Politische Anregungen auf der Buchmesse
Angesichts politischer Spannungen und eines verbreiteten Gefühls der Machtlosigkeit setzen Autor*innen und Aktivist*innen auf der Leipziger Buchmesse 2026 Impulse zum Handeln.
Die Leipziger Buchmesse 2026 ist nicht nur ein Ort für Neuerscheinungen, sondern auch eine Bühne für gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Spätestens seit den Kontroversen um Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ist die Aufmerksamkeit groß. Viele Kulturschaffende sind alarmiert.
In zahlreichen Veranstaltungen geht es um den Zustand der Demokratie: Podiumsdiskussionen wie „Demokratie am Kipppunkt“ oder Gespräche über die Rolle des Literaturbetriebs in Zeiten von Populismus. Sie alle haben einen gemeinsamen Kern: Die Demokratie steht unter Druck. Doch es ist noch nicht zu spät, um zu handeln, finden viele Autor*innen.
Bei ihrer Buchvorstellung „Wenn der rechte Rand regiert“ zeigt Sally Lisa Starken, was passiert, wenn die AfD in Deutschland regieren würde und ruft die Zivilgesellschaft zum Handeln auf. Wir hätten mehr Möglichkeiten, als wir oft glauben, denn wir haben in Deutschland das Privileg, politische Bildung genießen zu können. Wir können laut sein, auf die Straße gehen, uns einmischen. Auch wenn daraus nicht sofort Gesetze entstehen, entstehe Wirkung: mediale Aufmerksamkeit, Initiativen, Bewegung.
Starken warnt aber auch vor der „Gefährlichkeit der beruhigenden Selbsttäuschung“. Der Rechtsruck sei kein Zufall, sondern eine Strategie. Und er passiere nicht nur „woanders“, er könne auch uns treffen. Auf ihren Reisen in den USA, Italien und Polen habe Starken erlebt, wie schnell Demokratien kippen, wenn autoritäre Kräfte unterschätzt werden und populistische Erzählungen zur Normalität werden. Sie appelliert dazu, die Selbsttäuschung abzulegen und aktiv für die Demokratie einzutreten.
Wie Handeln konkret aussehen kann, zeigt ein Live-Podcast von Die Neue Norm mit Raúl Krauthausen, Jonas Karpa und Karina Sturm und Arne Semsrott zu Gast. Unter dem Titelthema „Demokratie – nicht ohne uns“ plädiert Semsrott für kreative Protestformen und verweist auf die Tennisball-Proteste im Fußball 2024. Die Proteste richteten sich gegen den Einstieg von Investoren: Fans störten über Wochen gezielt Spiele, indem sie Tennisbälle aufs Spielfeld warfen. Mit großem Effekt: die Bälle mussten immer wieder weggeräumt werden, das Spiel wurde gestört, die Live-Übertragung unterbrochen. Ein milliardenschweres Investment wurde am Ende gestoppt. Und wenn ein paar einzelne Tennisbälle ausreichen, um ein Milliarden-Investment zu stoppen, was könnte dann noch alles möglich sein? Für Semsrott zeigt das: Man müsse nicht am immer am Entscheidungstisch sitzen, um Einfluss zu nehmen. Druck von außen könne oft wirksamer sein. Bei den Protesten gegen die AfD vor zwei Jahren etwa sei kein direktes Gesetz entstanden, aber sie hätten das Gemeinschaftsgefühl und die Zivilsicherheit gestärkt. „Omas gegen Rechts“ gibt es seitdem in ganz Deutschland, viele Demokratieverbände sind daraus entstanden. Semsrott endet mit den Worten: „Raufhauen. Raufhauen. Raufhauen.“
In der Diskussion „Demokratie am Kipppunkt“ treffen unterschiedliche Strategien aufeinander: politisches Engagement innerhalb von Parteien oder ziviler Widerstand auf der Straße, wie ihn Aktivistin Carla Hinrichs (Sprecherin der Letzten Generation) fordert.
Sie ruft dazu auf, eine persönliche „rote Linie“ zu definieren, den Punkt, an dem staatliche Eingriffe zu weit gehen. „Und wenn diese rote Linie überschritten ist, bei mir war sie das vor vielen Jahren, dann unternehmt etwas dagegen!“
Autorin Sally Lisa Starken unterstützt Hinrichs sehr in dieser Podiumsdiskussion: „Demokratie ist nie ein Zustand, sondern immer ein Prozess.“ Sie betont, dass die größte Macht, die wir haben, die emotionale Beziehung untereinander sei. Mit Menschen reden, Meinungsverschiedenheiten aushalten, nicht nur in der eigenen Bubble bleiben. „Wenn ihr morgen früh aufwacht, dann überlegt mal, ob ihr jemanden kennt, der die AfD wählt. Ich bin mir sicher, die meisten von euch kennen mindestens eine Person. Und dann redet mit ihnen. Emotionale Beziehungen sind das Stärkste, was wir haben.“
Dass sich Literaturbetrieb und Politik nicht trennen lassen, finden Initiativen wie die „Verlage gegen Rechts“. Das Bündnis gründete sich als Reaktion auf Versuche rechter Verlage, Buchmessen als Plattform zu nutzen. Die Initiative organisiert Veranstaltungen, auch auf der Buchmesse, unter anderem „Wie widerspenstig muss Journalismus sein“ oder „Nicht nachlassendes Engagement. Der Kampf gegen rassistische und patriarchale Gewalt“, die sich mit dem Umgang mit dem Rechtsruck beschäftigen – und mit der Frage, wie ein vielfältiger, offener Literaturbetrieb verteidigt werden kann.
Die Leipziger Buchmesse gibt Politik in diesem Jahr viel Raum: Bücher, Diskussionen und Begegnungen werden zu Orten, an denen gesellschaftliche Fragen verhandelt werden und an denen Menschen ermutigt werden, selbst aktiv zu werden.
Titelbild: Paulina Weltin
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