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  • „Barock & Proud“ – Musik, Fashion und Literatur für queere Sichtbarkeit

    An einem Abend voller Musik und Mode setzt das Stadtmuseum Halle ein Zeichen für Offenheit.

    Langsam wird es dunkel, die Gäste sammeln sich mit ihren Weingläsern im Innenhof, der Runway ist schon aufgebaut. Nebel tritt aus den Maschinen, eine Stimme setzt ein: „Ich halte deine Briefe an mein Gesicht, ich küsse die Unterschrift“, dazu Operngesänge. Das Publikum ist andächtig still. Bunte Lichter flackern und das erste Model betritt den Laufsteg.

    Konzert, Fashionshow, Führungen, DJ und eine mitternächtliche Lesung stehen heute auf dem Programm. „Barock & Proud“ ist der Titel der Fashion Party im Stadtmuseum in Halle am 6. Juni. Jane Unger ist seit 2013 Direktorin des Stadtmuseums und Leiterin des Fachbereichs Kultur der Stadt. Stolz blickt sie auf den anstehenden Abend, den das Stadtmuseum anlässlich der jährlichen Händelfestspiele organisiert hat. Das Motto der Festspiele 2026 lautet „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“ – eine Einladung, Rollenbilder neu zu betrachten. Die Fashion Party versucht daran anzuknüpfen: Kleidung soll nicht als Einordnung in eine geschlechtliche Kategorie dienen. Jane Unger wünscht sich schon seit langem eine Fashion Show, die eben diese Offenheit betonen soll. Allerdings betont sie auch: „Die Organisation des Abends war trotzdem eine Herausforderung, umso mehr bin ich jetzt stolz darauf, wie gut die Umsetzung funktioniert hat.“

    Eingeleitet wird der Abend mit der Band „Veronika Ferrari & Die Flammen“, die sich irgendwo zwischen Schlager, Klassik, Jazz und Clubkultur bewegt. Veronika Ferraris teils opernhafte Stimme wird von  ihren „Flammen“ – einer Jazz-Trompete, einer Klarinette und einigen Elektroklängen – begleitet und schafft damit eine beeindruckende Klangkulisse. Die Coverversion von „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros klingt dabei nur noch wenig wie ein eingestaubter Schlager, sondern eher wie ein Teil des Soundtracks zur Serie „Babylon Berlin“. Anschließend folgt der Umbau zum zentralen Element des Abends – der Fashionshow.

    Die Show ist eine Zusammenarbeit Studierender der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig , der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Universität der Künste Berlin, drei verschiedene Kollektionen darf das Publikum bestaunen.

    Eine Brücke zwischen Historie und queerer Emanzipation
    Leon Sebastian Leiß ist Designer einer der Kollektionen mit dem Titel “Kini, Kitsch & Krypto” – einer Brücke zwischen Historie und queerer Emanzipation. Sie ist inspiriert durch die Geschichte König Ludwigs II. von Bayern, dem „Märchenkönig”, der im historischen Kontext häufig als psychisch krank dargestellt wurde. „Aus Tagebucheinträgen und Briefen lässt sich jedoch erkennen, dass er einfach homosexuell war – im damals konservativen Bayern ein Teil der Identität, der versteckt werden musste. Um dieses Bild aufzubrechen, habe ich sein Leben mit queerer Geschichte verglichen und mir Symbole aus queerer Historie ausgesucht und seine Garderobe damit versehen. Für eine Erzählung seiner Geschichte ”, erklärt der Designer. So findet sich in der Kollektion beispielsweise das Red Ribbon, die Schleife, die aus Solidarität mit Menschen getragen wird, die mit HIV leben und an diejenigen erinnern soll, die an Aids verstorben sind. Auch der „rosa Winkel“, die Kennzeichnung für homosexuelle Personen in den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus, taucht auf. Leiß möchte damit einen Beitrag zur Sichtbarmachung dieses oft vernachlässigten Kapitels der Vergangenheit leisten und deutet das schmerzbehaftete Symbol um – in eine neue und selbstbestimmte Richtung.

    Ein Museum für alle

    Ein Blick auf die Fashion Show des Abends. Foto: Anna Luisa Richter.

    Für die Kollektion wurde Leiß bereits mit dem Giebichenstein-Designpreis ausgezeichnet. Ein Werk aus dieser Kollektion ist Bestandteil der aktuellen Dauerausstellung im Stadtmuseum: „Aber Kleidung lebt ja davon, getragen zu werden“, kommentiert Leiß, „Und deswegen freut es mich sehr, die Kollektion in ihrer Fülle und als komplette Erzählung zu zeigen.”

    Diese Erzählung führt sich bei den anderen Elementen der Show fort. Loris Stephan weißt in seiner Kollektion subtil auf die getragene Unterwäsche und stellt die Frage, was hier als männlich oder weiblich gelesen wird und warum. Die Kollektion fühlt sich an wie eine Abwendung von Gendernormen – ganz im Sinne des Mottos der Händelspiele. Jens Schabbach, auch verantwortlich für die Choreografie der Modenschau, erzählt in seiner Kollektion eine Geschichte über verschiedene Versionen von Jesus. So gibt es beispielsweise einen Jesus-Typus, der zwischen Grindrdates und Berliner Technokultur lebt. „Es sind viele Zahnräder, die ineinandergegriffen haben und das ist wirklich schön“, beschreibt Leiß den gemeinsamen Prozess. Zusätzlich dazu gab es weitere Beteiligte: Gideon Liebmann kümmerte sich um Szenografie und das Bühnenkonzept der drei kleinen, nebeneinanderliegenden Bühnen. Myen, Musiker*in aus Leipzig, sorgt für den Sound der Performance: von märchenhaften Klängen für die „Kini, Kitsch & Krypto“-Kollektion bis zu Bass und Beats für Technojesus. „Bei allen Personen, die an dieser Produktion beteiligt sind und auch bei den Models, war es mir wichtig, dass eigentlich alle zur queeren Community gehören. Es ist einfach schön, diese Erfahrung gemeinsam zu machen, gerade, wenn man merkt, dass wir bestimmte Erlebnisse miteinander teilen können und verstehen, worüber wir sprechen“, erklärt Leiß. Dieses Gemeinschaftsgefühl sei ein Ziel der Veranstaltung: „Es ist eine konsequente Sache, dass wir dem eine Bühne bieten, schließlich sind wir ein Museum für alle“, betont Direktorin Jane Unger. Es sei ein Zeichen für Offenheit und Gemeinschaft.

    „Du wirst gesehen und bist wichtig für die Vielfalt in der Gesellschaft“

    Auch Aron Boks erkennt die Wichtigkeit dieser Veranstaltung. Der Stadtschreiber von Halle wohnt eigentlich in Berlin, an Halle bindet ihn sein Amt: „Du kannst es dir wie ein Stipendium für Schriftsteller*innen vorstellen, neben einer Wohnung bekomme ich eben noch den Titel Stadtschreiber dazu“, erklärt Boks. An diesem Abend tritt er im Duo mit Jonathan Schmitz als „Zappelndes Tanzorchester“ auf. Die Kombination aus gesprochenen Worten, Gitarre und Synthesizer ist der letzte Programmpunkt des Abends – eine musikalische Nachtlesung mit dem Titel „Wohin mit der Männlichkeit?“  In den Texten soll es um Liebe gehen, um Rollenbilder und um die Loslösung von ihnen, erklärt Boks: „Männlichkeit als Thema ist häufig mit Scham verbunden, besonders wenn man sein Verhalten reflektiert und bemerkt, dass man so eigentlich nicht sein möchte.“ In Berlin sei er Teil einer Bubble, in der es akzeptiert wird, nicht heteronormativ oder queer zu sein. Das sei aber leider noch nicht überall die Norm und mit diesem Blickwinkel müsse man sich auseinandersetzen. Der Autor betont, dass es hierfür wichtig sei, Dialogformate möglich zu machen und die Fashion Party gehöre für ihn klar dazu: „Jeder kann mitmachen. Dass man das Motto der Händelfestspiele nimmt und im Namen queerer Sichtbarkeit feiert, finde ich großartig und schön.“

    Diese Stimmung findet sich auch im Publikum: Jede Altersklasse ist vertreten, das Publikum strahlt – vor Glitzer, Pailletten oder Freude. Zwischen Fashion Show und Lesung wird sich ausgetauscht, allerdings nicht nur über, sondern auch mit den Beteiligten. Mit Unterstützung durch einen DJ wird die Veranstaltung zu einer Feier von Offenheit, Menschlichkeit und Freiheit. Mit Blick auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt betont Designer Leon Sebastian Leiß: „Ich glaube, in einer Zeit, wo viele rechte Strömungen an Beliebtheit gewinnen, wo die Demokratie in Frage gestellt wird, ist diese Sichtbarkeit sehr wichtig. Es gibt viele Menschen, die sich nicht trauen, sichtbar zu sein. Es ist schön, solche Veranstaltungen zu haben, die ihnen zeigen: du wirst gesehen und bist wichtig für die Vielfalt in der Gesellschaft.“

     

    Titelbild: Anna Luisa Richter

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