Gymlumne
Trainieren, posieren, ironisieren: Leipzigs Gymbros haben aus dem Muskelshirt eine kleine Philosophie gemacht.
Leipzigs Straßenbild hat einen neuen Mann hervorgebracht. Wobei: Der Mann ist vermutlich gar nicht neu. Nur seine Beschriftung ist es.
Er kommt aus dem Gym und sieht auch so aus. Breite Schultern, feuchte Stirn, auf dem Rücken vielleicht ein kleiner Schweißfleck. Auf der Brust steht „GYMRAT“. Oder „GYMHUB“. Oder „GYMNASIUM“, wobei das -NASIUM kunstvoll durchgestrichen wurde. Man ahnt die Genese – ein Geistesblitz vom Schulhof, für die Ewigkeit auf Baumwolle gebannt.
Früher ging man ins Fitnessstudio. Dann erzählte man davon. Irgendwann begann man, sich dabei zu filmen. Heute kann man sich die ganze Angelegenheit sparen: Die Erklärung trägt man direkt am Oberkörper. Der moderne Gymbro möchte schließlich nicht bloß muskulös aussehen. Er möchte, dass wir wissen, dass er muskulös aussieht. Und noch wichtiger: Er möchte nicht für einen gehalten werden, der das allzu ernst nimmt.
Denn zwischen Proteinshake und Spiegelselfie lauert ein Verdacht: Vielleicht besitzt dieser Mann außer einem ausgeprägten Trizeps keine weiteren Interessen.
Dagegen muss etwas getan werden.
Das Mittel der Wahl: Selbstironie. Zumindest auf dem Papier – oder besser: auf dem Stoff.
„GYMRAT“ sagt: Ich weiß, dass ich viel trainiere. „GYMHUB“ sagt: Ich weiß sogar, dass „Hub“ ein ziemlich cooles englisches Wort ist. Und das durchgestrichene „nasium“ sagt vermutlich: Ich bin nicht nur körperlich aktiv, sondern habe mich auch schon einmal mit dem Alphabet beschäftigt.
Das ist die Ambition dieser Shirts: Sie wollen zwei Dinge gleichzeitig. Muskelmasse und Distanz dazu. Sie wollen sagen: Seht her, ich bin genau das Klischee, über das ihr euch lustig macht. Und seht her, 
ich mache mich schon selbst darüber lustig.
Selbstironie entsteht nur leider nicht dadurch, dass man sein eigenes Klischee in Großbuchstaben auf die Brust druckt. Sonst wäre jeder schlechte Witz nur noch eine Frage der Typografie.
GYMRAT ist ungefähr so subversiv wie ein „Saufen“-Shirt mit einem kleinen Augenzwinkern. GYMHUB klingt weniger nach Gesellschaftskritik als nach einem Fitnessstudio, das seine eigene WLAN-Verbindung bewirbt. Und das durchgestrichene „nasium“ hat jene besondere Qualität von Humor, bei der man sich nach dem Lesen fragt, ob man die Pointe verpasst hat. Vielleicht liegt genau darin das Missverständnis. Die Gymshirts wollen nicht nur einen Körper zeigen. Sie wollen einen Charakter liefern. Diszipliniert. Selbstbewusst. Ironisch. Der Träger soll zugleich der Witz und derjenige sein, der den Witz verstanden hat.
Das ist eine Menge Verantwortung für ein T-Shirt. Und vielleicht auch ein bisschen viel Meta für einen Stoff, der aus 99 Prozent Polyester besteht und den ab und an ein Schweißfleck ziert. Dabei wäre gegen den eigentlichen Inhalt gar nichts einzuwenden. Wer trainiert, trainiert. Wer gerne Muskeln hat, darf gerne Muskeln haben. Es gibt Schlimmeres, als sich mit seinem Körper zu beschäftigen. Nur muss man daraus nicht gleich eine Identität zum Anziehen machen.
Denn wer wirklich über sich selbst lachen kann, muss sich das nicht unbedingt auf die Brust schreiben. Ein guter Witz braucht kein Logo. Ein guter Witz erklärt sich nicht. Und ein wirklich entspannter Mensch muss nicht vorsorglich darauf hinweisen, dass er wirklich richtig entspannt ist. Vielleicht ist das also gar kein Problem der Muskeln. Vielleicht ist es ein Problem der Unsicherheit.
Der Gymbro möchte stark sein. Das ist verständlich. Er möchte aber zugleich beweisen, dass er weiß, wie komisch es ist, stark sein zu wollen. Also trägt er das Klischee selbst. Dann kann es ihm niemand mehr vorwerfen. Nur sieht man am Ende vor allem eines: Jemand hat sehr lange darüber nachgedacht, wie wenig ernst er genommen werden möchte.
Mein Vorschlag für den Herbst ist deshalb radikal schlicht: Trainiert. Hebt Gewichte. Esst euer Eiweiß. Macht eure Wiederholungen. Freut euch über den Bizeps. Und dann zieht ein frisches T-Shirt an, auf dem am besten einfach gar nichts steht.
Titelgrafik: Catalyststuff/Magnific
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