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  • Bücherwurm mit Blockade

    Die Wunschliste an Büchern wird immer länger, doch das Lesen fällt immer schwerer. Kolumnist Eric fragt sich, wo seine Konzentration geblieben ist.

    Es ist kurz vor 23 Uhr und ich liege im Bett. Lesezeit, wenigstens zwanzig Minuten. Auf meinem Nachttisch stapeln sich vier Bücher, die mich vorwurfsvoll anstarren. Die in meinem Regal – die meisten noch ungelesen – haben mir  schon längst den Buchrücken zugewandt. Als wollten sie sagen: Ja, ja. Treib es nun mit deinen neuen … – naja, ihr wisst schon. Wenigstens sprechen sie ja noch mit mir – die zwei Stapel, die schon längst beim Aussortieren in einen Pappkarton verschwunden sind, haben keine Worte mehr für mich übrig. Kann man zu viele Bücher haben? Nein, zu wenig Platz aber allemal.

    Doch ich schweife ab, lesen wollte ich ja. Ich greife zum obersten Buch. Dummerweise eins auf Englisch: Eat & Run von Scott Jurek. Was soll‘s, für die paar Seiten sollte meine Konzentration auch für ein fremdsprachiges Buch reichen. Zum Entscheiden bin ich gerade eh viel zu müde. Generell ist das mit dem Entscheiden so eine Sache. Ich wiederhole, da liegen vier Bücher! Darauf muss ich erstmal einen Schluck Wasser zu mir nehmen. Apropos Wasser: Wo habe ich denn meine Flasche hingestellt? Egal, vor dem Schlafen soll man ja eh nicht zu viel trinken.

    luhze-Autor Eric Binnebößel mit einem Stapel Bücher, von denen er eins auf dem Kopf balanciert

    Kolumnist Eric denkt, dass Zeit der Schlüssel ist, um seine Leseliebe wieder zu entfachen. Foto: Eric Binnebößel

    Immerhin habe ich mich über die vergangenen Tage schon zu Kapitel 5 vorgearbeitet. Die sieben Seiten zum nächsten Kapitel sollte ich eigentlich schaffen. Als ich kurz darüber grüble, was zum Teufel nochmal valedictory heißt, meldet sich meine nervöse Blase. Dabei liege ich doch schon so kuschelig! Aber wenn ich jetzt nicht gehe…Was sein muss, muss sein. Auf dem Weg zurück vom stillen Örtchen fällt mir ein, dass mein Handy noch nicht auf offline gestellt ist. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm, ein paar Push-Mitteilungen wegwischen – und schon hat mein Daumen die Nachrichtenapp ausgewählt. Ein mieser Verräter, dieser Daumen. Er macht, was er will. Schnell ausmachen! Obwohl, es interessiert mich schon, wie in Leipzig mit der Verbreitung des Eichenprozessionsspinners in vielen Parkanlagen umgegangen wird… Aber nein, das sind Gedanken für morgen. Ich möchte ja schließlich lesen.

    Wo war ich? Ein Blick auf meinen Wecker. Schon 23:20 Uhr? Okay, die restlichen drei Seiten schaffe ich noch – wobei, müde bin ich schon. Und früh raus muss ich auch. Lieber Scott, ich muss mich entschuldigen. Können wir unser Date morgen fortsetzen? Mit einem leichten Schamgefühl lege ich das Buch zur Seite.

    Die letzte Frage, die ich mir vor dem Einschlafen stelle: Wo ist meine Konzentration geblieben?

    Die Jugend von heute

    Ich liebe Bücher! Für mich ist es ein quasi religiöser Akt, ein neues Buch in die Hand zu nehmen, darin zu blättern, über den Buchrücken und die Seiten zu streicheln und das Buch zu riechen. Ja, richtig gelesen. Jedes Buch hat seinen eigenen Geruch, das kann mir auch kein E-Reader geben. Zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehört es, in ein Büchergeschäft zu gehen, um dort gerne auch mal mehr als eine Stunde zu verbringen. Dann streife ich die Bücherregale entlang, greife das ein oder andere Buch aus dem Regal, mache Bilder für meine Bücherwunschliste und lege es behutsam an seinen gewohnten Platz. Das Problem: Meine Wunschliste wird immer länger, doch so richtig komme ich mit meinen Lese-To-Do’s nicht voran.

    „Wir lieben Videos und Podcasts. Verlernen wir jetzt das lesen?“, titelt der Tagesspiegel. Etwas dramatischer heißt es bei Deutschlandfunk Kultur: „Lesekompetenz in der Krise: Wie wir das Lesen retten.“ Immer wieder begegnen mir solche und ähnliche Beiträge, die zeigen, wie meine Generation und jüngere Menschen ein Problem damit haben, sich mit längeren Texten auseinanderzusetzen. Nach dem Motto: Die Jugend von heute, süchtig nach Social-Media und zu inkompetent, sich mal für eine halbe Stunden die Zeit mit einem Buch zu vertreiben. Angesprochen habe ich mich eigentlich nie gefühlt. War ich es nicht, der in der siebten Klasse Stephen Kings Es innerhalb weniger Tage verschlungen hat? Habe ich mich nicht schon in meiner Realschulzeit mit politischen Texten von Henry Kissinger auseinandergesetzt? Bin ich nicht heute noch stolz darauf, dass ich den dritten Band von Harry Potter innerhalb eines Wochenendes gelesen habe?

    Seit dem Studium muss ich jedoch feststellen, dass die Zeit für meine Freizeitlektüre stark geschrumpft ist. Klar, im Studium liest man für gewöhnlich auch mehr als in der Schule. Dass man abseits davon auch andere Dinge machen möchte, ist normal. Doch selbst seitdem vergleichsweise wenige Studienlektüren anstehen, verwende ich weniger Zeit als zuvor auf mein heißgeliebtes Hobby. Ja, mein innerer Bücherwurm ist in einer Schaffenskrise. Gut, ich lese mehr Zeitung als früher. Das mag eine Art journalistische „Berufskrankheit“ sein. Doch vor allem tun Podcasts und Hörbücher ihr Übriges.

    Höre ich richtig?

    Ja, ja: Das gesprochene Wort. Wie verlockend und praktisch ist es, zu lesen und doch wieder nicht zu lesen? Wäschewaschen, die Wohnung reinigen, einkaufen: Das alles kann ich machen – und mein Buch ist dabei! Innerhalb weniger Monate habe ich mich durch die komplette Fantasiewelt von Cornelia Funke gearbeitet oder mit Katniss Everdeen die Hungerspiele durchlebt und mitgelitten. Das Narrenschiff von Christoph Hein konnte ich innerhalb einer Woche beenden.  Für all die Bücher, die ich im vergangenen halben Jahr gehört habe, hätte ich lesend mindestens zwei Jahre verbracht. Das Hören als verdichtete Zeit. Mehr schaffen. Mehr fühlen. Mehr lernen. Mehr konsumieren.

    Ich muss in letzter Zeit häufig an ein Gespräch denken, dass ich mit einer Bekannten geführt habe. Als ich sagte, dass ich mir mehr als 90 Minuten ein Fußballspiel anschauen kann und dabei nichts anderes mache, wurde ich erstaunt gefragt: „Du schaust Fernsehen, ohne etwas anderes dabei zu machen?“

    Vielleicht ist das Problem nicht, dass meine Liebe für das Lesen verglüht ist. Vielmehr habe ich mich in den vergangenen Jahren zu sehr an das Effizienzdenken gewöhnt, soviel wie möglich gleichzeitig zu schaffen. Es sich in einer Ecke gemütlich zu machen und dabei wirklich nur zu lesen (oder ein Hörbuch zu hören), bedeutet in dem Sinne, sich auch der eigenen Beschränktheit bewusst zu werden. Vielleicht schaffen wir dadurch weniger. Doch der Moment des Lesens ist dann umso kostbarer und intensiver. Wer möchte immer nur mit einem halben Bein in einer Geschichte stecken, während man mit dem anderen einen Marathon läuft?

    Dass ich immer noch in der Lage bin, mich auf nur eine Sache einzulassen, zeigen meine Fußballrituale. Vielleicht brauche ich auch einfach nur einen neuen Leseslot – der „Ich gehe gleich schlafen“-Modus war noch nie der hilfreichste Gefährte der Konzentration.

    Titelgrafik: Eric Binnebößel mit Canva

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