Revolution und Biedermeier: Lortzing in der Oper Leipzig
Die Oper Leipzig macht mit dem Festival „Lortzing 26“ auf die Werke des Komponisten Albert Lortzing aufmerksam und betont dabei die Aktualität der Stücke aus dem Vormärz in der heutigen Zeit.
Albert Lortzing (1801–1851) war ein gebürtiger Berliner, der als Sänger, Komponist, Librettist, Musiker, Schauspieler und Dirigent tätig war. Zwischen 1833 und 1845 arbeitete und lebte Lortzing in Leipzig.
Im Rahmen des Festivals „Lortzing 26“ wurden vom 24. April bis zum 3. Mai 2026 eine Vielzahl seiner Stücke in der Oper Leipzig und in der Musikalischen Komödie aufgeführt. Lortzing ist vor allem für seine Spieloper bekannt. Dabei werden Orchestermusik, Gesang und Theater miteinander verbunden. Die Darstellenden singen und schauspielern zugleich und bringen so die Handlung voran. Neben Emotionen wie Liebe und Rache werden in Lortzings Opern auch gesellschaftskritische und politische Themen angesprochen. Beispielsweise soziale (Un-)Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie sowie die Abschaffung von Adelsprivilegien. Herausstechend sind die Trunkenheitslieder, die in seinen Opern immer wieder auftauchen. Sie sind auf die Studentenverbindungen und die Demokratiebewegung während der ersten demokratischen Revolution von 1848/49 zurückzuführen, denen Lortzing nahestand. Besonders sind auch die gegensätzlichen Elemente von Tragik und Komik, die Lortzing in seinen Kompositionen vermehrt einbaute.
Undine – eine romantische Zauberoper
In der Oper „Undine“ geht es um das Wasserwesen Undine (Sarah Traubel). Sie muss nach der Mythologie einen Menschen heiraten, um durch aufrichtige Liebe beseelt zu werden. Im ersten Akt heiraten Undine und der Ritter Hugo (Joseph Dennis), allerdings weiß Hugo zunächst nicht, dass Undine eine Nixe ist. Spannung in die Handlung bringt die starke Jägerin Bertalda (Olena Tokar). Die Tochter eines Herzogs verkörpert die ungerechte Vorherrschaft und eingebildete Arroganz der Adeligen Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie macht sich über die niedere Herkunft Undines lustig, will Hugo tatsächlich aber selbst heiraten. Hugo will daraufhin wirklich nichts mehr mit Undine zu tun haben, trennt sich und verlobt sich mit Bertalda. Als Strafe für seine fehlende Loyalität wird Hugo vom Vater der Undine, dem Wasserfürsten Kühleborn (Mathias Hausmann) dazu verurteilt, auf ewig mit Undine in der Wasserwelt zu leben. Vor allem der Gesang hat in dieser Oper überzeugt. Sichtbar gefiel dem Publikum die Arie der Undine und der starke, selbstbewusst Auftritt der Bertalda. Prunkvoll war das wasserblaue, wasserfallartige Kleid der Undine. Das Bühnenbild war mit einer sich fluide bewegenden Treppe eher einfach gehalten.
Die Geschichte der „Undine” wird seit der gleichnamigen Erzählung von Friedrich de la Motte Fouqué (1811) in Literatur und (Pop)Kultur immer wieder aufgegriffen. Etwa in dem Märchen „Die kleine Meerjungfrau” von Hans Christian Andersen, in der Geschichte der Disneyprinzessin Arielle oder in dem Spielfilm „Undine“ oder dem radikal-feministischen Theaterstück „Ophelia’s Got Talent” von Florentina Holzinger. Nach der Vorstellung von „Undine” fällen zwei Lehramtsstudenten ein nüchternes, aber treffendes Urteil: „nicht schlecht.“ Die Oper hätte also noch etwas pompöser und moderner inszeniert werden können.
Die revolutionäre Oper „Regina“
Die Oper „Regina“ thematisiert soziale Gleichheit und Freiheit und die Frage, ob Gewalt mit Gewalt bekämpft werden kann. Kurzgesagt handelt die Oper davon, dass Regina (Jaquelyn Wagner/ Netta Or), die Tochter des Fabrikbesitzers Simon (Oliver Weidinger/ Peter Dolinšek), von dem eifersüchtigen Fabrikavorbeiter Stephan (Mathias Hausmann/ Henryk Böhm) entführt wird. Dies tut er deshalb, weil sich Regina mit dem Fabrikarbeiter Richard (Andreas Hermann/ Matthias Stier) verlobt hat.
Das Bühnenbild ist ein holzvertäfeltes Arbeitszimmer des Fabrikanten Simon mit großem Eichentisch und Kronleuchter. Es gibt Feuer, Waffen, Kanonen und all das, was noch zu einem revolutionären Aufstand dazu gehört. Ein sehr guter Chor stellt die Fabrikarbeiter*innen dar und begeistert noch dazu mit coolen, modernen Outfits. Auf Demoschildern der streikenden Arbeiter*innen stehen Sätze wie „Wir sind das Volk“, die heute wie damals auf Demos skandiert werden. Damit versucht die Oper Parallelen aus der Zeit des Vormärzes zu heute aufzuzeigen. Der Chor ist dabei so imposant, dass er die Zuhörenden ganz tief in die Opernsessel hineindrückt. Die Darstellerin der Regina überzeugt mit mächtiger Stimme und ausdrucksstarkem Schauspiel. Sie erhält viel Applaus.
Besonders bemerkenswert ist das Ende der Oper. Regina greift nämlich zur Waffe und erschießt ihren Fänger Stephan. Indem sie selbstentschlossen Gewalt ausübt, greift sie aktiv in die Handlung ein und beeinflusst durch ihr autonomes Handeln den Verlauf des Stückes maßgeblich. Das gewählte Gewaltmittel ist dabei anders als die geschlechterstereotypen Gewaltmittel der Frau. Statt Vergiftung oder Erstechen aus Eifersucht, greift Regina hier zur Pistole, wobei der Gebrauch von Waffen rollenkonform mit Männlichkeit assoziiert wird. Lortzing bringt hier eine autonome und starke Frau auf die Bühne, die aus Notwehr und für Frieden zur Waffe greift. Ganz nach dem Motto der Frauenrechtsbewegung ist: Schluss mit der ungeteilt Macht der Männer. Gleichheit und Gerechtigkeit für alle! Diesen Aspekt machte auch die Dramaturgin Inken Meents im Vorgespräch deutlich. Sie führte aus, dass Lortzing die starke Frauenrolle der Regina an seine eigene Ehefrau Rosina Regina Lortzing anlehnte. Sie war ebenfalls Schauspielerin, brachte elf Kinder zur Welt führte parallel den Haushalt, kümmerte sich um die Finanzen der Familie und stand noch dazu selber auf der Bühne. Es wird also klar, dass Lortzing seine Opern wirklich im Geiste der freiheitlich-demokratischen Ideen der gescheiterten Revolution von 1848 schrieb. Passend dazu waren in der Inszenierung Zitate des Revolutionärs Robert Blum eingebaut, der mit Lortzing bekannt war und auch in Leipzig verkehrte.
Das sonstige Programm: Von DJ-Party bis Biedermeier-Frühstück
Das sonstige Festivalprogramm war sehr vielfältig. So gab es Audiowalks und Stadtführungen zu Lortzing, Kindervorführungen, eine Acapella-Vorführung in Kooperation mit dem Acapella-Festival Leipzig. Im Mendelssohnhaus gab es einen seltenen Liederabend mit Liedern von Lortzing sowie mit vertonten Gedichten und Schriften aus der frühen Frauenbewegung u.a. von Clara Schumann und Fanny Hensel, die von der Sängerin Solen Mainguené und dem Sänger Frieder Fleisch sowie der Pianistin Younghwi Ko im aufgeführt wurden. Zusätzlich gab es noch ein dreitägiges wissenschaftliches Musiksymposium in Kooperation mit der Uni Leipzig.
Am Vorabend zum ersten Mai gibt es auch noch Party in der Oper Leipzig. Aber leider bleibt die Oper nach der Vorstellung von „Undine“ leer und es fehlt an jungen Menschen, die etwas Schwung hätten auf die Tanzfläche mitbringen können.
Auch das Biedermeier-Frühstück am Samstag morgen, bei dem zur Verkleidung in Biedermeierkostümen und gemeinsamen Frühstück zum Klang verschiedenster Chöre aus Leipzigs Umgebung eingeladen wurde, wirkte vielleicht etwas bieder. Die Oper Leipzig schien an diesem Morgen etwas zu nostalgisch auf die Zeit des Biedermeiers zu blicken, sie gar zu glorifizieren. Besser wäre es, aus der Geschichte zu lernen und Räume für Ideen, Austausch, Bürgerbeteiligung, Selbstwirksamkeit und demokratischen Selbsthilfe zu schaffen, anstatt uneingeordnet in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Die meisten Besuchenden schienen jedoch an der Veranstaltung Spaß zu haben und kamen in zum Teil aufwändig selbstgenähten Kostümen verkleidet auf den Vorplatz der Oper.
Gut beim Publikum kamen ebenfalls die Vor- und Nachgespräche zu den Opernvorstellungen an. Zum Teil gab es in diesen Formaten eine rege Beteiligung. So etwa kam es nach der Oper „Regina” zu einer aufrichtigen Diskussion über die Bedeutung des Bühnenbildes in der Schlussszene sowie die musikalischen Besonderheiten von Lortzings Kompositionen.
Die Nachwirkung des Festivals
Zusammenfassend ist nach dem Lortzing Festival 2026 von der Oper Leipzig mit dem Vergessen-Sein von Albert Lortzing und seinen Werken wohl endgültig Schluss. Eine Festival Besucherin berichtet: „Nach dem Besuch des Festivals springt mir Lortzing immer mehr ins Auge. Es gibt Lortzing-Straßen, Lortzing-Plätze, Lortzing-Restaurants.“ Die Oper Leipzig hat ihr selbst gesetztes Ziel, Lotzing und seine Opern wieder bekannter zu machen, also erfolgreich umgesetzt.
Titelbild: Tom Schulze
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