Der Tiger im Gewerbegebiet
RIP Sandokan: Weshalb Raubkatzen verdammt schlechte Haustiere sind.
Der Tiger hieß Sandokan – ein Name wie aus einem Abenteuerroman, nach Dschungel und Freiheit klingend. Tatsächlich aber starb Sandokan nicht im Urwald, sondern zwischen Kleingärten bei Schkeuditz – getroffen von der Kugel eines Polizeibeamten. Zuvor hatte er einen Pfleger schwer verletzt und beschlossen, dass es nun Zeit für eine kleine Spritztour sei. Ein Tiger in Sachsen: Das klingt verdächtig nach Diskussionsstoff fürs Sommerloch.
Und sofort begann auch die bekannte deutsche Ersatzreligion: die moralische Gruppenaufstellung. Die einen beweinten das arme Tier. Die anderen diagnostizierten behördliches Versagen. Dabei ist doch die eigentliche Frage: Warum glauben Menschen eigentlich noch immer, sie könnten Wildheit besitzen?
Denn genau darum geht es hier. Nicht um einen tragischen Einzelfall. Nicht um Sicherheitsmängel. Nicht einmal primär um Tierhaltung. Sondern um den alten menschlichen Irrtum, Natur sei eine Art Dekorationsobjekt für die eigene Persönlichkeit.
Die sogenannte „Tigerkönigin“ Carmen Zander – ehemalige Dompteurin und selbsternannte „Mutti“ Sandokans – posierte jahrelang mit ihren Raubkatzen wie andere mit Designerhandtaschen. Der Tiger wird dabei zum Accessoire einer Persönlichkeitserzählung: stark, gefährlich, majestätisch.
Nur interessiert sich der Tiger reichlich wenig für menschliche Narrative. Ein Tiger kennt keine Zirkusromantik und auch keine therapeutische Selbsterfindung. Er bleibt ein Raubtier mit Zähnen von acht Zentimetern Länge und einer biologischen Bestimmung, die ungefähr so kompatibel mit deutschen Gewerbegebieten ist wie ein Buckelwal mit der Lübecker Bucht.
Besonders grotesk ist die Sprache, mit der solche Haltungen verteidigt werden. Da ist von „Bindung“, „Vertrauen“ und „Liebe“ die Rede. Menschen sprechen über Tiger inzwischen wie über einstige Beziehungspartner. Er sei sensibel gewesen, heißt es über Sandokan, ein „Angsthase“, schnell überfordert. Genau darin liegt die ganze Tragik moderner Vermenschlichung: Wir erklären Tiere psychologisch, um vergessen zu können, dass sie Tiere sind.
Der Tiger wird neurotisch geredet, damit der Mensch sich zivilisiert fühlen darf.
Und natürlich musste Sandokan sterben. Sobald ein Wildtier aus der vorgesehenen Kulisse ausbricht, endet jede romantische Fantasie abrupt. Dann zeigt sich, dass unsere angebliche Tierliebe nur unter der Bedingung funktioniert, dass das Tier sich wie ein Haustier verhält. Freiheit meinetwegen – aber bitte nur in der Terra-X-Doku im Vorabendprogramm. Noch lieber allerdings die weichgezeichnete Zoo-Idylle von „Elefant, Tiger & Co.“, in der das Raubtier einen sympathischen sächsischen Namen trägt und der Pfleger das Fleisch in handhabbaren Portionen serviert. Da bleiben einem dann sogar die Jagdszenen erspart.
Wir lieben die Vorstellung von Tieren, wie wir sie gerne hätten, nicht wie sie wirklich sind. Der Wolf soll Märchenfigur bleiben, der Bär ein Logo und der Tiger ein Zirkustier. Doch ein echtes Raubtier erzeugt sofort einen Ausnahmezustand, weil es uns an etwas erinnert, das wir verdrängt haben: Der Mensch steht nicht über der Natur. Er hat sie lediglich lange genug eingesperrt, um vom Gegenteil überzeugt zu sein.
Sandokan war am Ende weder Monster noch Märtyrer. Er war einfach ein Tiger – und verhielt sich schließlich auch so.
Bild: pixabay
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