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  • Blaue Wolken im Kopf  

    Die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bereiten Kolumnist Eric Kopfzerbrechen. Darüber, mehr Fragen als Antworten zu haben.

    Es ist mein letzter Urlaubstag an der Ostsee und ich sitze auf einer gemütlichen Bank am Strand. Sie ist etwas höher gebaut, sodass es selbst für mich möglich ist, meine langen Beine baumeln zu lassen. Ich habe diese Bank in den wenigen Tagen, die ich auf der Insel Usedom verbracht habe, schnell in mein Herz geschlossen. Die letzten Minuten auf ihr versuche ich zu genießen. Ich schaue raus aufs Meer, möchte klare Gedanken fassen und doch wieder an nichts denken. Der salzige Wind bläst mir ins Gesicht. Ich schließe den Reißverschluss meiner Trainingsjacke, es wird langsam frisch. Ein paar Minuten verharre ich reglos, werfe gelegentlich einen Blick auf mein Buch, welches ich eigentlich noch im Urlaub beenden wollte, nun aber in geschlossener Verschwiegenheit neben mir liegt. Ozeane – Die letzte Wildnis unserer Erde von David Attenborough und Colin Butfield. Etwa 80 Seiten fehlen mir noch, eigentlich müsste ich noch lesen. Meine Sachen muss ich auch noch zusammenpacken, eine halbe Stunde am Strand bleibt mir noch. Stattdessen fasse ich einen anderen Entschluss, und greife zu meinem Tablet – ich muss mich noch durch das Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl 2026 arbeiten.  

    Eigentlich sollte diese Kolumne ganz anders aussehen. Es sollte ein sachlicher Blick auf die in einer Woche stattfindende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt werden. Das Bundesland, in dem ich geboren und aufgewachsen bin – und ja, in dem ich auch kurzfristig meine berufliche Zukunft sehe. Trotz der AfD, für die ein neues Rekordergebnis bei einer Landtagswahl mehr als wahrscheinlich ist. Eine Partei, die Pressefreiheit für sich neu definiert.  

    Diesen Text wollte ich schon längst geschrieben haben, wusste ich doch schon seit mehreren Wochen, dass ich ihn schreiben wollte. Das Thema und die grobe Argumentation hatte ich schon im Kopf. Doch was soll ich sagen? Aufgeschoben habe ich die Kolumne. Immer wieder. Mehrmals saß ich vor dem Bildschirm meines Laptops, hoch motiviert, endlich diesen verdammten Text zu schreiben. Als ich nach einer Viertelstunde immer noch keinen vernünftigen Satz zustande gebracht habe, gab ich es auf. Es war ja schließlich noch Zeit und mit der Zeit kommen auch die Worte. So war es immer. Doch auch in dem Moment, als ich diese Zeilen schreibe, fühlen sich die Worte nicht richtig an. Ich merke, dass ich müde bin. Zu müde, um gegen eine blaue Welle anzuschreiben. 

    „Was anderes kannste ja nicht wählen!“  

    Während ich mich am Strand durch das Regierungsprogramm arbeite, versuche ich mich in den Kopf eines AfD-Wählers hineinzuversetzen. Was könnte er an dieser Partei so attraktiv finden, was mir möglicherweise entgangen ist? Von einer „Diktatur der Altparteien“ ist in der Präambel die Rede. „Wenn es uns nicht mehr gibt, ist die Demokratie tot“, steht dort. Soso, die AfD als Galionsfigur der Demokratie. Dass der Landesverband Sachsen-Anhalt der AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, versuche ich zu verdrängen. Hey, das klingt doch mal gut: Kostenfreie Kitaplätze und ebenso kostenfreies Schulessen! Und Kindern soll bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ermöglicht werden, sich in einem Verein nach Wahl kostenfrei sportlich zu betätigen! Es geht so weiter. Manche Vorschläge klingen tatsächlich ganz vernünftig, häufiger halte ich jedoch inne, schüttele kurz den Kopf, habe viele Fragen. 

    Bei einem Punkt im Kapitel über Kultur und Integration bleibe ich hängen. Dort heißt es, man solle Ostdeutschland als Vorbild für ganz Deutschland verstehen. Der Osten sei kein schlechteres, sondern das bessere Deutschland. Soll das die Antwort auf zweifellos bestehende strukturelle Ungleichheiten zwischen Ost und West sein? Sich im Gegenzug über „die anderen“ stellen, weil man durch Revolutionserfahrungen politisch reflektierter und wacher sei? Vom Gemobbten zum Mobber – das war schon in der Schule keine sinnvolle Antwort, denke ich mir. An dem Punkt schalte ich mein Tablet aus. Irgendwie ist das falsch, was ich hier tue. Es ist mein letzter Urlaubstag und mir fällt nichts Besseres ein, als mich durch ein 258-Seiten-Dokument zu quälen, bei dem mir teilweise schlecht wird. Ich stehe auf und verlasse den Strand. Ein flüchtiger Blick auf die Ostsee, ich werde sie wahrscheinlich ein Jahr nicht mehr sehen.  

    In meinem Kopf tun sich blaue Wolken auf. Ich denke an meine Lieblingstankstelle in der Heimat, wo ein Mitarbeiter davon spricht, nur die AfD zu wählen. Ich denke an den Sachsen-Anhalt-Tag in Bernburg (Saale), wo beim AfD-Stand Dauerbetrieb herrschte. Ein kurzer Blick auf WhatsApp in die Statusmeldungen meiner Kontakte. Personen, von denen ich eigentlich glaubte, dass sie nicht auf den rechten Populismus reinfallen, teilen mittlerweile die idiotischsten Statements von rechten Influencern oder fragwürdige – meist KI-generierte – Bilder, die scheinbar lustig sein sollen. Seit langem besuche ich mal wieder Facebook und bin erstaunt, was für ein Gehirnabfall mir mittlerweile in die Timeline gespült wird. Das Handy schalte ich schnell wieder aus. Jetzt wird mir auch vom Denken übel.  

    „Was anderes kannste ja nicht wählen!“ Oder: „Die Politik braucht mal ‘nen Denkzettel.“ Solche Sätze höre ich mittlerweile immer öfter auch im persönlichen Umfeld. Da ist eine Enttäuschung, die ich sehr gut verstehen kann. Ja, auch eine gewisse Wut auf die aktuelle Regierung. Auch ich schüttele oft den Kopf über Friedrich Merz und seine Regierungspolitik. Doch auf die Frage, was denn genau die AfD so ansprechend macht, wird es erstaunlich unkonkret. „Die greifen endlich durch“, solche Sätze sind dann alles, was kommt. 

    Die Antworten, die die AfD liefert, sind aus meiner Sicht rein destruktiv. In dem Kontext muss ich an eine Kolumne von Maja Göpel in der taz denken. Wie sie schreibt, würden populistische Antworten für Probleme keine Lösung durch Veränderung bieten. Stattdessen böten sie Feinde auf dem Weg der eigenen Absicherung durch Verhärtung. Der Populismus bediene die Nullsumme: „Wenn irgendwer dazugewinnt, bedeutet das automatisch, dass jemand anderem etwas weggenommen wird.“ Die Verunsicherung löse er lieber durch eine wachsende Anzahl vermeintlicher Feinde auf. 

    Auch wenn nicht jede Versprechung der AfD Sachsen-Anhalt (sofort) umsetzbar ist, so nährt die Partei eine Kultur der Feindschaft. Das Klima der Ausgrenzung mag vielleicht nicht unmittelbar greifbar sein, doch es hat bereits Auswirkungen, die sich mit jeder weiteren Stimme für die AfD kumulieren.  

    Fluchtgedanken 

    Laut einer Erhebung des DeZIM-Instituts aus 2024 überlegt fast jede zehnte Person mit Migrationshintergrund in Anbetracht der AfD-Erfolge ernsthaft, Deutschland zu verlassen. Sollte die AfD in einem Bundesland Teil der Landesregierung werden, seien noch stärkere Abwanderungsbewegungen zu erwarten: 12,5 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund planen, dann in ein anderes Bundesland zu ziehen. Selbst von den Befragten ohne Migrationshintergrund erwägen 11,7 Prozent zumindest hypothetisch einen Wegzug. Das merke ich auch in Gesprächen im Freundes- oder Bekanntenkreis. Wann immer das Gespräch Richtung Politik abdriftet, kommt schnell die Frage auf: Wohin würdest du gehen, wenn die AfD nun tatsächlich an die Macht kommt? Es folgen wilde Gedankenspiele. Skandinavien vielleicht? Da läuft doch alles so gut. Neuseeland? Niedliche Quokkas gibt’s da, ist aber auch ganz schön weit und da möchten bestimmt alle hin. Die Schweiz ist doch gleich nebenan – und die sind sogar neutral! Wir können gerne diesen Tagträumen folgen, vielleicht sogar konkrete Auswanderungspläne schmieden. Bei Personen mit Migrationshintergrund, die fast täglich Diskriminierungserfahrungen erleben, einfach nur, weil sie sind, ist das mehr als verständlich. 

    Doch die Frage bleibt gerade für Personen wie mich, die nicht täglich diskriminiert werden, deren Identität nicht infrage gestellt wird, die also aus einer noch sehr privilegierten Position sprechen: Ist das unsere einzige Antwort auf die wachsende Popularität von AfD & Co.? Den Rechten einfach das Feld überlassen? Sich im persönlichen Schildkrötenpanzer verkriechen und warten, bis es vorbei ist? Dann wiederum denke ich mir: Ist da nicht immer noch die Mehrheit, die bleiben möchte? Gibt es da nicht immer noch den Großteil der Menschen, die nicht die AfD wählen? Die Menschen, die offen ihre Stimme gegen rechte Parolen erheben? Ist nicht die Schockstarre, in die ich mich gerade begebe und die selbst nicht konstruktiv ist, auch ein Teil des Problems? 

    Während ich mir diese Fragen stelle, habe ich die frische Ostseeluft längst hinter mir gelassen und sitze in der Regionalbahn zurück nach Leipzig. Glaubte ich noch, mit meinem Sitzplatz nahe der Zugtoilette im Lotto gewonnen zu haben, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Den Geruch von getrocknetem Urin kann selbst der Gedanke an die frische Meeresbrise nicht übertünchen. In dieser Zugfahrt möchte ich jetzt nicht mehr an Politik denken und greife nach meinem Buch. Der Rückweg gehört ja schließlich auch noch zum Urlaub und meinen Leseauftrag habe ich nicht vergessen. Ein paar Stationen vor dem Berliner Hauptbahnhof schlage ich das Buch zu, mission completed. Kurz denke ich an die Wunder unserer Ozeane und die Positivbeispiele, wie Umweltschutz gelingen kann – an die Geschichten von Heldinnen und Helden, die dazu inspirieren, wie Menschlichkeit funktionieren sollte. 

    Als der Zug kurz vor Berlin zum Halten kommt, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Einige Leute drängeln sich durch das inzwischen überfüllte Abteil, um auszusteigen. Eine Frau mit Kind, ein älteres Paar, fast alle mit großen Reisetaschen. Auch ein etwas korpulenter Mann im Hansa Rostock-Trikot ist dabei. Auf seinem Rücken prangt die 65, darunter der Aufdruck „AFDFCH“. Alles für den FC Hansa, ein Leitspruch unter Fans des Vereins – doch daran habe ich zunächst nicht gedacht. Da sind blaue Wolken in meinem Kopf, die Realität hat mich zu schnell eingeholt.  

     

    Titelbild: Eric Binnebößel

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