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  • Literatur behält ihr Dach über dem Kopf

    205.000 Euro trennten das Literaturhaus Leipzig von der Insolvenz. Der Stadtrat sorgte nun für langfristige Planungssicherheit.

    Wo die Buchmesse zu Hause ist und die erste Tageszeitung der Welt entstand, dort liegt Leipzig, die Buchstadt. Literatur ein eigenes Haus zu widmen, erscheint folgerichtig, möchte man an dieser Geschichte weiterschreiben. Im Jahr 1990 goss die Initiativgruppe um Wolfgang Tittel diesen Gedanken in ein Konzept mit dem Titel „Haus des Buches“ und trug es an das Kulturministerium der DDR heran. Ausgestattet mit einem Vermögen von 30 Millionen DDR-Mark, realisierte der neu gegründete Verein in Kooperation mit dem Frankfurter Börsenverein ein Haus für Literatur am Gerichtsweg 28/Prager Straße. Das Vermögen wurde in einer Stiftung angelegt und finanzierte über Jahrzehnte den jährlichen Betrieb durch Zinserträge. In den vergangenen Jahren sind die Zinsen am Kapitalmarkt stetig gesunken und damit auch die Erträge des Vermögens. Von den Gesetzen des Kapitalmarkts bleiben auch Kultureinrichtungen nicht verschont. Im letzten Jahr machte der auf private Drittmittel angewiesene Verein auf die akute Notsituation aufmerksam. Das kam nicht überraschend: Geschäftsführer Thorsten Ahrend hatte bereits 2019 auf schwindende Finanzreserven hingewiesen. „Noch nie musste in Deutschland ein Literaturhaus schließen. Und ausgerechnet in Leipzig?“, schreibt er auf Anfrage. Um einer Insolvenzverschleppung entgegenzuwirken, kündigte der Verein „Literaturhaus Leipzig“ im Dezember letzten Jahres die Mietverträge im Haus des Buches, wie der MDR berichtete.

    Literatur als „Grundnahrungsmittel für Menschlichkeit“

    Der Verein bietet ein kulturelles Angebot, bestehend aus Lesungen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen. In den 35 Jahren seines Bestehens haben über 5.000 Veranstaltungen stattgefunden, die ohne öffentliche Grundförderung realisiert werden konnten. Die Arbeit genießt weit über Leipzig hinaus hohes Ansehen, was sich sowohl im medialen Interesse als auch im Zuspruch aus der Literaturszene widerspiegelt. Neben dem Schriftstellerverband PEN bekundet auch der Sächsische Literaturrat seine Solidarität mit dem Verein. Doch zwischen großem Zuspruch und freien Haushaltsmitteln besteht kein direkter Zusammenhang. Nach langer Ungewissheit stellte eine überparteiliche Gruppe kulturpolitischer Sprecher von Grünen, Linke, BSW und SPD im Dezember 2025 einen Antrag im Stadtrat auf jährliche Förderung von 205.000 Euro aus dem Kulturetat der Stadt, der sich 2025 auf etwa 420 Millionen Euro belief. Darunter Dr. Gesine Mertens von den Grünen, die im Livestream der Stadtratssitzung Literatur als „Grundnahrungsmittel für Menschlichkeit“ bezeichnete.

    Frohe Botschaft vor der Buchmesse

    Am 25. Februar 2026 fiel schließlich der Beschluss des Stadtrats: Der Verein wird ab dem Haushaltsjahr 2027 fest in die institutionelle Förderung des Kulturamtes der Stadt Leipzig aufgenommen. Im ohnehin strikt geplanten Haushalt der Stadt, die in einer Finanzkrise steckt, ist eine solche unterjährige Entscheidung eine Ausnahme, die den Stellenwert des Literaturhauses unterstreicht. Die Förderung ist an Auflagen geknüpft. So soll das Literaturhaus ein Konzept entwickeln, das die Kinder- und Jugendliteratur stärkt, das Leipziger Verlags- und Buchhandelsnetzwerk einbindet, Kooperationen mit Hochschulen fördert und Drittmittel zur Kofinanzierung einwirbt. Bürgermeister Burkhardt Jung hatte vor der Abstimmung im Stadtrat auf die Signalwirkung einer Schließung hingewiesen. In einer Buchstadt, kurz vor der Buchmesse, ein Literaturinstitut fallen zu lassen, wäre „sträflich“, so Burkhardt. Mit zehn Nein-Stimmen lehnte die CDU-Fraktion den Antrag ab. Zur Begründung sagte Falk Dossin (CDU): „Wir tragen Verantwortung für die gesamte Stadtgesellschaft, nicht nur für einzelne Projekte, so wertvoll sie im Einzelnen auch sein mögen.“ Aus welchem Topf die Mittel bereitgestellt werden, entscheidet der Stadtrat Ende April. Für Ahrend steht fest: „Wir werden uns den aktuellen Fragen der Kultur unserer Gesellschaft stellen. Neue Fragen brauchen neue Antworten.“

    Titelbild: Philipp Bahrenberg

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