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  • Feminismus erblüht auf dem Acker

    Die von Gerner und Hansen eingeleitete Bewegung inspiriert zum radikalen Kampf gegen die Unterdrückung von Mensch und Natur.

    Ökofeminismus ist überall – das ist der Eindruck mit dem Lesende des Buches „Ökofeminismus zwischen Theorie und Praxis: Eine Einführung“ zurückgelassen werden. Dieses Werk von Nadine Gerner und Lina Hansen erschien im Jahr 2024 im Unrast-Verlag. Die Autorinnen sehen in der deutschsprachigen Literatur eine bislang unadressierte Lücke und wollen diese mit ihrer ausführlichen Einführung in den Ökofeminismus schließen. Als feministische Bewegung vereint Ökofeminismus Perspektiven zur Umweltzerstörung mit denen der Geschlechterungleichheit. Dabei stellen sie eine Verbindung zu verschiedenen unterdrückenden Machtstrukturen her, die nicht nur auf dem Geschlecht, sondern auch auf der Klasse von Menschen und rassistischen Denkmustern beruhen. Und so argumentieren sie, dass im Sinne des Ökofeminismus Diskussionen zu Atomwaffen, Abtreibung oder Gentechnik als zusammenhängend betrachtet werden sollten.

    Die Hauptthese des Buches besagt: Es gibt nicht nur einen Ökofeminismus, sondern verschiedene Ökofeminismen. Und diese bilden die Autorinnen ab. Während beispielsweise der sozialistische Ökofeminismus die Diskussion von Klassenunterschieden als notwendig erachtet, legt der queere Ökofeminismus einen besonderen Fokus auf die Kritik der Heteronormativität. Dabei behalten die Autorinnen stets einen kritischen Blick auf vergangene Strömungen bei und merken an, dass diese Ökofeminismen eine Aktualisierung in Bezug auf queere Lebensweisen sowie diverser Familienkonstellationen benötigt. Außerdem stellen sie verschiedene Vordenker*innen und Theoretiker*innen des Ökofeminismus vor. Unter ihnen die deutsche Soziologin Maria Mies, deren Analysen und Gedanken regelmäßig zitiert werden.

    Am spannendsten wird es jedoch als sie die Theorie mit verschiedenen praktischen Beispielen untermalen. Denn dadurch wird erst deutlich, wie Ökofeminismus gelebt aussehen kann. In den 1980er organisierten beispielsweise Frauen in England Friedencamps auf Militärbasen, um gegen die Stationierung von Atomwaffen zu protestierten. Und das aktuelle solidarische Netzwerk La Via Campesina zeigt, wie sich ein Bündnis aus Kleinbäuer*innen und indigenen Menschen für bäuerliche Landwirtschaft und Ernährungssouveränität einsetzt. Durch diese und viele weitere Beispiele werden verschiedene ökofeministische Praktiken, Proteste in Form von zivilem Ungehorsam und Streiks oder alternative Gesellschaftsentwürfe, wie das gemeinsame Wirtschaften, vorgestellt. Allerdings ist an manchen Stellen unklar, ob sich die Gruppen selbst als ökofeministisch verstanden, oder ob ihnen diese Rolle von den Autorinnen zugeschrieben wurde.

    Obwohl das Buch sehr umfassend ist – stellenweise sogar so dicht, dass es etwas überfordernd wirkt – bleiben manche Argumentationslinien nur skizzenhaft. Beispielsweise die Verbindung zwischen dem Abolitionismus, also den Befreiungskämpfen für die Abschaffung der Sklaverei, und der Ökologiebewegung wird nur kurz angesprochen und bleibt dadurch schwer nachvollziehbar. Das Werk soll eine verständliche Einführung in den Ökofeminismus bieten. Der Schreibstil ist allerdings mit komplizierten Satzstrukturen, Wortgeflechten und dichten Ideen sehr akademisch. Interessierte benötigen viel Vorwissen, um dieses Buch in seiner vollen Fülle zu lesen und zu begreifen. Auch wenn viele Stellen sehr anschaulich geschrieben sind, ist die Einführung theorielastig und keine leichte Abendlektüre. Für alle, die schon mehrere Bücher zu feministischer Praxis gelesen haben, ist die diskutierte Gesellschafts- und Systemkritik nicht neu, durch die vielen Beispiele aber spannend untermalt. Somit kann das Buch als Inspiration dienen, wie vielfältig und radikal verschiedene Arten des Ökofeminismus ausgelebt werden können.

    Titelbild: Claudio Schwarz

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