Warum ich das Studium nicht abbreche
Nach der letzten Klausur ihres Studiums macht sich bei Kolumnistin Lena statt der großen Erleichterung ein Gefühl der Unsicherheit über ihre Studienwahl breit.
Wer eine Geistes- oder Sozialwissenschaft studiert, ist vermutlich mit dem Gefühl vertraut, in harten Phasen des Studiums zu stecken und sich zusätzlich auch noch mit den unklaren Berufschancen auseinandersetzen zu müssen. Im Jahr 2021 bin ich für das Soziologiestudium nach Leipzig gezogen. Letzten Sommer habe ich meinen Bachelor abgeschlossen und mich anschließend auf eine Reihe von Masterstudiengängen beworben, die nur bedingt an mein Soziologiestudium angeschlossen hätten. Nach langem Überlegen habe ich mich jedoch dafür entschieden, vorerst in Leipzig zu bleiben und den Master in Soziologie anzuschließen.
Den Master studiere ich nun seit einem Jahr und mit jeder Woche werden meine Zweifel größer, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich habe keinen konkreten Berufswunsch, der einen Abschluss in Soziologie erfordert. Ich strebe keine Karriere in Forschung und Wissenschaft an und ich sehe, wie meine Kommiliton*innen für dieses Fach brennen. Nach fünf Jahren kann ich keine vergleichbare Begeisterung mehr für das Studium aufbringen. Meine Gefühle zu diesem Thema sind natürlich extrem komplex. Ich weiß, dass es ein großes Privileg ist, ein Studium zu verfolgen, das zu so unklaren Berufschancen führt. Wenn die
möglichen Jobs für Soziologieabsolvent*innen schon 2021 knapp waren, hat sich die Lage seitdem nur verschlechtert. Strukturelle Wandlungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt und finanzielle Kürzungen belasten das Feld. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass mein Studienfach nach meinem Abschluss nur noch eine untergeordnete Rolle in meinem Leben spielen wird.
Bis dahin versuche ich wieder an das Gefühl anzuknüpfen, wie sehr ich dieses Fach vor einigen Jahren geliebt habe. Ich wusste bereits als Jugendliche, dass ich Soziologie studieren möchte. Damals spielte die unklare Zukunftsperspektive keine Rolle, weil ich einfach unglaublich wissbegierig war. Meine Begeisterung für Soziologie beruhte schon damals auf einer tiefen Faszination für menschliches Handeln und soziale Dynamiken. Ich weiß, dass diese Themen auch nach dem Ende meines Studiums eine Rolle in meinem Leben spielen werden.
Außerdem plane ich, meine letzten Monate als Studentin in Leipzig in vollen Zügen zu genießen. Komplett unvoreingenommen möchte ich hier behaupten, dass Leipzig eine der besten Studienstädte Deutschlands ist. Meine durchweg positive Erfahrung, in dieser Stadt zu leben, hat auch maßgeblich meine Studienzeit geprägt.
Selbst nach fünf Jahren Studium freue ich mich noch über Momente, in denen ich etwas Neues lerne. Kein Gefühl wird es jemals toppen, ein statistisches Konzept nach langem Grübeln zu verstehen oder einen Befund in einem Paper zu lesen, der etwas vollkommen Unerwartetes über gesellschaftliche Phänomene offenbart.
Obwohl mir selbst die Begeisterung für Soziologie ein wenig abhandengekommen ist, sehe ich, wie meine Kommiliton*innen und Dozierenden in diesem Fach aufgehen. Ich weiß, dass das kommende Jahr meine letzte Möglichkeit sein wird, regelmäßig mit anderen Soziolog*innen über sozialwissenschaftliche Fragestellungen im Austausch zu stehen, und ich versuche, so viel wie möglich daraus mitzunehmen.
Meine letzten Monate als Soziologin werde ich genießen mit der Gewissheit, dass ich alles aus meinem Studium herausgeholt habe, auch wenn mein Abschluss nicht in einer Karriere in diesem Feld endet und ich einen anderen Weg einschlage.
Titelbild: privat
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