„Es ermöglicht einem, kreativ zu lügen“
Zwischen Kneipenabenden, kreativer Freiheit und der Liebe zur Bühne: Tim Adieu spricht über seinen Weg zum Musiker und darüber, warum ihn Selbstzweifel bis heute begleiten.
Melancholie zieht sich durch vieles bei Tim Adieu – durch seinen Künstlernamen, seine Texte und seine Musik. Trotzdem begegnet der Leipziger Sänger dem Leben mit Humor und einer großen Publikumsnähe. Im Interview mit luhze-Redakteurin Anna Clasen spricht er über seinen Weg zur Musik, die Angst, nicht ernst genommen zu werden, und warum hinter seinen melancholischen Songs keine Ironie steckt. Noch diesen Sommer veröffentlicht Tim Adieu gemeinsam mit Produzent Philipp Ruoff sein neues Album „Bitte Geh“, das auch auf Platte erscheinen soll.
luhze: Wofür begeistern Sie sich neben der Musik?
Adieu: Leider habe ich das unsägliche Hobby, die Politik zu verfolgen. Es gibt Sachen, die einen wahrscheinlich glücklicher machen als das. Aber ich habe eine gewisse Begeisterung dafür entwickelt. Ansonsten bin ich viel in Kneipen. Das ist wahrscheinlich meine Lieblingsaktivität und fast ein Inbegriff von Glück. Wie verlief Ihr bisheriger Werdegang? Meine Hobbys waren schon in der Grundschule Klavier spielen und Singen im Gewandhauskinderchor. Das hat bis ins Teenageralter angehalten. Ein musikalisches Vorbild hatte ich aber nie. Eher zufällig kam einmal die Chorleiterin bei uns in der Grundschule und alle die wollten, durften vorsingen. Meine Mutter war erst dagegen. Sie hatte Angst, dass mir gesagt wird, ich dürfte nicht mitmachen, weil ich schon immer eine raue Stimme hatte. Aber ich habe mich durchgesetzt und wurde aufgenommen. Mit zwölf Jahren habe ich angefangen, leidenschaftlich gerne Gitarre zu spielen und als Teenager bin ich in eine Jazz-Band eingetreten. Nach dem Abitur kam dann das Philosophie-Studium.
Wie sind Sie dazu gekommen, Philosophie zu studieren, wenn Ihr Leben eigentlich schon sehr durch die Musik geprägt war?
So sehr war ich gar nicht in der Musikszene. Die Jazz-Band hat sich nach dem Abitur aufgelöst. Zwar hatte ich trotzdem noch die Ambition Musiker zu sein, aber weil ich nach dem Abitur irgendwas machen musste, habe ich gedacht: „Philosophie würde am ehesten zur mir passen.“ Dem war dann wohl nicht so.
Wann war für Sie klar: Ich gebe alles andere auf und werde Musiker?
Dass ich selbst, ohne zu erröten von mir sagen kann, dass ich Musiker bin, ist ungefähr anderthalb bis zwei Jahre her. Vorher habe ich immer Musik gemacht und wollte das auch, aber hätte mich nicht getraut mir dieses Label zu geben. Ich bin davon ausgegangen, dass man einen gewissen Erfolg dafür haben muss. Mittlerweile nenne ich mich so, selbst wenn der Erfolg noch ausbleibt.
Was steckt hinter dem Namen Tim Adieu?
Ich fand „Adieu“ schön, weil das Melancholische schon im Wort steckt. Dann musste ich feststellen, dass es mehrere Künstler*innen gibt, die so heißen. Ich denke, „Tim Adieu“ ist eine gute Idee, weil es dem Schlagercharakter des Projekts gerecht wird und es mein Hauptziel war, etwas zu finden, was eingängig ist. Schlagermusik wird unterschiedlich interpretiert.
Was ist Schlagermusik für Sie?
Ich sage das mit Augenzwinkern: „Ich will keinen Vulgärschlager machen, wie auf Mallorca oder so. Auch keinen zeitgenössischen Popschlager. Aber ein bisschen zur Rehabilitierung des Begriffs würde ich gern beitragen, weil es noch nicht lange ein so verrufenes Genre ist wie zurzeit. Es gab durchaus seriöse Leute wie Hildegard Knef oder Udo Jürgens. Auch Mireille Mathieu finde ich qualitativ hochwertig.
Was nervt Sie am meisten daran, Musiker zu sein?
Die Planungsunsicherheit vielleicht. Was auf der anderen Seite natürlich auf eine gewisse Art das Schöne an der Selbstständigkeit ist – aber auch beängstigend. Die Unsicherheit hat bis jetzt selten abgenommen. Ich bin jetzt weder besonders berühmt noch besonders gut bezahlt, daher kann sich eine grundlegende Sicherheit gar nicht einstellen. Worin ich mir sicher bin, ist, dass ich das machen möchte.
Wie gehen Sie mit Druck und Zweifeln um?
Mit Akzeptanz. Das ist notwendigerweise Teil des Berufs. Ich nehme das an und versuche weiterzumachen.
Was bewegt Sie dabei am meisten?
Zukunftsangst und die Sorge davor, nicht ernst genommen zu werden. Eigentlich kann ich mich aber nicht beschweren. Ich muss sagen, dass ich auf gute Resonanz stoße und habe in der absoluten Überzahl meiner Konzerte festgestellt, dass die Leute sehr wohlwollend und nett sind. Dadurch bin ich immer wieder gerührt.
Wie erleben Sie diese Welt und wie spiegelt sich das in Ihrer Musik wider?
Wahrscheinlich wie viele andere auch, erlebe ich die Entwicklung unserer Welt oder um es auch etwas kleiner zu fassen, „unseres“ Landes als nicht sonderlich hoffnungsstiftend. Ich versuche, mich in meiner Musik aber eher mit Themen zu beschäftigen, die vom Tagespolitischen weitgehend unangetastet bleiben.
Gibt es etwas, was Sie mit Ihrer Musik bei anderen Menschen gerne auslösen möchten?
Hoffentlich, dass die Themen wie bei aller guter Popmusik so allgemein gefasst sind, dass man sich selbst darin wiedererkennen kann. Wenn Leute anfangen zu weinen, würde ich sagen, dass ich einen guten Job gemacht habe. Nicht aus Schadenfreude, sondern durch Rührung.
Wie entstehen Ihre Lieder?
Oft ist es ein Grundgefühl und die Songs speisen sich aus verschiedenen Erlebnissen. Es ist in dem Sinne auf jeden Fall nicht autobiografisch. Das wäre mir auch unangenehm, glaube ich. Manchmal spiele ich Gitarre oder Klavier und mir gefällt eine Melodie. Dann reift das und den Text muss ich bewusst schreiben. Manchmal schaue ich einen Film, lese ein Buch, höre einen anderen Song – im Gespräch fällt eine schöne Wendung. Oder ich gehe einfach die Straße entlang und pfeife irgendwas ein. Manche Sachen gehen ganz schnell und manche dauern Monate. Dann plage ich mich noch mit einzelnen Worten oder einzelnen Sätzen.
Was könnten Leute aufgrund Ihrer Musik komplett falsch über Sie verstehen?
Manchmal – nicht sehr oft – denken Leute, ich meine ironisch, was ich singe. Dann wird mein Gesicht immer ganz ernst und ich sage sofort: „Nein, ich meine jedes Wort so. Ich mache keine ironische Musik.“ Ich finde trotzdem, dass es wichtig ist, über sich selbst lachen zu können, gerade wenn man traurige Musik macht. Da muss es dann schon Pausen geben, in denen gelacht wird auf den Konzerten.
Ist Tim Adieu ein melancholischer Mensch?
Ich würde ihn als romantisch mit einer Tendenz zum Sentimentalen beschreiben. Gelegentlich ironisch, oft auch unsicher. Und er ist überzeugter Raucher.
Verwirklichen Sie sich selbst damit?
Diese Kunstfigur ist sehr nah an mir und der Name ermöglicht einerseits einen gewissen Wiedererkennungswert. Andererseits ermöglicht es einem, kreativ zu lügen. Oder zumindest hilft es, dass man Dinge besingen kann, die einem nicht so passiert sind. Das könnte man auch mit einem klaren Namen, aber mir fällt es etwas leichter, noch eine kleine Distanz einzufügen, und sei es nur ein „Adieu“. Trotzdem würde ich sagen, dass ich sehr mit meiner Kunstfigur in eins falle.
Wären Sie nicht Künstler, welcher andere Beruf würde Sie noch interessieren?
Ich wäre gern Moderator. Oder Zoowärter. Ich habe letztens „Elefant, Tiger & Co.“ geschaut. Ich weiß, dass viele Menschen aus guten Gründen gegen Zoos sind, aber ich muss trotzdem zugeben, dass von all den Berufen, die mir durch den Kopf huschen, ich diesen am schönsten finde. Also ich könnte mir vorstellen die Sendung „Elefant, Tiger & Co.“ zu moderieren.
Titelbild: Anna Clasen
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