„Die Rede von der Entpolitisierung der Wissenschaft“
Wie frei kann Forschung tatsächlich sein? Im Interview mit luhze erklärt Prorektor Matthias Middell, wie sich Hochschulen vor dem Einfluss rechter Politik schützen können.
Sachsen-Anhalt wählte am 6. September seinen Landtag. Die AfD war mit 43,8 Prozent so nah an einer absoluten Mehrheit wie nie zuvor. In ihrem Wahlprogramm verspricht die Partei unter anderem, die „echte akademische Freiheit wieder herzustellen“. Einige Studiengänge sollen umbenannt, einige nicht mehr gefördert werden. Das Konzept einer staatlichen Universität beinhaltet Finanzierungsentscheidungen durch die Politik. Mit Blick auf die Wahlergebnisse stellt sich die Frage, nach welchen Regeln die Politik an der Uni „mitspielt“ und wie frei Forschung wirklich sein kann. Matthias Middell, Prorektor für Campusentwicklung und Professor für Kulturgeschichte am Global and European Studies Institute in Leipzig, beantwortet im Interview mit Paula Busch einige Fragen für die Universität Leipzig.
luhze: Herr Middell, wie hängt die universitäre Forschung von der Politik ab?
Middell: In Deutschland gibt es ein staatlich finanziertes Wissenschaftssystem. Private Hochschulen spielen eine nachrangige Rolle. Insofern hängt die gesamte Finanzierung des Wissenschaftssystems von der Politik ab, aber von einer demokratisch organisierten Politik. Parlamente beschließen Haushalte und diese Haushalte werden dann durch Ministerien umgesetzt. Das Ganze wird balanciert durch die grundgesetzlich garantierte Wissenschafts-, Forschungs- und Lehrfreiheit. Das heißt, wir als Wissenschaftler sind frei in der Wahl unserer Themen, Methoden und der Form der Veröffentlichung. Wir sollten uns allerdings der Illusion gar nicht erst hingeben, dass Politik im Sinne eines demokratischen Systems keinen Einfluss auf die Wissenschaft habe. Etwas ganz anderes sind aber Eingriffe politischer Akteure in laufende Forschung oder Lehre. Die AfD verspricht hier ihren Anhängern massive Interventionen und verschleiert diese beabsichtigte Einflussnahme durch die Rede von der Entpolitisierung der Wissenschaft. Was sie eigentlich will, ist eine hochgradige Politisierung der Wissenschaft.
Es wird also immer politischer Einfluss da sein. Gibt es dann überhaupt freie Forschung?
Die Forschung ist immer frei im Sinne des Grundgesetzes, aber sie ist nie frei von der Beachtung gesellschaftlicher Zwänge, in deren Rahmen sie arbeitet. Das drückt sich im Wesentlichen über Finanzen aus, aber genauso über gesellschaftliche Akzeptanz. Was die Gesellschaft als besonders relevant ansieht, übersetzt sich in eine politische Frage. Andersherum können die großen Fragen der Gegenwart in verschiedener Hinsicht den Einfluss der Politik auf bestimmte Forschungsbereiche erhöhen. Denken wir an all das, was wir als globale Probleme beschreiben, zum Beispiel den Klimawandel oder die Veränderungen der Biodiversität. Solche politischen Dringlichkeiten gehen einher mit der Aufforderung an die Wissenschaft, diese Themen bevorzugt zu erforschen. Das ist eine Vergrößerung des Einflusses der Politik auf die Wissenschaft, die wir in der Regel als positiv wahrnehmen. Wir sagen: „Ja, das ist wirklich relevant, das müssen wir machen. Ist ja toll, wenn die Politik dafür auch Geld gibt.“
Die AfD verspricht eine Entpolitisierung der Wissenschaft. Was halten Sie davon?
Ich hatte ja schon gesagt, der AfD geht es mitnichten um Entpolitisierung, sondern um eine hochgradige Politisierung der Wissenschaft für ihre Zwecke. Der Slogan der Entpolitisierung klingt nur für viele Wissenschaftler so attraktiv, dass sich die AfD-Politik in diesen Mantel hüllt, um Unterstützung zu generieren. Nach Wahlen folgen politische Entscheidungen, die die Wähler herbeigeführt haben. Damit müssen sich Universitäten auseinandersetzen. Wir stehen in einem sehr engen Verbund mit Jena, Halle und Leipzig, den drei traditionsreichen, forschungsstarken mitteldeutschen Universitäten. Natürlich werden wir das fortsetzen, das ist keine Frage. Bitte stellen Sie sich die Situation auch nicht so vor, dass die AfD an die Macht kommt und am Tag darauf hat sich an den Universitäten alles verändert. Universitäten sind sehr resiliente Organisationen. Da fällt es jeder Politik schwer, sehr kurzfristig etwas zu ändern. Das zentrale Stichwort ist Hochschulautonomie, die gesetzlich geregelt ist und viele Verfahren der akademischen Selbstverwaltung umfasst.
Oberhalb der Hochschulebene gab es in den letzten Monaten schon viele Überlegungen und Maßnahmen zur Sicherung des Wissenschaftssystems gegen Vorstöße einer einzelnen Landesregierung gegen das föderale System als Ganzes. So wurden Einstimmigkeitsregelungen modifiziert, die einem Bundesland eine Vetomacht gegen Beschlüsse der übergroßen Mehrheit verschafft hätten. Wir werden weiter über diese Themen diskutieren, schon weil unsere Kollegen aus Halle sie in die gemeinsame Beratung einbringen werden. Wie setzt man sich jetzt mit einer konkreten AfD-Politik in Sachsen-Anhalt auseinander? Das machen wir aber auch, wenn die AfD gar nicht an die Macht kommt. Das ist doch die Aufgabe einer Universität. Das werden die Studenten erzwingen und es ist den Forschenden auch ein Bedürfnis, darüber zu reden und etwas Nützliches zu dieser gesellschaftlich enorm bedeutsamen Debatte beizutragen.
Nachdem Sie herausstellen, dass die Gesellschaft über die Politik einen Einfluss auf Wissenschaft hat, am Beispiel der Klimakommunikation, wie sehen Sie Medien als Moderator zwischen Forschung und Gesellschaft?
In meinen Augen gibt es einen breiten Konsens in der deutschen Gesellschaft, dass der Klimawandel stattfindet, dass wir ihn beeinflussen und dementsprechend überlegen müssen, wie man im Einzelnen mit diesem Klimawandel umgeht. Man muss aufpassen, dass man diesen großen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass der Klimawandel real ist, nicht zerstört, indem man über Detailfragen streitet. Die AfD Sachsen-Anhalt will interessanterweise die Klimawissenschaft nicht abschaffen. Sie will sie nur kritischer machen. Wer weiß, was darunter zu verstehen ist. Aber wir müssen doch realistisch bleiben: Auch die Wähler der AfD haben dieses Jahr unter der Hitze gelitten. Es stehen sich also der große Konsens und der im Detail furchtbar intensive Streit gegenüber. Das muss man versuchen auseinander zu halten. Dann kommt man auch mit der Skepsis, die die AfD zu streuen versuchen, gut klar. Das zu trennen wäre der richtige Weg der Kommunikation aus meiner Sicht. Allerdings gibt es eben auch eine Medienlogik und nach der müssen Medien Nachrichten verkaufen. Dafür ist es gut, wenn die Medien Konflikte in besonders dramatischer Weise darstellen. Das zieht Publikum an. Das ist nicht die Logik der Wissenschaft. Wir gewinnen in der Wissenschaft eigentlich nichts aus Polarisierung. Und deswegen müssen wir als Wissenschaftssystem versuchen, Entpolarisierung zu kommunizieren. Das steht in einer deutlichen Spannung zu dem Wunsch von Journalisten, dramatische Geschichten zu erzählen. Und das ist ein echtes Dilemma in der Wissenschaftskommunikation.
Titelbild: Christian Hüller
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