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  • Nach der Amokfahrt in Leipzig

    Kriminologe Heinemann spricht über gesellschaftliche Verantwortung und die Bedeutung psychotherapeutischer Infrastruktur.

    Ein Monat ist seit der Amokfahrt des 33-jährigen Jeffrey K. vergangen. Am Nachmittag des 4. Mai raste er mit einem Auto in die belebte Fußgängerzone der Grimmaischen Straße in Leipzig, wobei er nach Angaben der Polizei zwei Menschen tötete und zahlreiche weitere verletzte. Mit Blick auf die Amoktaten der letzten Jahre, stellen sich vermehrt Fragen des politischen, gesellschaftlichen und medialen Umgangs.

    Zusammen mit dem Kriminologen und Polizeiwissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum Manuel Heinemann, der sich als Fallanalyst auf Amok, Stalking und Terror spezialisiert hat, versucht luhze den Tatkomplex und gesellschaftlichen Umgang mit einer Amoktat zu ergründen.

    Die Komplexität des Amoks

    Heinemann erklärt, dass Amoktaten ein hohes Maß an Individualität und Komplexität aufweisen, sodass die Erstellung eines eindeutigen Täterprofils schwierig und nicht zielführend sei. Wichtig sei zu wissen, dass Amoktaten nicht aus politischer, religiöser oder krimineller Motivation verübt werden und doch zielgerichtet sind.

    Laut dem Kriminologen entwickeln Täter in der Regel vorab Tötungsfantasien oder aggressive Skripte, die irgendwann in der Planung der Tat Verwirklichung finden. Häufig gebe es vorab warnende Anzeichen oder gar verbale oder schriftliche Absichtserklärungen der Täter. Es sind somit keine Impulstaten.

    Die Berichterstattung der letzten Jahre zeigt, dass die Amoktat von Jeffrey K. kein Einzelfall ist und immer wieder steht die Frage im Raum: was verleitet einen Menschen dazu, eine solche Gewalttat zu verüben? Der Psychologe Jens Hoffmann meint in einem Interview von 2016: „Amoktäter haben das Gefühl, in einer auswegslosen Krise zu stecken“ und „tragen ein Gefühl von Kränkung oder Ungerechtigkeit mit sich herum.“ Heinemann schließt dort an und erklärt, dass eine Amoktat in letzter Instanz eine Form der Bewältigung sei.

    Vor allem eine soziale Isolation oder Depression des Täters, die aus einem psychischen Belastungsmoment resultieren kann, spiele da hinein. Er betont zudem, dass eine psychische Erkrankung als verstärkender Faktor, aber nicht zwingend als Voraussetzung für eine Amoktat wirken könne, und rät dringend von gesellschaftlicher und medialer Stigmatisierung ab.

    Der Täter: männlich

    Hanau, Magdeburg, Leipzig: Die Täter schwerwiegender Terror- und Amoktaten sind hauptsächlich männlich. Für Manuel Heinemann ist klar, dass dies eine Frage der Sozialisierung ist. Grundsätzlich würden wir alle die nötige Anlage besitzen, die zu einer Amoktat führen könnte. Nach wie vor würden sich jedoch gerade männliche Personen einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung gegenübersehen, die ihnen Stärke und die Rolle eines Kämpfers zuschreibt. Insbesondere in patriarchalen Strukturen sei dies der Fall. Dadurch entstünde eine regelrechte Krieger-Mentalität, durch die Verlust- oder Belastungsmomente in eine Wahrnehmung der Kränkung und zunehmend aggressivem Verhalten resultieren, so Heinemann weiter.

    Die Forderungen des Kriminologen lautet: Die Gesellschaft müsse aufhören, Sozialisation anhand bestimmter Geschlechtsmerkmale zu definieren. Im Zuge dessen müsse die soziale Diffamierung männlicher Personen, die psychologische Hilfe benötigen und suchen, aufhören. Dies sollte nicht als Eingestehen von Schwäche deklariert werden. Grundsätzlich bleibt aber, dass Amoktaten aus äußerst individuellen Verhaltensmustern hervorgehen und somit auch weibliche Personen zu Täterinnen werden können.

    Der „Werther- Effekt“

    Die Amokfahrt in Leipzig reiht sich in eine Vielzahl von Fällen ein, die die gesellschaftliche Debatte jüngst prägten. Amok- und Terrortaten scheinen sich zu häufen. Auch das Fahrzeug wird hierbei immer häufiger zur Tatwaffe. Heinemann bestätigt diesen Eindruck und führt zur Erklärung den sogenannten „Werther-Effekt“ an. Demnach werde medial nicht über Suizide berichtet, da dies erwiesenermaßen zu Nachahmungstaten führe. Er erklärt, dass Amoktäter*innen in 75 bis 80 Prozent der Fälle vorher Suizidgedanken hätten, beim Amok sei deshalb häufig auch vom „erweiterten Suizid“ die Rede. Heinemann spricht hierbei vom sogenannten „Identifikations-Verhalten“: Die Person fange an, sich mit anderen Amoktätern zu identifizieren. Es sei außerdem bekannt, dass jemand, der ein „aggressives Skript“ im Kopf habe, anfange, Materialien von zurückliegenden Amoktaten zu konsumieren.

    Dieser Zusammenhang wird von unterschiedlichen Studien belegt. Die Studie „Imitation von Amok und Amok-Suizid“ von Armin Schmidtke, Stefan Schaller, Ingrid Müller, David Lester und S. Stack aus dem Jahr 2002 analysierte 143 Amokfälle und kam zu dem Ergebnis, dass intensive Medienberichterstattung Nachahmungstaten begünstigen kann. Besonders problematisch seien reißerische Darstellungen, starke Personalisierung der Täter und eine dauerhafte mediale Präsenz solcher Ereignisse. Insbesondere die Tat von Taleb A. auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 prägte lange den gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Heinemann hebt hervor, dass dieses Attentat sehr stark im Wahlkampf und in den Medien verarbeitet worden sei. Es sei demzufolge kein Zufall, dass in der Folgezeit vermehrt Taten mit einem ähnlichen „Modus Operandi“ zu beobachten gewesen sein.

    Während im Wahlkampf und in den Medien viel der Migrationshintergrund einzelner Täter thematisiert wurde und Forderungen nach mehr Grenzschutz und Abschiebungen laut wurden, gab es hingegen kaum Forderungen nach einer umfassenderen psychotherapeutischen Versorgung. Stattdessen wurde im April das Honorar für Psychotherapeut*innen um 4,5 Prozent gekürzt. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) sieht darin „ein fatales Signal für die Versorgung psychisch erkrankter Patient*innen.“

    Hier entsteht eine Diskrepanz, die Heinemann als „völlig hirnrissig“ bezeichnet. Es sei paradox, dass Bevölkerung und Politik nach immer mehr Sicherheit schrien, während genau das, was für Sicherheit sorgen könne, nämlich die Versorgung von Menschen in Belastungssituationen, weiter eingeschränkt werde. Jeffrey K. war vor seiner Tat für zwölf Tage in einer psychiatrischen Einrichtung. Eine Fremdgefährdung konnte dort nicht festgestellt werden. Heinemann vermeidet Spekulationen über den konkreten Fall, verweist aber auf strukturelle Probleme vieler Kliniken. Finanzieller Druck, Zeit- und Personalmangel sowie fehlende Fortbildungen erschwerten häufig eine umfassende Betreuung.

    „Wir verhindern so etwas jeden Tag“

    Bei der Frage, ob solche Taten verhindert werden können, betont er: „Wir verhindern so etwas jeden Tag.“ Bei vielen Fällen, die bei Psycholog*innen landeten, seien diese diejenigen, die den Amoklauf verhinderten. Für Heinemann ist klar: „Einer der wichtigsten Präventionsfaktoren ist psychologische und psychiatrische Versorgung. Wenn wir als Gesellschaft Gewalttaten verhindern wollen, müssen wir in diesem Bereich mehr investieren.“ Der Kriminologe macht deutlich, dass Sicherheit ein ganzheitlicher Ansatz sei. Er plädiert für mehr Fachwissen in Institutionen und eine bessere Vernetzung zwischen Behörden und Psychiatrien. Sicherheit sei ein gesamtgesellschaftliches Thema, bei dem jede*r mithelfen könne und müsse. Statt in mehr Ausstattung für Polizei und Überwachung müssten wir in mehr Resilienz als Gesellschaft investieren. Dazu gehört für ihn ein Zurückkommen zu einem „aufeinander Aufpassen“ sowie der Aufbau von Hilfesystemen. Von den Medien wünscht sich Heinemann, den Verzicht auf reißerische Inhalte wie Bilder von der Tat und vom Täter sowie Bilder von Leichen und Opfern. Auch Betroffene sollten nicht direkt vor die Kamera gezerrt werden. Vieles von dem, was aktuell gezeigt werde, erhöhe das Risiko für Nachahmungstaten. Die Politik hingegen dürfe nicht immer auf erstbeste Lösungsmöglichkeiten aufspringen, sondern müsse überlegen, was nachhaltige Lösungen seien und mit qualifizierten Expert*innen sprechen.

    Titelbild: lv

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