Muskeln brauchen Sauerstoff
Raus aus dem Fitnessstudio: eine Lauftour zu fünf Orten für Sport an frischer Luft.
Die stinkende Umkleide im Fitnessstudio kitzelt die Nase und das gewünschte Fitnessgerät ist seit 20 Minuten belegt. Alltag beim Training. Mit der Wiederentdeckung der Sonne ist es an der Zeit, die gezimmerte Umgebung zu verlassen und unter freiem Himmel Spaß an der Bewegung zu haben. Die Stadt Leipzig bietet dafür einige Möglichkeiten und baut auf eine sportliche Tradition auf. Sie begann 1893 mit der Gründung des Arbeiter-Turnerbundes (ATB), der als Gegengewicht zum national-konservativen Deutschen Turnerbund eine sportliche Alternative für die Arbeiterklasse bieten wollte. Sport war dabei nicht nur körperliche Betätigung, sondern Teil von Bildung, Solidarität und politischer Emanzipation im Deutschen Kaiserreich. Später öffnete sich der ATB für weitere Sportarten und benannte sich 1919 auf dem Verbandstag in Leipzig in Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) um.
Der Arbeiterbund ermöglichte es der Arbeiterschaft, ohne Mitgliedsgebühren, teure Trainingsbekleidung oder elitäre Strukturen Sport zu treiben. Dabei waren Gesundheit und Lebensfreude zentrale Ziele der größten Sportorganisation der deutschen Arbeiterbewegung, die über eine Million Mitglieder in der Weimarer Republik zählte und in Leipzig ihr Zentrum hatte. Das Training orientierte sich an der Lebensrealität der Beschäftigten, die neben 48 Stunden Arbeit in der Woche wenig Zeit für zeitintensives Training hatten. Das sportliche Kollektiv nahm dabei auch Frauen, die zu dieser Zeit von anderen Sportorganisationen ausgeschlossen waren. Eine Bundesschule wurde 1926 in der Leipziger Südvorstadt eingerichtet mit Vorlesungssälen, einem Speisesaal und verschiedenen Sportstätten, die später beim Luftangriff auf Leipzig schwer beschädigt wurden. Zuvor war der ATSB 1933 durch die Nationalsozialisten zerschlagen worden. Die Geschichte des ATSB ist auf der Website des Deutschlandfunks nachzulesen.
Heute wird die ehemalige Bundesschule in der Fichtenstraße 28 als Wohnhaus genutzt und lediglich eine Gedenktafel der Stadt Leipzig erinnert an das ehemalige sportliche Zentrum des deutschen Arbeitersports. Ein Fitnessparcours ist gewiss kein Ort des organisierten Klassenkampfs wie die Bundeschule der ATB, aber er bleibt dennoch ein Ort für alle Menschen, die befreit von Mitgliedsbeiträgen und Kurszeiten Sport machen wollen. Mitten in der Stadt. Auf den ersten Blick erscheint die Anordnung der vielen Stangen und Streben in manch einem Fitnesspark willkürlich, doch mit ein bisschen Übung kann hier jeder Muskel erfolgreich gekitzelt werden. Eine minimalistische Art von Sport, die ohne eine teure Golftasche auskommt. Im Geist des Leipziger Arbeitersports erlaufe ich also in meinen neongelben Laufschuhen fünf ausgewählte Fitnessanlagen in Leipzig. Eine große Runde von 24 Kilometern durch die Stadt, an einem grauen Samstag im Mai.
Calisthenics Park – Friedenspark
Für den ersten Halt meiner Tour schlängle ich mich durch das grüne Labyrinth des Friedensparks. Hier hat das Amt für Stadtgrün und Gewässer im Oktober 2024 eine leicht versteckte Fitnessanlage errichtet. Wer keine Angst vor Spaziergängern und ihren Hunden hat, kann dort im Grünen trainieren. Was man mit den Stangen anfangen kann, lässt sich auf verschiedenen Blogs im Internet nachlesen oder auf Youtube angucken: Kniebeugen, Liegestütze und verschiedene Zugbewegungen werden anschaulich erklärt. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich mit Terra-Bändern verändern und viele Übungen kommen auch ohne Stangen aus. So kann man sich langsam vortasten und nach und nach neue Übungen einbauen. Perfekt, um in den Sport einzusteigen.
Park an der Etzoldschen Sandgrube – Probsthaida
Es geht weiter in Richtung Völkerschlachtdenkmal zur neuesten Ergänzung im Sportportfolio der Stadt Leipzig. Für 270.000 Euro wurde im „Freundschaftspark“ ein „Trimm-dich-Pfad“ erbaut, der seit April 2026 genutzt werden kann. Der „Trimm-dich-Pfad“ eignet sich bestens für unerfahrene Personen im freien Training, da Hinweistafeln die Ausführung erklären. So kann man auf kleiner Fläche einem „Pfad“ an Übungen für Alt und Jung folgen. Auf der Website der Stadt Leipzig ist eine Auflistung aller Sportstätten zu finden – dieser Ort fehlt bisher noch.
Calisthenics-Park – Clara-Zetkin-Park
Vorbei an den Ausstellungsräumen deutscher Autobauer passiere ich die alte Messe in Richtung Clara-Zetkin-Park. Der Fockeberg kommt in Sicht und bietet sich für Bergsprints an, doch die Sternis des letzten Abends fordern Vernunft ein. Angekommen am AOK-Spielplatz, bietet sich ein gewohntes Bild. Der Platz ist bevölkert mit spielenden Kindern und trainierenden Erwachsenen, die das Angebot an Tischtennisplatten, Basketballkörben und einem Parcours zum Balancieren bei schönstem Sonnenschein nutzen. Manche sind mit dem Lastenrad gekommen, andere mit dem Kinderwagen. Ein Wimmelbild mitten in Leipzig.

Fitness-Platz in Plagwitz
Fitness-Platz, Aurelienstraße 56 – Plagwitz
Im Westen Leipzigs werden die Beine schwer. Erst nach der Plünderung einer Kohlenhydrat-Schatzkammer in Gestalt einer Backtheke kann es weitergehen. Mit frischer Energie erreiche ich den minimalistischsten Ort der Tour. Ein paar Stangen und eine lange Bank mit Blick auf den Karl-Heine-Kanal findet man entlang des Geh- und Radwegs am Jahrtausendfeld. Hier zeigt sich: Mit wenig lässt sich trotzdem viel machen. Die Ruhepause zwischen den Übungen lässt sich für das Studium der angebrachten Tags und Sticker nutzen.
Calisthenics-Park am UFO – Gohlis Mitte
Auf in den Norden der Messestadt, nach Gholis. Der Elster folgend, lasse ich das Stadion von RB Leipzig hinter mir und durchquere den Leipziger Auwald. Hier im Leipziger Norden ist ein hölzernes Ufo der Namensgeber für den in Rot gehaltenen Sportpark. Neben dem Calisthenics-Park ist ebenfalls ein Fußballplatz mit Basketballanlage zu finden. Es ist die Einfachheit und Unverbindlichkeit der vielen Parks und Plätze, die für mich immer wieder den Unterschied machen. Es gibt keine Stoppuhr, keine Kurszeiten und keinen Wettbewerb. Nur ich selbst entscheide, was ich tue, wie lange und zu welcher Zeit. Im durchstrukturierten Alltag, in dem Termine zur vollen Stunde stattfinden, ist dieses formlose Training eine schöne Abwechslung.
Rabet – Zentrum Ost
Eine Runde ist kreisförmig und deswegen geht es zurück in den Leipziger Osten: Der Stadtteilpark Rabet lädt zum Sport ein. Ein packendes Elfmeterschießen auf dem Bolzplatz ist in vollem Gange mit großen Emotionen. In der Sandgrube spielt man Volleyball und unterhält sich über die neu erworbene „Schnelle Brille“. Die Stangen und Streben des Calisthenics-Parks wirken noch unbelebt, aber das ändert sich schnell. Zwei Jungs entdecken das Potenzial und turnen mit einer spielerischen Leichtigkeit über die Stangen. Hier endet meine Tour durch Leipzig mit der Erkenntnis, dass ich heute nicht mehr von der Couch herunterkommen werde. Für das nächste Mal reicht mir auch ein einziger Fitness-Parcours.
Titelgrafik: Tasya Lokteva
Fotos: pb
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