße leben, werden dann systematisch getötet und Menschen, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft leben, aus der Öffentlichkeit verdrängt“, kritisiert Charlotte.
Auch dieses Jahr wird die WM als Sommermärchen versprochen. Dabei würde sie sich gut als Gruselgeschichte vermarkten lassen, angesichts dessen, was im Hintergrund geschieht. Mir kommt es einfach absurd vor, wenn dauerhaft nur noch von internationaler Gemeinschaft, Fußballliebe und kultureller Verbindung gesprochen wird. Aber über die Tiere und Menschen, die für dieses Traumbild aus dem Weg geschafft werden, spricht kaum jemand.
Die Kritik richtet sich dabei nicht nur gegen die FIFA, sondern auch gegen ihre milliardenschweren Sponsoren. Zu den offiziellen Partnern gehören unter anderem Adidas, Coca-Cola und Visa. Besonders mit Blick auf die WM 2030, bei der die Gastgeberländer Marokko, Spanien und Portugal sein werden, steht Marokko mit dem Vorhaben circa drei Millionen (Quelle: deutscher Tierschutzbund, die haben es auch aus Medienberichten reicht das als seriöse Quelle?) Straßenhunde zu töten, massiv in der Kritik. Laut dem Deutschen Tierschutzverbund habe man sich gemeinsam mit Eurogroup for Animals an die FIFA gewandt und eine tierfreundliche Lösung gefordert. Auch PETA Deutschland berichtet unter der Berufung auf lokale Organisationen von Erschießungen, Vergiftungen und sogar Verbrennungen lebendiger heimatloser Tiere.
Hauptsache das Fanerlebnis stimmt und die Kamerabilder sehen filmreif aus. Fußball ist dann einfach der verbindende Zusammenhalt, der alle glücklich macht – oder?
Dass solche „Vorbereitungsmaßnahmen“ kein Einzelfall sind, zeigt auch ein Blick zurück auf die WM 2014 in Brasilien. In der Favela Alto da Paz, nahe der Arena Castelão – in der am 21.06.2014 Deutschland gespielt hat – wurden Häuser abgerissen und Familien verdrängt. Der Deutschlandfunk Kultur berichtete damals von gewaltsamen Räumungen und Menschenrechtsverletzungen. Brasilien investierte rund elf Milliarden Euro in die WM-Stadien und Infrastruktur – während zu derselben Zeit hunderttausende Familien in schlimmster Armut lebten und Schulen wie Krankenhäuser einem katastrophalen Zustand unterlagen.
„Ich muss immer an die Statistiken denken, dass häusliche Gewalt steigt, wenn große Fußballturniere stattfinden“, erzählt Nora.
Und das zeigt wieder diese Doppelmoral. Denn während freudig die Fanmeilen aufgebaut werden und Biermarken mit einem Gemeinschaftsgefühl werben, steigt für Frauen, das Risiko, Gewalt zu erleben.
Eine viel zitierte Studie der Lancaster University untersuchte Fälle häuslicher Gewalt in England während der Fußballweltmeisterschaften in den Jahren 2002, 2006 und 2010. Das Resultat: Gewann die englische Nationalmannschaft, stiegen die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt um 26 Prozent. Bei einer Niederlage lag der Anstieg sogar bei 38 Prozent – verglichen mit Tagen, an denen kein Spiel stattfindet.
Besonders erschreckend finde ich dabei, dass offenbar nicht einmal der sportliche Erfolg einen Unterschied macht. Ob Euphorie oder Frust, die Gewalt steigt an. Gleichzeitigt ist wichtig festzuhalten: Fußball verursacht nicht die Gewalt an sich. Diese entsteht nicht erst durch ein Spiel, sondern durch Männer, die ohnehin gewalttätig handeln. Großturniere können die bestehenden Dynamiken aber verstärken.
„Ist ja auch immer mit viel Alkoholexzessen verbunden und natürlich mit den Männern, die einfach wieder nicht verstehen, wann es reicht. Aber dazu braucht es keine WM, da reichen auch schon andere Anlässe für aus“, so Charlotte.
Ehrlich gesagt frage ich mich, ob nicht selbst das ständige Inszenieren von Stärke, Dominanz und dieser „Gewinnermentalität“ eine Rolle spielt. Vor allem im Männerfußball wird oft Überlegenheit zelebriert. Vielleicht stärkt dieses Klima zusätzlich die Gewaltbereitschaft.
„Frauen werden beim Fußball noch nicht ernst genug genommen. Bei der Frauen-WM gab es in Hamburg lediglich zwei Bars, die Public-Viewing organisiert haben, wohingegen bei der Männer-WM so gut wie alle Restaurants und Bars streamen. Außerdem verdienen Frauen weniger für die gleiche Leistung und werden oft diffamiert,
Und genau das stimmt auch strukturell. Männerfußball wird immer als nationales Großereignis verkauft, dagegen gerät Frauenfußball oft in den Hintergrund, wie ein „Nischenprodukt“, das zwar inzwischen akzeptiert, aber selten wirklich ernstgenommen wird.
Deutlich wird das auch bei den finanziellen Unterschieden. Das zeigt die juristische Studie „Oxford Academic – The gender pay gap: How FIFA dropped the ball“. Laut dieser erhalten Frauen deutlich geringere FIFA-Prämien. Bei der Frauen-WM 2019 lag diese bei rund 30 Millionen US-Dollar. Bei der Männer-WM 2018 waren es hingegen etwa 400 Millionen US-Dollar.
Ja, ja, Männerfußball bringt eben mehr Geld ein, weil er angeblich attraktiver und „besser“ sei. Oder vielleicht auch, weil er jahrzehntelang fast ausschließlich von Männern gefördert, übertragen und vermarktet wurde?
„Frauen spielen auf demselben Spielfeld, mit denselben Torgrößen, obwohl sie körperlich andere Voraussetzungen mitbringen – und trotzdem wird ihre Leistung regelmäßig kleiner geredet.“
Und dann werfen sich Männer bei jeder zweiten Berührung, wie in einem Drama auf den Rasen, halten sich das Gesicht und fangen an zu weinen. So rollen sie dann minutenlang über den Platz. Ein faszinierender Anblick für diese Sportwelt, die üblicherweise durch Härte und Männlichkeit geprägt ist. Plötzlich wird öffentliches Weinen komplett akzeptiert. Zumindest solange es nach einem Elfmeterschießen passiert.
Auch weibliche Kommentator*innen oder Moderator*innen erleben bis heute extreme Abwertung. Sobald Frauen im Fußball sichtbar werden, ob als Spieler*innen, Expert*innen oder Journalist*innen, wird ihre Kompetenz stärker hinterfragt als die ihrer männlichen Kollegen. Dies haben Forschende unter anderem in der aktuellen Untersuchung „Gender Penalty: language, gender & bias in football“, der University Glasgow nachgewiesen. Dazu wurde exakt derselbe Text von Frauen und Männern vorgetragen, wobei die Zuhörer*innen die Fußballkommentator*innen unbewusst sehr viel negativer als die männlichen Kommentatoren bewertet haben. Erkennbar wurde auch, dass die Stimmlage oder ein Akzent von Frauen direkt als unangenehm und unqualifiziert ausgelegt wurde, während genau die gleiche Darstellung von Männern als kompetent anerkannt wurde.
Aber möglicherweise ist es zu einfach, Fußball ausschließlich als problematische Masseninszenierung zu betrachten. Denn Forschungen zu Sportgroßereignissen zeigen ja durchaus auch, dass gemeinsame Fanerlebnisse soziale Bindungen stärken und ein Gefühl kollektiver Zugehörigkeit erzeugen können, wenn auch oft nur temporär. Deshalb wurden von meinen Befragten durchaus auch positive Aspekte genannt, die ein Grund sein könnten, die diesjährige WM zu schauen:
„Ich werde die WM hauptsächlich schauen, um die deutsche Nationalmannschaft zu unterstützen. Ich liebe einfach Sport an sich total und kann da sehr gut drin aufgehen und mitfiebern. Sport kann meiner Meinung nach auch Menschen vereinen und zusammenführen. Es kann einfach auch auf nationaler Ebene ein Erfolgserlebnis sein.“
Tatsächlich zeigen auch sozialwissenschaftliche Studien wie eine Analyse der DFL Stiftung, dass Sportereignisse ein Gefühl kollektiver Zugehörigkeit erzeugen können. Besonders Großturniere fördern häufig temporäre Gemeinschaftserlebnisse über soziale, kulturelle oder sprachliche Grenzen hinweg. Dabei fand die Untersuchung mit drei zentralen wissenschaftlichen Mechanismen (sog. Sozialkapital-Modell): Bonding, Bridging und Linking statt. Wobei neben der Bindung innerhalb einer Gruppe (Bonding) auch der Brückenbau zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen (Bridging) sehr bedeutsam ist. Linking bezeichnet dabei das Vertrauen und die Beziehungen zwischen Menschen oder Gruppen, die über unterschiedliche Macht- und Hierarchieebenen hinweg interagieren.
„Ich habe die Hoffnung, dass uns die WM gesellschaftlich wieder ein bisschen zusammenbringen könnte, deshalb freue ich mich eher darauf und die Snack-Boxen sind gut.“
Trotz der Kritik – die ich für sehr wichtig und notwendig halte – und der Sorge vor übermäßig betrunkenen Männern nannten alle Befragten auch positive Aspekte, die sie mit der WM verbinden. Vor allem dieses gesellschaftliche Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft, das im Alltag oft verloren gegangen scheint, wurde hoffnungsvoll erwähnt. Vielleicht auch, weil genau danach derzeit viele Menschen suchen.
Und entgegen meiner grundsätzlichen Abneigung gegenüber Männerfußball sehe selbst ich nach diesen Gesprächen zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer: die Möglichkeit, dass Menschen wenigstens für einen Moment wieder etwas näher zusammenrücken – auf nationaler wie internationaler Ebene. Ob ausgerechnet eine WM das tatsächlich schaffen kann, bleibt natürlich fraglich. Aber selbst wenn dieses Gefühl nur ein paar Wochen anhält, wäre das vielleicht schon mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt als man momentan oft erwartet.
Titelgrafik: Anna Clasen
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