Wie Liebe zwischen den Zeilen zerbricht
Eva Pramaschüfer beschäftigt sich in „Weißer Sommer“ mit der Frage, wie eine Beziehung aussieht, die weder perfekt läuft noch toxisch ist, und spiegelt damit die Lebensrealität vieler Paare wider.
„Weißer Sommer“ versucht, die komplexe Realität einer Liebesbeziehung zwischen zwei jungen Menschen wiederzugeben. Theo und Alma, beide Anfang zwanzig, lernen sich in einem heißen Sommer in Frankreich kennen. Alma verbringt ihre Semesterferien mit ihren wohlhabenden, aber emotional distanzierten Eltern in dem Haus ihrer verstorbenen Großeltern. Theo, Halbfranzose, lebt und arbeitet im selben kleinen Dorf mit seinem Vater als Steinmetz. Ihr Kennenlernen und der weitere Verlauf ihrer langzeitigen Beziehung werden immer wieder von der Gegenwartshandlung unterbrochen. In dieser treffen Alma und Theo, nachdem sie monatelang getrennte Wege gegangen sind, in dem Haus in Frankreich wieder aufeinander. Dort versuchen sie herauszufinden, ob es noch eine Chance für sie gibt.
Damit schafft Pramschüfer direkt am Anfang des Romans eine enorme Spannung: den Kontrast zwischen hitzigem Begehren und der Leichtigkeit einer frisch aufflammenden Liebe auf der einen Seite und der tiefen Entfremdung nach jahrelanger Beziehung auf der anderen. Pramschüfer springt nicht nur in der Zeit, sondern bespielt auch verschiedene Orte: das französische Dorf, München, Paris und Berlin. Orte, die erzählerisch aufgeladen sind, schnell Bilder erzeugen und schon Hunderte Male benutzt wurden. Manche Szenerien grenzen ans Klischeehafte – Alma nackt in der flimmernden Hitze am Pool, malend im Pariser Dachgeschosszimmer, weinend in der Badewanne oder Theo verkatert in der Berliner Altbau-WG. Dennoch bleibt der Roman eindringlich.
Eva Pramschüfer überzeugt mit ihrem Schreibstil und ihrem Blick für das Leben im Kleinen, die Momente dazwischen, wie: „Die Erde ist trocken unter ihren Fingern. Sie zieht die Hände aus dem Boden. Torf und Dreck sammeln sich unter ihren Nägeln, kleine schwarze Mondsicheln. (…) Wenn sie schon nicht malen kann, muss sie anders produktiv sein. (…) Als sie den Terrakottatopf anhebt, spürt sie sofort das Gewicht – und sieht die Wurzeln schon unten herausquellen, grau und faserig wie alte Schnürsenkel. (…) Ihre Stirn ist feucht, Schweiß sammelt sich in ihren Brauen, rinnt langsam über ihre Wangenknochen.“ Durch ihre Sprache verleiht sie den unbedeutenden Details eine unverzichtbare Relevanz. Der Roman trieft vor Sinnlichkeit und bleibt auf jeder Seite intensiv. Aber es fehlt das Rohe, das Impulsive und Ungefilterte, etwas, das irritiert, mit der allgegenwärtigen Ästhetik bricht und Theo und Alma noch greifbarer macht und in die Realität holt.
Ein zentrales Thema des Romans ist das künstlerische Schaffen von Theo und Alma. Almas Leidenschaft ist das Malen, und Theo möchte Architektur studieren. Es geht um den Mut, die eigenen Grenzen und damit auch die der Beziehung auszutesten. Pramschüfer beschreibt immer wieder Momente des Scheiterns, der Leere und der Ratlosigkeit. Der Roman kreist um den Konflikt zwischen Harmonie und Sicherheit der Beziehung sowie der Reibung, die es braucht, um Kunst zu schaffen: die Frage, ob und wie sich beides miteinander vereinbaren lässt.
Pramschüfer reflektiert Almas privilegierte Situation, indem immer wieder betont wird, wie viel Entscheidungsfreiheit sie in Bezug auf ihren Lebensweg durch die finanzielle Absicherung ihrer Eltern hat. Auf der anderen Seite rutscht Theo beinahe in eine finanzielle Abhängigkeit von Alma und muss sich neben seinem Studium mit einem Nebenjob über Wasser halten. Damit zeigt die Autorin unterschiedliche Lebensrealitäten und dass es nicht selbstverständlich ist, die Freiheit zu haben, Kunst machen zu können. In einer Welt, in der verschiedene sozioökonomische Hintergründe oft nicht sichtbar sind, ist es gerade im Kontext von Selbstverwirklichung sehr wichtig, eine gesellschaftskritische Ebene in Bezug auf Chancenungleichheit mit einzubringen. Auch in einem Liebesroman sollte eine finanziell privilegierte Situation nicht als gegeben dargestellt, sondern als solche hervorgehoben werden.
„Weißer Sommer“ saugt einen in die Innen- und Außenwelt der Figuren. Schade ist, dass der Konflikt des Paares die meiste Zeit im Stillen stattfindet und Gefühle nicht ausgesprochen werden. Dadurch fehlt an manchen Stellen die Reibung sowie ein tieferer Einblick in die Persönlichkeiten und die innere Zerrissenheit der beiden Protagonist*innen. Umso befreiender wirkt die Schlussszene.
Titelgrafik: Sara Wolkers
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