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  • Eurydike läuft ins Leere

    Fran Díaz’ Ballett „Eurydike” an der Oper Leipzig beeindruckt mit Flughafen-Unterwelt und starken Bildern – doch die Choreografie bleibt auf der Strecke.

    Es ist eine unterkühlte, bleierne Tristesse, mit der der Choreograf Fran Díaz an der Oper Leipzig sein Publikum empfängt: Die Unterwelt ist in dieser Neuinterpretation des antiken Orpheus-Mythos kein flammendes Fegefeuer, sondern verströmt die sterile, anonyme Atmosphäre eines gigantischen Flughafenterminals. Laura Løwes Bühnenbild dominiert den Raum anfangs mit einer Reihe jener schmucklosen, grauen Sitzreihen, die man aus endlosen Wartebereichen am Gate kennt. Hier strandet sie nun, Díaz’ Eurydike. Eine radikale, feministische Neuinterpretation des antiken Mythos hat sich der Abend vorgenommen – konsequent aus der Perspektive der Frau gedacht, die in der Kulturgeschichte sonst als passive, stumme Projektionsfläche für Orpheus’ heroischen Liebeskummer herhalten muss. Ein so starker wie notwendiger Ansatz. Doch schon nach den ersten Szenen weicht die anfängliche Faszination der Ernüchterung. Die Krux dieses Abends: Ein brillantes theoretisches Konzept macht noch keine fließende Choreografie. 

    Dabei blickt die Inszenierung mit manischer Entschlossenheit auf den Kern der Tragödie: Im klassischen Mythos stirbt Eurydike an einem Schlangenbiss, woraufhin Orpheus in die Unterwelt steigt, um sie durch seinen Gesang zu befreien – nur um sie beim dramatischen Rückweg durch einen verbotenen Blick zurück für immer zu verlieren. Díaz entkleidet diese Erzählung ihrer romantischen Verklärung und streicht Orpheus fast komplett aus dem Skript. Anstelle der klassischen Rettungsqueste erleben wir Eurydikes Einsamkeit im permanenten Spießrutenlauf gegen ein martialisches, uniformiertes Security-Regime. Das Ensemble agiert in Stiefeln, Polizeihelmen und visuellem Einheitsgrau – eine bedrohliche, hochgradig anonymisierte Struktur im Transitbereich des Todes. 

    Und noch ein Bruch soll die Denkmuster aufwirbeln: Die Titelrolle ist in der Besetzung dieses Abends mit Marcelino Libao besetzt. Was zunächst wie ein kluger Cross-Gender-Schachzug wirkt, um die Figur von den verstaubten Rollenklischees der ewig zerbrechlichen, zu rettenden Frau zu befreien, stolpert in der Theaterrealität über die eigene Theorie. Libao bringt zwar eine enorme, rohe Athletik auf die Bühne, doch da auch sein primärer Gegenspieler Hades (Andrea Carino) mit einem Mann besetzt ist, mutiert die Dynamik unweigerlich zu einem rein männlich dominierten Kräftemessen. Die Erzählung von der weiblichen, emanzipierten Selbstbehauptung verliert dadurch ihre Glaubwürdigkeit. Eine FLINTA*-Person in der Titelrolle hätte diesem radikalen Ansatz das nötige Fundament gegeben; so wirkt diese Eurydike seltsam apathisch und die versprochene Emanzipation wird auf der Bühne nicht eingelöst. 

    Das strukturelle Problem des Abends liegt jedoch darin, dass sich die Regie zu sehr auf ihren Special Effects ausruht. Das zeigt sich vor allem nach der Pause: In der zweiten Hälfte mutiert die Terminal-Tristesse zur monumentalen Maschinerie, wenn ein riesiges, mechanisches Laufband den Raum dominiert und sich wie eine unerbittliche Sisyphos-Rolltreppe in den Schnürboden schraubt. Die Apparatur liefert zwar im ersten Moment eine starke Metapher des ewigen, vergeblichen Wanderns, schränkt aber im weiteren Verlauf den tänzerischen Bewegungsradius derart drastisch ein, dass die Kunst darunter leidet. Weite Teile des restlichen Stücks läuft Eurydike schlicht das Band herauf oder herab. Gepaart mit der farblichen Monochromie des Abends schleicht sich eine bleierne Eintönigkeit ein. Die Bewegungen wiederholen sich, die Choreografie verharrt im Repetitiven. 

    Immerhin: Diese Monotonie erzeugt zeitweise einen faszinierenden, fast meditativen Zustand – was primär dem phänomenalen Gewandhausorchester unter der Leitung von Yura Yang zu verdanken ist. Die hochemotionale, rhythmisch extrem fordernde Musik von Penderecki, Górecki und Kilar entfaltet eine meditative Wucht, die den Raum ausfüllt. Fast ist es schade, dass dieser orchestrale Genuss stellenweise so sehr in den Hintergrund gedrängt wird und man ihn durch die visuelle Reizüberflutung kaum noch bewusst wahrnimmt. 

    Das Stück oszilliert unentschlossen zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite das stressige Gewusel tänzerischer Moshpits, bei denen das Ensemble chaotisch ineinanderkeilt, auf der anderen die visuelle Leere des reinen, monotonen Gehens. Absurde Skurrilitäten brechen die mühsam aufgebaute Schwere immer wieder auf: Wenn auf den Monitoren über der Bühne Bilder von Flughafen-Security-Scans aufflackern, blitzt ein fast unfreiwilliger Humor auf. Auch das martialische Tête-à-Tête zwischen Eurydike und Hades büßt spürbar an Emotionalität ein, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Unterweltregent in seinem Kostüm optisch merkwürdig an den Animations-Vampir aus dem Film „Hotel Transsilvanien” erinnert. 

    Nach einer recht kurz geratenen zweiten Hälfte folgt schließlich ein erstaunlich abruptes Finale: Techniker*innen betreten die Bühne, tragen seelenruhig die Bänke der allerersten Szene wieder hinein – Blackout, Ende. Man bleibt im Zuschauerraum ratlos zurück, mitten in einer unaufgelösten Schleife. 

    Was bleibt also von Fran Díaz’ Leipziger „Eurydike”? Ein ambitionierter Ballettabend, bei dem das starre Konzept die eigentliche tänzerische Umsetzung schlicht erdrückt hat. Dem Publikum war diese konzeptionelle Schwere am Ende allerdings gleichgültig: Es feierte das Ensemble, den Choreografen und das Orchester mit nicht enden wollenden Standing Ovations. Diskussionswürdig ist dieser Abend allemal – auch wenn er seinen eigenen Ansprüchen letztlich hinterherläuft. 

     

    Titelbild: Ida Zenna

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