Die verpasste Chance auf Liebe
Lieben, enttäuscht werden, lieben und enttäuschen – Eugen Onegin und Tatjana gehen auf der Bühne der Oper Leipzig der Frage nach, ob Liebe einen richtigen Zeitpunkt braucht.
Als Auftakt der Spielzeit 2026/27 an der Oper Leipzig feierte am Samstag, den 10. Oktober, „Eugen Onegin“ von Peter Iljitsch Tschaikowski Premiere. Die Inszenierung unter der Regie von Vassily Barkhatov wurde von der Oper Bonn übernommen. Alexander Pushkin schrieb „Eugen Onegin“ ursprünglich als Versroman. Tschaikowski sorgte dafür, dass dieser 1879 in Form eines Musiktheaters uraufgeführt werden konnte. Ausdrücklich nicht als klassische Oper, sondern als lyrische Szenen gedacht, wird „Eugen Onegin“ wie ein Buch mit vielen Kapiteln erzählt. Dieser Linie bleibt Barkhatovs Inszenierung treu.
Das Setting der ersten beiden Akte ist das sich in einem Dorf befindende Haus der Familie Laurin, hier wohnen Olga und Tatjana. Davor eine Art Dorfplatz. Innerhalb von grauen Häuserfassaden trifft sich hier die Dorfgemeinschaft. Nach Tschaikowskis Vision soll alles auf einer sehr alltäglichen Ebene stattfinden, mit der sich ganz alltägliche Menschen identifizieren können. Auf dieser Idee stützt die Inszenierung des Regisseurs Vassily Barthakov. Er inszeniert das Stück in die Zeit der Entstehungsgeschichte: das späte 19. Jahrhundert in Russland.
Nach einer kurzen musikalischen und szenischen Einführung in die Dynamiken der Familie Laurin betritt der Namensgeber des Stückes den Schauplatz. Der junge, reiche und charmante Eugen Onegin wird von seinem Freund und Dichter Lenskij begleitet. Eugen Onegin, eigentlich in den Städten zu Hause, muss aufs Land, um das Erbe eines Landguts anzutreten, und macht nun Antrittsbesuche bei den Nachbarn. Lenskij und Olga kennen und lieben sich bereits und verschwinden, sodass Tatjana und Onegin Zeit haben, sich kennenzulernen. Es dauert nicht lange, da gesteht Tatjana Onegin ihre Liebe per Brief, doch dieser reagiert abweisend. Er erwidere die Liebe nicht, sagt er ihr, sie müssten beide rational bleiben. Es vergeht etwas Zeit und beide finden sich mit der Situation ab.
Im zweiten Akt kommt die Dorfgemeinschaft zu einem Fest zusammen. Herbstfarben-bunte Kleidung füllt die grauen Häuserfassaden des Dorfes mit Leben. Die Gesellschaft feiert den Einbruch des kalten Winters. Es wird gesungen, getanzt und Schlitten gefahren. Aus einer Laune heraus wirbt Onegin um die Verlobte seines Freundes Lenskijs. Lenskij ist so erbittert und verletzt, dass er Onegin zum Duell herausfordert. Die Dorfgemeinschaft jubelt und drängt die beiden zum Duell. Während beide zögern und doch wieder als Freunde friedlich auseinandergehen wollen, wird der Druck von außen zu groß: Es beginnt ein Kampf, in dem Lenskij stirbt.
Der dritte Akt spielt einige Jahre später. Barthakov inszeniert diesen in einer städtischen Bahnhofshalle, einem Ort der Vergänglichkeit von Ort und Zeit. Onegin ist aus Verzweiflung über die Tötung Lenskijs und die Fügungen seines Lebens inzwischen auf Reisen gegangen und kehrt nun zurück in seine Heimat. Dort erkennt er auf einem Fest der städtischen High Society Tatjana, die einen älteren, reichen und angesehenen Mann geheiratet hat. Nun verliebt sich Onegin in sie und auch sie liebt ihn immer noch, doch will und kann sie ihren Mann nicht verlassen. Ein Konflikt entsteht für Tatjana: in der Ehe bleiben oder sich auf die Liebe mit Onegin einlassen. Tatjana beschließt, in ihrer Ehe zu bleiben, während Onegin in der Bahnhofshalle verzweifelt zurückbleibt. Er versteht, dass der Zug der Liebe endgültig abgefahren ist. Hier wird eine der zentralen Fragestellungen des Stückes deutlich. Zwei Menschen, die sich lieben und doch nicht können, weil die Chance vertan ist. Braucht Liebe, um sich zu entfalten, den richtigen Moment?
Barthakov gelingt es in seiner Inszenierung, präzise Konflikte aufzuzeigen. Konflikte der Charaktere mit sich selbst, mit anderen Charakteren oder mit der Gesellschaft. Dies schafft er zum einen durch die sehr durchdachte Auswahl an Farbspektren auf der Bühne. Zum anderen ergibt sich dies durch die geschickte Positionierung und Choreografie von Hauptfiguren und Opernchor. Diese Elemente werden zu einer Art bewegtem Bühnenbild, das inhaltliche Machtgefälle und Konflikte durch die Anordnung der Menschen aufzeigt.
Musikalisch können der Opernchor und die Solist*innen gesanglich, sowie spielend überzeugen. Besonders die Solist*innen in den Hauptrollen Franz Xaver Schlecht als Eugen Onegin und Olena Tokar in der Rolle der Tatjana leisten einen großen Beitrag zur Qualität des Stückes. Die Besetzung der Rollen ist passend und besonders bei Olena Tokar kann das Publikum die Konflikte der Tatjana in vollem Maße mitfühlen. Dirigent Ivan Repušić und das Gewandhausorchester untermalen die Singenden taktvoll und nuanciert, sodass die Musik nie zur treibenden Kraft wird, sondern die inneren Gefühlswelten der Charaktere aufgreift und musikalisch interpretiert.
Das Stück dauert drei Stunden mit einer 30-minütigen Pause nach den ersten beiden Stunden. Dies ist dem unkonventionellen Aufbau des Stückes geschuldet, da der dritte Akt wie ein Epilog aufgebaut ist und zeitlich getrennt von den ersten beiden spielt. Auch wenn sich die Zeit vor der Pause in die Länge zieht, ist diese Gliederung inhaltlich sinnvoll. Die Szenen werden immer wieder durch den schließenden Vorhang getrennt, der kleine Verschnaufpausen vom Geschehen auf der Bühne ermöglicht. Besonders während der ersten beiden Akte ist dies nötig, da sich diese Oper nicht damit rühmen kann, besonders viel Handlung zu transportieren. Musikalisch sowie inhaltlich geht es in „Eugen Onegin“ mehr um die inneren als um die äußeren Zustände. Wer in eine düster herbstlich-winterliche Welt eintauchen möchte, sollte sich „Eugen Onegin“ anschauen und sich den Dramen der Protagonist*innen Tatjana und Eugen Onegin hingeben. Ich empfehle – dazu passend – herbstlich-winterlich verregnete Nachmittage.
Titelbild: Kirsten Nijhof
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