• Menü
  • Kultur
  • Noch einmal Gemetzel

    Drei Jahre später wieder derselbe Streit, dieselben Tulpen, dieselben Paare – nur unser Blick auf Yasmina Rezas Kammerspiel hat sich verändert.

    Treuen luhze-Leserinnen wird der Titel bekannt vorkommen: Wir haben über Yasmina Rezas Kammerstück bereits im Jahr 2023 berichtet, zur ersten Wiederaufnahme nach der Premiere 2016. Was jetzt auf der Bühne steht, ist dieselbe Inszenierung – beinahe identisches Bühnenbild, dieselbe Besetzung, dasselbe Wohnzimmer mit fader Tapete, Korbstühlen, weißen Tulpen. Das Foto aus dem damaligen Artikel hätte man problemlos wiederverwenden können. Die interessantere Frage ist daher nicht: Wie hat sich die Inszenierung verändert? Sondern: Wie hat sich unser Blick auf sie gewandelt? Ist das Stück noch genauso aktuell – oder wirkt es mittlerweile klischeehaft? Gelten seine Lehren längst als Binsenweisheiten? Ist der Abend eine Qual?

    Zumindest letzteren Vorwurf kann man entkräften: Bei einer Laufzeit von 75 Minuten ist zumindest eine gute Stunde davon ausgesprochen kurzweilig.

    Aber der Reihe nach. Für alle, die den Artikel von 2023 nicht gelesen haben, kurz zum Inhalt: Das Ehepaar Reille ist zu Gast im Wohnzimmer der Familie Houillé. Ihr Sohn hat dem Sprössling der Gastgeber mit einem Stock einen Zahn ausgeschlagen. Nun soll dieser Konflikt – ganz ohne Beisein der Kinder – bei Kaffee und Kuchen ausdiskutiert werden. Die Houillés, bestehend aus Véronique (Bettina Schmidt) und Michel (Michael Pempelforth), geben vorerst das vollkommen harmonische, gastfreundliche Ehepaar – und platzieren dabei mit breitem Lächeln schwere Vorwürfe gegenüber dem Reille-Sohn. Bei den Reilles bröckelt die Fassade schneller. Alain (Dirk Lange) ist Anwalt; schon nach wenigen Minuten klingelt erstmals sein Handy – ein wiederkehrendes Thema. Jedes Mal geht er dran, tigert durchs Wohnzimmer und benimmt sich wie die Axt im Walde. Seiner Frau Anette (Anne Cathrin Buhtz) scheint das äußerst zu missfallen; die beiden wirken weit weniger harmonisch als ihre Gastgeber.

    Zunächst scheint es, als könnten die sehr unterschiedlichen Paare – Houillés eher Typ Metin und Doris Schneider, Reilles eher Typ Stromberg – einen gemeinsamen Nenner finden. Doch die Aufbruchstimmung verflüchtigt sich immer wieder: noch ein Stück Kuchen, noch ein Espresso, zuletzt ein geöffneter Rum – und mit jedem Getränk gibt die Stimmung ein bisschen mehr nach. Es wird geschrien und beleidigt, man hängt sich an Kleinigkeiten auf und kommt immer wieder auf dieselben Themen zurück: der Streit der Söhne, das klingelnde Handy, wer die häuslichen Pflichten gewissenhafter erfüllt, was es bedeutet, Frau oder Mann zu sein.

     

    Das Stück trieft vor Klischees: der Anwalt, der ständig telefoniert, sich nicht um seine Kinder kümmert und noch einen Sohn aus erster Ehe hat. Die Schriftstellerin (Véronique) mit dem Kunstinteresse. Der bodenständige Haushaltswarenhändler (Michel). Die Vermögensberaterin im kurzen Kleid mit schicker Handtasche (Anette), die sich am Ende besäuft, daneben benimmt und sich von ihrem Mann den Kosenamen „Wauwau“ geben lässt. All diese Rollenbilder existieren drei Jahre später leider noch immer – aber sie sind längst kein Aha-Moment mehr. Aha, Care-Arbeit ist also ungerecht verteilt? Ach so, Menschen sind nicht immer so, wie sie auf den ersten Blick wirken? Ein abwesender Vater schadet der Entwicklung seiner Kinder? Das alles wurde in den vergangenen Jahren medial rauf und runter diskutiert – ebenso wie die Demaskierung der Bourgeoisie, um die es im Kern des Stückes geht. Dass hinter Political Correctness nicht immer moralische Integrität steckt, sondern oft nur Lippenbekenntnis: Auch das wissen wir längst. Geändert hat es herzlich wenig – höchstens dass sich die gesellschaftliche Stimmung seither eher nach rechts verschoben hat. Möchte man abends im Theater noch einmal exakt dasselbe erleben, was man den ganzen Tag schon beobachten konnte?

    Die Dialoge sind stellenweise noch immer lustig – das Publikum lachte laut und herzlich, wenn auch gelegentlich an Stellen, an denen das Stück eher ins Klamaukhafte abdriftet. Die eigentliche Stärke dieser Wiederaufnahme liegt woanders: in der Erfahrenheit der Schauspielerinnen. Man merkt, dass sie nicht zum ersten Mal in diesen Rollen auf der Bühne stehen – sie wirken geradezu hineingeboren. Die Texte sitzen, und das erlaubt ihnen, sich ganz auf Körpersprache, Gestik und Mimik zu konzentrieren. Die stärksten Momente des Abends sind die stillen: wenn die vier einfach im Raum stehen und man im Mienenspiel liest, was nicht gesagt wird. Die schwächeren Momente sind die großen Monologe – darunter jener, in dem der titelgebende Ausdruck fällt –, die mitunter wie brav rezitiertes Auswendiggelerntes klingen.

    Alles in allem verbringt man mit dem Gott des Gemetzels auch 2026 noch unterhaltsame 75 Minuten und kann sich das ein oder andere Lachen nicht verkneifen. Mit neuen Erkenntnissen geht man hingegen nicht nach Hause – was weniger an den Schauspieler*innen liegt als am Kern des Stückes selbst. Wer eine ausgereifte schauspielerische Leistung sehen wollte, hätte unbedingt Karten kaufen sollen. Schade nur: Es war die vorletzte Vorstellung.​​​​​​​​​​​​​​​​

    Aber wer weiß – vielleicht erlebt „Der Gott des Gemetzels“ ja in drei Jahren die nächste Wiederaufnahme.

    Hochschuljournalismus wie dieser ist teuer. Dementsprechend schwierig ist es, eine unabhängige, ehrenamtlich betriebene Zeitung am Leben zu halten. Wir brauchen also eure Unterstützung: Schon für den Preis eines veganen Gerichts in der Mensa könnt ihr unabhängigen, jungen Journalismus für Studierende, Hochschulangehörige und alle anderen Leipziger*innen auf Steady unterstützen. Wir freuen uns über jeden Euro, der dazu beiträgt, luhze erscheinen zu lassen.

    Verwandte Artikel

    Ein in Dialoge verpacktes Gemetzel

    Das Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“ im Schauspiel Leipzig zeigt uns durch komödiantische Wortgefechte zweier Paare, dass der erste Blick manchmal trügen kann.

    Kultur | 18. Dezember 2023

    Über Dilettantismus und Genialität: „Gut gemacht!“

    Ein etwas unerklärliches, aber spielfreudiges und eigensinniges Theaterstück wird derzeit in der Residenz des Schauspiel Leipzig aufgeführt.

    Kultur | 22. Januar 2026