Du bist avoidant
Ein erstes Date, ein schnelles Urteil – und plötzlich scheint alles in ein Wort zu passen.
Ein Café im Stadtzentrum, dessen Wände und Personal zweifellos schon unzählige erste Dates aus Dating-Apps miterlebt haben. Die meisten davon endeten nicht nur ohne Happy End, sondern ohne jede Aussicht auf ein zweites Treffen. Dem anhaltenden Kaffeeduft und den nicht gerade leisen Gruppen lachender Senioren nach zu urteilen, kann sich ein Happy End hier nur darin ergeben, den Wunsch nach einem guten Kaffee zu stillen und sich mit einer kleinen Leckerei eine Freude zu machen.
Sie sitzt etwas verkrampft in einem Stuhl, der seltsam überdimensioniert wirkt. Oder vielleicht ist sie es, die schrumpft, während sie versucht, so zu tun, als würde ihr der intensive – für ein erstes Date fast schon unanständig wirkende – Blick ihres Gegenübers, der unaufhörlich den ihren sucht, keinerlei Unbehagen bereiten.
„Wenn ich doch nur meine Augäpfel herausnehmen und sie ihm zur gründlichen Inspektion überlassen könnte, so lange er will, damit er mich endlich in Ruhe lässt“, denkt sie. Nicht, dass sie einem überhaupt niemals in die Augen schauen würde, aber der Blick aus dem Fenster auf die graue Fassade des Gebäudes, deren Farbton sich mit dem Untergang der Sonne allmählich verdunkelt, und die Fenster, in denen kein Licht brennt, scheinen deutlich interessanter zu sein als das, was sich am Tisch in der Ecke dieses Cafés abspielt.
Seine Hand ergreift ihre. Sie weiß selbst nicht recht, warum, aber sie wehrt sich nicht wirklich dagegen. „Blende es einfach aus“, wiederholt sie in Gedanken, „es ist ja nichts Schlimmes. Es ist nur eine Hand. Im schlimmsten Fall schneidest du sie ab und gibst sie zusammen mit den Augen ab.“
Und nun redet sie. Und redet. Und redet. Er stellt unverblümte Fragen zu ihren früheren Beziehungen. Ach, natürlich, das hatte sie vergessen – in unserer Kultur glaubt man nicht an Smalltalk über Gott und die Welt, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Sie, die zur Hälfte selbst nicht versteht, warum sie so viel erzählt, und zur anderen Hälfte glaubt, dass Reden besser ist, als unangenehme Pausen entstehen zu lassen, beginnt alles ohne große Hintergedanken preiszugeben.
Nach ihrem langen Monolog – und ihrem überraschend gelungenen Versuch, seine sehr wichtige Beschäftigung, nämlich das Verflechten ihrer Finger wie zu einem Zopf, so lange wie möglich zu ignorieren – spricht er schließlich seine Erkenntnis aus.
Oder vielleicht schon seine Diagnose: „Du bist avoidant.“
Diese „sie“ war ich. Und scheinbar habe ich in den Augen meines Datepartners diesen Eindruck hinterlassen. Aber dieser Satz geht mir schon seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Und es waren gar nicht die Worte selbst, die mich störten, sondern die Schnelligkeit und Selbstsicherheit, mit der mir diese Person – nach ein paar Tagen lockerer Chats und drei Stunden in diesem Café – dieses Etikett angeheftet hat.
Schließlich kannte ich „avoidant attachment“ bis dahin vor allem aus TikTok-Videos und Instagram-Reels. In den sozialen Medien gelten „Avoidants“ oft als die „Bad guys“ – diejenigen, die nicht lieben können, die sich entziehen, die immer gehen. Je mehr solcher Videos ich sah, desto mehr stellte sich mir die Frage: Woher kommt das überhaupt – und warum ist es so plötzlich mainstream?
Noch vor Kurzem haben wir Menschen anhand ihrer Sternzeichen eingeordnet oder versucht, sie mithilfe von Persönlichkeitstests wie dem 16-Personalities-Test – basierend auf der Myers-Briggs-Typologie – zu verstehen. Und jetzt? Jetzt sprechen wir plötzlich alle wie angehende Therapeut*innen.
Ich erhebe keinen Anspruch darauf, Expertin für Internetforschung zu sein. Aber ich bin überzeugt: Wer Antworten auf Fragen zu zwischenmenschlichen Dynamiken sucht, landet früher oder später auf Reddit.
Also landete auch ich dort – im Forum „Break Ups“. Und fand dort unzählige Beiträge von Männern mit offenbar ziemlich verletztem Ego, die ihre Ex-Partnerinnen als „avoidant“ bezeichneten – oft schlicht deshalb, weil diese sich Freiraum in der Beziehung gewünscht hatten.
Nachdem ich mich an diesen Reddit-Beiträgen sattgelesen hatte – und insgeheim hoffte, niemals selbst zur Hauptfigur eines solchen Posts zu werden –, beschloss ich, mich dem Thema ernsthafter zu nähern. Und begann, mich mit der Bindungstheorie zu beschäftigen.
Die „attachment theory“, ursprünglich von John Bowlby in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt und später von Mary Ainsworth empirisch weitergedacht, sollte eigentlich erklären, wie Menschen Nähe, Sicherheit und Verlust verarbeiten. In den 1980er-Jahren übertrugen Forschende wie Cindy Hazan und Phillip R. Shaver diese Ideen auf romantische Beziehungen: die Annahme, dass auch Erwachsene Bindungsmuster entwickeln – grob beschrieben als sicher, ängstlich oder vermeidend. Gedacht war das nie als Schubladensystem. Eher als ein Versuch, Komplexität zu verstehen.
Und dann kam das Internet. Spätestens seit dem Erfolg des Buches „Attached“ von Amir Levine und Rachel Heller – und seiner Wiederentdeckung während der Corona-Pandemie – haben sich diese Begriffe aus der Forschung gelöst und sind zu einem festen Bestandteil moderner Datingkultur geworden. Oder genauer: zu einem festen Bestandteil von Feeds.
Dort beginnt das, was man vielleicht als Tiktokification bezeichnen kann. Eine Theorie wird in weniger als dreißig Sekunden erklärt, wenn überhaupt, in einfache Listen gepresst, dreimal neu interpretiert und millionenfach weiterverbreitet. Was als
Instrument zur Selbstreflexion gedacht war, wird zu einer Floskel, mit der wir um uns werfen – als wollten wir uns selbst davon überzeugen, dass wir den anderen vollständig verstanden haben.
Und manchmal wird daraus sogar ein Urteil. In manchen Videos sind „Avoidants“ nicht einfach Menschen mit bestimmten Bewältigungsstrategien, sondern fast schon Antagonisten moderner Beziehungen: emotional unerreichbar, bindungsunfähig, die Ursache für gescheiterte Beziehungen. Ich habe Aussagen gesehen, die so weit gehen, ihnen pauschal die Fähigkeit zu lieben abzusprechen.
Gleichzeitig existiert die andere Seite: Menschen, die sich selbst dieses Label aneignen und es in Memes verpacken, als wäre es eine ästhetische Identität – ein Charakterzug, den man ironisch tragen kann.
Und irgendwo zwischen Dämonisierung und Selbstironie verliert die Bindungstheorie nicht nur an Tiefe, sondern auch an ihrer ursprünglichen Bedeutung. Denn plötzlich ist jemand nicht mehr distanziert, überfordert oder schlicht nicht interessiert. Sondern: „avoidant“.
Den Rest des Dates kehrte ich unwillkürlich zu dem Gedanken zurück, dass ich gerade so einfach in eine Schablone gepresst worden war. Aber ich bin doch mehr als das! Oder nicht?
Am Ende versuchte er noch, Pläne für das nächste Wochenende zu machen. Ich nickte, lächelte, sagte Dinge wie „ja, klar“ und „lass uns nochmal schauen“, ohne je konkret zu werden. Ich sprach von einem vollen Terminkalender, davon, dass ich gerade noch nicht wüsste, wann ich Zeit hätte. Situationsbedingt zustimmend. Innerlich längst auf dem Rückzug. Ironisch eigentlich.
„Schreib mir, wenn du zu Hause bist“, sagte er. Okay. Und ich tat es wahrscheinlich auch. Weil man das so macht. Und dachte dabei nur: „Gott sei Dank ist es vorbei! Er ist aber nett. I guess.“
Zwei Tage später ghostete ich ihn. Vielleicht hatte er also recht. Vielleicht bin ich wirklich „avoidant“. Oder vielleicht war ich einfach nur eine Person, die in diesem Moment kein zweites Date wollte – und nicht wusste, wie man das sauber ausspricht.
Und vielleicht liegt genau darin das Problem. Dass wir aufhören, solche Momente als das zu sehen, was sie sind – unsicher, widersprüchlich, menschlich – und stattdessen anfangen, sie in Kategorien zu stecken, die schneller sind als jedes echte Verstehen.
Titelbild: Tasya Lokteva
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