Sticker und Streife
Im April kam es zu mehreren Fällen sexueller Belästigung auf Uni-Toiletten. Neue Maßnahmen sollen für mehr Sicherheit am Campus sorgen.
Wer sich in letzter Zeit auf dem Hauptcampus am Augustusplatz aufgehalten hat, dem ist vielleicht eine Sache aufgefallen: Kleine, quadratische Aufkleber im Universitätsdesign mit einer Telefonnummer, die meist an den Glastüren der verschiedenen Eingänge angebracht sind. Unter der 0341/973 43 00 können Studierende in Gefahrensituationen den Sicherheitsdienst direkt kontaktieren. Laut dem Presse- sprecher der Universität, Carsten Heckmann, war der Telefon-Aufkleber schon länger geplant, um die Sicherheit zu erhöhen. Die Maßnahme wurde Anfang Mai umgesetzt. Nach drei Vorfällen sexueller Belästigung, die sich im April am Hauptcampus und dem geisteswissenschaftlichen Zentrum (GWZ) zugetragen haben, scheint diese Maßnahme jedoch umso wichtiger.
An verschiedenen Standorten der Uni
Der erste Fall trug sich nach Angaben der Polizei am 7. April am Hauptcampus zu. Dabei wurde eine junge Frau von einem unbekannten Täter belästigt. Dieser habe Fotos von ihr gemacht, während sie eine Toilette im Paulinum nutzte, und flüchtete danach in unbekannte Richtung. Die Polizei ermittle derzeit wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen.
Am Folgetag setzte eine Frau im GWZ den Notruf ab, nachdem sie am Waschbecken einer Damentoilette sexuell belästigt wurde, schildert die Polizei. Der Täter konnte von den Beamt*innen gestellt werden. Hier seien die Ermittlungen wegen sexueller Belästigung aufgenommen worden.
In der folgenden Woche, am 14. April, erreichten die Stabsstelle für Chancengleichheit, Diversität und Familie sowie den Student*innenrat (Stura) verschiedene Meldungen, die von Vorfällen am selben Tag im Neuen Seminargebäude am Hauptcampus der Universität Leipzig berichteten. Es wurden sowohl körperliche als auch verbale Übergriffe im Bereich der Damentoiletten und im Treppenhaus geschildert, so Pressesprecher Heckmann. Die betroffenenen Studentinnen erhielten eine Erstberatung durch die Gleichstellungsbeauftragte und die Stabsstelle und wurden über weitere Möglichkeiten zur Unterstützung informiert.
Der Campus als öffentlicher Ort
Nach den Übergriffen im April ist es nach Informationen der Universität, Polizei und des Sturas nicht zu weiteren Vorfällen gekommen. Außerdem würden die Damentoiletten durch den Wachdienst stärker bestreift werden. Das sei aus Perspektive der Stabsstelle für Chancengleichheit, Diversität und Familie, in Anbetracht der begrenzten Ressourcen für Sicherheitsdienste der Universität aufgrund der Konsolidierung, eine sinnvolle Maßnahme. Man sei bemüht, die Universitätsgebäude als öffentliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu sichern, jedoch „zeigen die Vorfälle vom 14. April, dass Zugang und Sicherheitsaspekte teilweise schwer in Einklang zu bringen sind“, heißt es von der Stabsstelle.
Auch im Gespräch mit Studentinnen zeigt sich der Konflikt zwischen der Öffentlichkeit der Universität und Sicherheitsbedenken am Hauptcampus: Für mehrere Frauen sind es vor allem Personen, die augenscheinlich nicht der Universität angehören, die für Unsicherheit am Hauptcampus sorgen. Ein beschränkter Zugang – etwa durch das Scannen der Unikarte an den Eingängen – halten sie jedoch für nicht umsetzbar oder zielführend.

Die angebrachten Sticker weisen auf die Telefonnummern des Sicherheitsdienstes und Gebäudemanagements hin. Foto: rb
Den meisten Studentinnen waren die Vorfälle im April bekannt, ihr Sicherheitsgefühl habe sich seitdem jedoch wenig verändert: Schon vorher hätten sie von ähnlichen Fällen an der Universität mitbekommen, und sie seien regelmäßig mit sexuellen Übergriffen auf Frauen konfrontiert, erzählen sie. Die stärkere Bestreifung der Damentoiletten und die Aufkleber mit der Telefonnummer des Wachdienstes halten die meisten von ihnen für sinnvoll.
Marit Meincke, Stura-Referent*in für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik, stimmt dieser Einschätzung zu: „Ich glaube, die Stabsstelle (für Chancengleichheit, Diversität und Familie, Anm. d. Red.) macht gerade sehr, sehr viel Gutes im Rahmen ihres finanziellen Spielraums.“ Trotzdem hätten die Vorfälle im April eine größere Aufmerksamkeit verdient – sowohl in der medialen Berichterstattung als auch von Seiten der Universität: „Wenn die Uni sich einfach nach außen noch solidarischer zeigen würde, würde das den Betroffenen helfen“, findet Meincke.
Austausch und Sensibilisierung
Für die Zukunft wünscht sie sich eine stärkere Sensibilisierung des Sicherheitspersonals für den Umgang mit betroffenen und möglicherweise traumatisierten Personen. Zudem würden im Wachdienst vor allem Männer eingesetzt werden – möglicherweise eine weitere Hürde für Betroffene. Meincke berichtet, dass die Stabsstelle bereits zur Sensibilisierung im Austausch mit dem Sicherheitspersonal und dem dafür zuständigen Unternehmen steht. Demnächst sei eine Begehung geplant, um Sicherheitskonzepte für die verschiedenen Gebäude der Universität anzupassen.
Derzeit ist der Wachdienst in den Unigebäuden für Streifentätigkeiten und Schließdienste zuständig, erklärt Pressesprecher Heckmann. Außerdem könne das Sicherheitspersonal Hausverbote erteilen, Straftaten anzeigen und die Polizei hinzuziehen. Auch vorläufige „Festnahmen“ von Personen seien im Rahmen des „Jedermannsrechtes“ möglich, wenn diese bei einer Straftat ertappt werden, erklärt der Pressesprecher.
Für Betroffene von sexuellen Übergriffen stellt die Universität Leipzig verschiedene Beratungsangebote und Anlaufstellen bereit: Dazu gehören die zentrale und dezentrale Gleichstellungsbeauftragte, die Stabstelle für Chancengleichheit, Diversität und Familie sowie die Psychosozialberatung des Stura.
Auch das Studentenwerk bietet psychologische Beratung an. „Es ist wichtig, dass Leute sich nicht scheuen, Vorfälle anzusprechen und zu melden. Auch wenn sie denken, dass es vielleicht nichts war. Dann ist es einmal dokumentiert und wenn man dann später darauf zurückkommen will, kann man das machen“, erklärt Stura-Referent*in Meincke.
Wer einen Übergriff beobachtet, dem empfiehlt Meincke, auf die Betroffenen zuzugehen – ohne sich in Gefahr zu bringen – und den Sicherheitsdienst oder die Polizei zu verständigen. Beobachter*innen können sich bei der Stabsstelle oder dem Stura melden: „Es hilft immer, wenn der Tathergang oder Personenbeschreibungen von mehreren Menschen geschildert werden“, sagt sie.
Und wie sieht es an anderen Hochschulen in Leipzig aus? Auf Anfrage geben HTWK und HGB an, dass ihnen ähnliche Fälle sexueller Belästigung derzeit nicht bekannt sind. Auch der Polizei wurden keine derartigen Straftaten gemeldet.
Titelbild: Rosa Burkardt
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