Das ewige Spiel zwischen Nähe und Distanz
Eine Fernbeziehung zwischen zwei freiberuflichen Millennials und die Herausforderungen, die entstehen, wenn es ernst wird. Ein Liebesdrama, das viel verspricht, aber nicht unter die Haut geht.
Allegro Pastell behandelt die von Nähe und Distanz geprägte Beziehung zwischen Tanja (33) und Jerome (35). Jerome designt Webseiten und wohnt in dem renovierten Bungalow seiner Eltern in einem hessischen Dorf, während Tanja als zunehmend erfolgreiche Schriftstellerin ihr Leben in Berlin-Kreuzberg führt. Die beiden haben sich auf einer von Tanjas Lesungen kennengelernt. Zwischen ihren Wiedersehen tauschen sie sich über sehr poetisch geschriebene Mails aus, die im Hintergrund vorgelesen werden und im starken Kontrast zu ihren realen Begegnungen stehen: Dann sind die beiden zaghaft und unbeholfen miteinander, unsicher, als würde sie eine unsichtbare Wand trennen.
Diese unterschwellige Distanz konkretisiert sich, als Jerome Tanja ihre neue Webseite zeigt, die er für sie als Schriftstellerin programmiert hat. Es sollte ein Geburtstagsgeschenk sein, aber Tanja wirkt nicht begeistert, und ab diesem Moment sabotiert sie die Beziehung: Sie ist kalt und abweisend und schläft schließlich gegen Jeromes Willen mit jemand anderem. Der Grund für ihre starke emotionale Reaktion bleibt im Verborgenen. Man kann nur mutmaßen: Vielleicht fühlt sie sich bevormundet, oder sie fühlt sich eingeengt durch so eine konkrete Geste der Liebe. Trotz der gefühlsaufgeladenen Mails, die im Laufe des Films immer unglaubwürdiger wirken, da sie sprachlich hochgestelzt und zu gewollt erscheinen, kommunizieren die beiden kaum. Zusätzlich hadern beide Figuren – vor allem Jerome – damit, in den Dreißigern nichts mehr zum ersten Mal zu erleben, und mit dem Gefühl, dass jede Erfahrung weniger intensiv und bereits bekannt ist.
Während dieser eigentlich sehr intensiven Handlung entsteht jedoch keine Verbundenheit zwischen Zuschauer*innen und Figuren, fast so, als würde sich die Distanz zwischen Tanja und Jerome auf die Zuschauer*innen übertragen. Der Film will anders und geheimnisvoll sein, bedient damit aber viele Klischees, die visuell zwar Spaß machen, die Handlung jedoch nicht wirklich bereichern: Technopartys in Berlin und Drogenkonsum, modern eingerichtete, lichtdurchflutete Räume sowie zwei normschöne, erfolgreiche Freiberufler in ihren Dreißigern.
Ein typisches Liebesdrama: unerfüllte Sehnsüchte und unausgesprochene Erwartungen, aber es geht nicht unter die Haut. Man beobachtet das Paar von außen und versteht ihre eigentlichen Handlungsmotive und Ängste nicht. Zum Beispiel wird emotional nicht nachvollziehbar, warum Tanja die Nähe zu Jerome zu viel ist und sie so ein starkes Distanzbedürfnis hat. Nachdem Tanja mit einem anderen Mann geschlafen hat, sind die beiden plötzlich einfach getrennt, ohne ein ehrliches Trennungsgespräch, in dem sie sich verletzlich zeigen. Dies führt dazu, dass man sich als Zuschauer*in ausgeschlossen fühlt. Deshalb bleibt der Film in seiner Wirkung still, regt nicht zur Empathie an und fühlt sich eher wie ein Warten auf den einen emotionalen Ausbruch an, auf etwas, mit dem man mitfühlen kann.
Allegro Pastell kratzt an der Oberfläche einer Frage, die ganze Generationen bewegt: Was passiert nach der großen Verliebtheit? Der Film versucht dort einzusetzen, wo alle Liebesfilme aufhören und die Realität von Liebe anfängt. Er handelt von Unentschiedenheit und falschen Entscheidungen sowie der Herausforderung, sich wirklich für eine Person zu entscheiden, und der Angst, dabei etwas zu verpassen. Leider wird all dies nur angeteasert, und schlussendlich bleibt man im luftleeren Raum hängen, da die emotionalen Beweggründe für die Sabotage der Beziehung nicht tiefergehend beleuchtet werden. Genau an diesem Punkt wäre der Film spannend geworden, doch stattdessen bleibt er eher eine schimmernde Projektionsfläche für eigene Ängste und Bedürfnisse.
Der Film feierte seine Premiere auf der Berlinale und ist seit dem 16. April auch in den Leipziger Kinos zu sehen.
Titelbild: Felix Pflieger
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