„Ich wusste, heute kann gar nichts passieren“
Triathletin Caroline Pohle war schnellste Finisherin beim Leipziger Ironman-Wettkampf. Fünf Tage nach dem Sieg spricht sie im Interview darüber, bevor es zur Weltmeisterschaft in Nizza weitergeht.
Am 23. August wurde in Leipzig zum ersten Mal ein Ironman-Wettkampf ausgetragen – die Halbdistanz, bei der die Triathlet*innen 1,9 Kilometer schwimmen, rund 90 Kilometer Radstrecke und anschließend einen Halbmarathon hinter sich bringen. In der Kategorie der Profi-Frauen war Leipzigerin Caroline Pohle mit rund elf Minuten Minuten Vorsprung vor der Zweitplatzierten die schnellste Starterin. Mitte September wird sie bei der 70.3-Weltmeisterschaft in Nizza antreten. Im Interview mit luhze-Redakteurin Caroline Tennert erzählt sie, was ihr der Heimsieg bedeutet, wann sie sich den großen Traum vom Langdistanz-Rennen in Hawaii erfüllen möchte und warum es ihr besser geht, seitdem sie ihr Lehramtsstudium abgeschlossen hat.
Hast du nach deinem Sieg beim Leipziger Ironman Zeit gehabt, um innezuhalten, oder denkst du schon an Nizza?
Ich habe eins, zwei Tage ein bisschen lockeres Training gemacht. Aber eigentlich ist der Fokus dann schon immer wieder auf dem nächsten Rennen. Das ist ein bisschen schade, finde ich, weil man seine Erfolge gar nicht richtig genießen kann. Aber das ist das Leben eines Leistungssportlers – dass es immer weitergeht und der Blick schon wieder auf das nächstgrößere Ziel gerichtet ist.
Was ist dein Ziel für die Halbdistanz-WM in Nizza?
Ganz schwierig. Ich habe ursprünglich mal gesagt, eine Top-5-Platzierung wäre sehr, sehr schön und ich wäre super happy damit. Jetzt ist es so, dass die Konkurrenz sehr stark ist, aber ich auch weiß, dass ich gerade wirklich gut in Form bin. Ich will mich gar nicht so festlegen, sondern alles auf mich zukommen lassen. Ein Podest wäre aber das absolute Traumziel.
Für Leipzig hattest du keine weite Anreise, aber wie organisierst du deine Reisen, wenn du bei Rennen weiter weg antrittst, zum Beispiel in Tallinn oder Nizza?
Das ist immer ein bisschen unterschiedlich, aber ich reise schon so drei, vier Tage vor dem Rennen an. Jetzt für Nizza reisen wir sogar fast zwei Wochen vorher an, weil die Strecke sehr speziell ist. Deshalb will ich auf dem Kurs noch einmal fahren. Vor zwei Jahren in Tallinn waren es vier Tage vorher, um einen Reisetag zu haben. Der ist meistens sehr stressig, wegen dem vielen Gepäck. Und dann haben wir nochmal drei Tage vor Ort eingeplant – für Streckenbesichtigungen und um den Aufbau der Wechselzone anzuschauen. Nach der Reise kommen also nochmal ein paar Einheiten, die den Körper ankurbeln, auf Betriebstemperatur bringen. Am Tag vor dem Rennen passiert eigentlich fast gar nichts mehr, außer ein bisschen trainieren und viel essen, vor allem aber Beine hochlegen und entspannen.
Welche Charaktereigenschaften machen dich zu einer guten Triathletin?
Es ist schwierig, so über sich selbst zu sprechen. Ich glaube, meine größte positive Eigenschaft ist Resilienz. Ich habe so eine Widerstandskraft. Wenn mir jemand sagt „Du kannst das nicht“ oder „Du bist zu alt“, dann will ich es erst recht. Es steckt eine Rebellin in mir und ich bin sehr ehrgeizig. Außerdem habe ich auch ein Interesse an vielen Dingen außerhalb vom Sport und das hilft mir, einen klaren Blick aufs große Ganze zu haben. Hilfreich ist auch, dass ich mich schon frühzeitig mit dem Körper selbst beschäftigt habe. Ich weiß, wie Leistung entsteht und was ich tun kann, damit sich mein Körper besser regeneriert. Aus jeder Verletzung bin ich stärker hervorgekommen, weil ich mich intensiv damit beschäftigt habe, warum sie aufgetreten ist und was ich besser machen kann.
Du hast Lehramt studiert und vor einem Jahr dein Staatsexamen abgelegt. Wie hat sich dein Leben verändert, seit du mit dem Studium fertig bist?
Bis vor einem Jahr bin ich dreigleisig gefahren: Ich habe Leistungssport gemacht, studiert, und ich habe sehr zeitig angefangen, nebenbei in der Schule zu arbeiten – als Honorarkraft und als zweite Lehrkraft. Zum einen ist natürlich eine ganz, ganz große Last von meinen Schultern gefallen, als ich das Studium dann abgeschlossen hatte. Das war zum Ende hin eigentlich nur noch eine Qual, obwohl ich es so gern gemacht habe. Ich habe in der Zeit teilweise nur noch drei bis vier Stunden geschlafen, weil ich so viel zu tun hatte. Der Stress hat sich extrem auf meine Leistung ausgewirkt.
Wie ist es jetzt?
Seitdem ich Vollprofi bin, also nicht mehr studiere, nicht mehr nebenbei arbeite, bin ich viel ausgeglichener. Und meine Leistung ist besser geworden, ich regeneriere besser. Ich bin nicht mehr so oft verletzt, nicht mehr so oft krank. Hauptsache ist, dass ich viel mehr Zeit habe, auch mal ein bisschen runterzufahren.
Stimmt es, dass Radfahren deine Lieblingsdisziplin ist?
Das würde ich schon sagen. Es ist einfach ein Gefühl von Freiheit, weil ich mein Rad nehmen und einfach irgendwo hinfahren kann. Man ist ziemlich schnell unterwegs, kann viel sehen, sich auch mit anderen treffen, zum Beispiel mit einer Freundin Fahrrad fahren gehen oder einen Coffee Ride machen. Ursprünglich komme ich vom Schwimmen und mache das auch immer noch gerne, aber als ich mit Triathlon angefangen habe, hatte ich tatsächlich eine richtige Abneigung gegen Wasser. Ich hatte es mit dem Schwimmen vorher komplett übertrieben und konnte die Schwimmhalle nicht mehr sehen.
Wie trainierst du die Wechsel?
Ich mache jetzt schon seit knapp zehn Jahren Triathlon und ich habe mit Kurzdistanz-Triathlon angefangen. Bei den kürzeren Distanzen, da sind die Wechsel noch wichtiger als auf den längeren Strecken. Und im Training dafür haben wir das richtig geübt: also mit anlaufen, auf- und abspringen auf dem Fahrrad, dann Kurven fahren. Sodass wir die Routine lernen und gar nicht mehr darüber nachdenken in stressigen Momenten wie im Wettkampf.
Wie läuft dein Training als Profi-Triathletin jetzt ab?
Mittlerweile ist es so, dass es viel Fernbetreuung gibt. Mein Coach ist nicht immer bei mir und wohnt auch nicht in Leipzig. Er wohnt zwar in der Nähe, also in Sachsen-Anhalt, aber wir sehen uns nicht täglich. Es gibt eine Trainingsplattform, auf der er meine Trainingseinheiten reinschreibt. Wenn ich trainiere, werden meine Daten dann über die ganzen Gadgets, also meine Uhr, mein Tacho, dort hochgeladen. So sieht er die Trainingseinheit und dann kommentiere ich meistens, wie ich mich gefühlt habe und wie es lief. Er ergänzt anschließend seinen Kommentar und so funktioniert der Austausch. Zwischendurch telefonieren wir auch oder kommunizieren über WhatsApp. Er war jetzt auch beim Wettkampf in Leipzig, das war sehr beruhigend.
„Das waren vier Stunden purer Genuss“ – so wurdest du nach dem Rennen von der LVZ zitiert. Gab es trotzdem schwierige Momente?
Ja, klar. Bei so einem vier-Stunden-Wettkampf ist nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen. Da gibt es auch mal Momente, in denen du dir denkst, „ich will nicht mehr, ich will jetzt hier einfach absteigen“ und „warum tut das so weh?“. Man zweifelt schon, aber nach einem Rennen, das so gut endet, verdränge ich immer, wie schwer es eigentlich doch ist. Es überwiegen dann für eine lange Zeit die Glückshormone und die guten Momente in dem Rennen, an die man sich erinnert.
Hast du eine Routine für die Regeneration nach großen Events?
Es ist so, dass ich direkt nach dem Rennen schon eine kleine Sporteinheit mache, um den Körper wieder ein bisschen durchzumobilisieren. Und Dinge wie Eisbaden, eine warme Badewanne oder Sauna helfen gut. Außerdem Regenerationstools wie Lymphdrainage, Massage und Osteopathie. Dann natürlich viel Schlaf.
Was hat das Rennen in Leipzig für dich besonders gemacht?
Also zum einen ist es meine Geburtsstadt. Ich bin hier aufgewachsen, ich bin hier groß geworden, ich war hier auf dem Sportgymnasium. Mein kompletter sportlicher Werdegang hat hier begonnen und seinen Lauf genommen. Mit diesem Wettkampf hat sich der Kreis geschlossen. Das ist für mich die Kirsche auf der Torte, die meine Karriere versinnbildlicht. Es war auch der erste Wettkampf, bei dem meine komplette Familie und meine Freunde am Streckenrand waren und mitgefiebert haben. Das hat mir unfassbar viel Kraft gegeben. Ich wusste, heute kann gar nichts passieren, heute ist einfach nur fürs Herz.
Das war der erste Ironman-Wettkampf in Leipzig. Vor der nächsten Austragung soll noch einmal geschaut werden, was man zukünftig verbessern kann. Ist dir etwas aufgefallen?
Ich fand es eine rundum gelungene Veranstaltung für die erste Austragung. Eine Sache fällt mir trotzdem auf. Wir Profis dürfen darüber nicht zu viel meckern, weil wir zuerst starten und erstmal allein auf der Strecke sind – also viel Platz haben. Von Altersklassenathleten (Sportler*innen, die den Sport hobbymäßig betreiben, aber dennoch an Wettkämpfen teilnehmen; eine Einteilung in Altersklassen soll faire Vergleichsbedingungen ermöglichen, Anm. d. Red.) habe ich aber gehört, dass die erste Wechselzone sehr schmal gewesen ist und es sich dort ziemlich gestaut hat. Die könnte man zum Beispiel etwas größer gestalten. Ansonsten fand ich die Stimmung bombenmäßig. Es gab viele Verpflegungsstationen und genügend Wasser.
In der Triathlon-Dokumentation von Pushing Limits über dich aus dem Januar 2026 hast du gesagt, dein großer Traum ist der Ironman in Hawaii. Gibt es schon einen Plan dafür?
Der Plan ist, mir entweder Ende dieses Jahr noch die Hawaii-Qualifikation zu holen oder Anfang nächstes Jahr – um dann im Oktober 2027 in Hawaii zu sein. Ich glaube, das ist der Traum eines jeden Triathleten und auch für mich ein unfassbarer Lebenstraum. Hawaii ist der Ursprung des Triathlons, der Mythos ist dort entstanden. Selbst als Profi ist es ganz speziell, dort zu starten.
Titelbild: Caroline Tennert
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