Fünf Monate nach dem Aufschrei um Berger
Ein Professor greift einen Aktivisten vor einem Hörsaal körperlich an. Es folgen Entschuldigung, interne Prüfungen, aber es bleiben offene Fragen zu möglichen dienstrechtlichen Konsequenzen.
Am 29. November 2025 gründete sich in Gießen die neue Jugendorganisation der rechtsextremistischen AfD. Das bundesweit agierende Aktionsbündnis Widersetzen organisierte eine Protestaktion dagegen. Nach Angaben der Polizei protestierten im Rahmen dessen 25.000 bis 30.000 Menschen in Gießen. Widersetzen schrieb in einer Pressemitteilung, es hätten sich insgesamt 50.000 Personen am Protest beteiligt. Zuvor hatte das Bündnis mitunter im Rahmen des Vorlesungsbetriebes für die Teilnahme an der Veranstaltung geworben, auch in Leipzig.
Auftritt versagt, Übergriff vor dem Hörsaal
Dort kam es bei einer solchen Werbeaktion zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung an der Universität. Als ein*e Aktivist*in sich am 12. November zu Beginn der Vorlesung für „Methoden der empirischen Sozialforschung“ im Hörsaal 3 an die anwesenden Studierenden wenden wollte, um diese zu dem Protest nach Gießen einzuladen, eskalierte der Austausch mit dem Dozierenden.
In einem Video, das die Leipziger Ortsgruppe von Widersetzen noch am selben Tag auf Instagram hochlud, schildert Aktivist*in Robin Rheese (Name geändert, Anm. d. Red.) den Ablauf der Situation. Professor Roger Berger habe dem Aufruf keinen Raum geben wollen, Rheese auf dem Weg aus dem Saal begleitet, am Kragen gepackt und auf den Boden geworfen. Unter dem Posting wurden mehr als tausend Kommentare hinterlassen. Darunter finden sich zahlreiche Bekundungen von Solidarität für die*den Studierende*n. Nam Duy Nguyen, der für die Linkspartei im sächsischen Landtag sitzt, sprach sich dafür aus, gegen den Professor vorzugehen. Mehrere User*innen teilten darüber hinaus Spekulationen über Bergers politische Einstellungen.
„Rote Linie überschritten“
Bislang kam auf Anfragen hin kein Gespräch mit Robin Rheese von Widersetzen Leipzig zustande. Allerdings äußerte Rheese sich im Interview mit der Leipziger Volkszeitung und erklärte, noch nicht entschieden zu haben, ob sie*er Anzeige erstatten wolle. Der Vorfall habe „eine rote Linie überschritten“, insbesondere, da der Professor in seiner Position eine Vorbildfunktion erfülle. Weiter wünschte sie*er sich eine öffentliche Entschuldigung von Berger, dessen Aufgabe seiner Lehrtätigkeit und die Einleitung eines Disziplinarverfahrens.
Aus der Pressestelle von Widersetzen auf Bundesebene war zu entnehmen, dass die Leipziger Ortsgruppe „in engem Kontakt zum Fachschaftsrat (FSR) Soziologie, Stura und zum*zur Gleichstellungsbeauftragten“ getreten sei. Weiter heißt es: „Bei dem Angriff war die betroffene Person nicht alleine und Zeug*innen haben Gedächtnisprotokolle angefertigt.“
Institut für Soziologie kündigt Maßnahmen an
Die Kommunikation zum Vorfall setzte sich nach dem Upload des Widersetzen-Videos rasch auf Instagram fort: Dort veröffentlichte die Universität Leipzig am Tag nach dem Übergriff ein Statement von Soziologieprofessor Roger Berger, in dem er „in aller Form um Entschuldigung bittet“ und einräumt, nicht richtig gehandelt zu haben. Überforderung sei der Grund für die Reaktion gewesen, keine „inhaltliche Ablehnung von Aktivitäten gegen rechtsextremes Gedankengut“. In den vergangenen Monaten war Berger nicht für eine weiterführende Stellungnahme zu erreichen. Der Professor ist seit dem Vorfall beurlaubt.
Weitere Akteure der Universität äußerten sich zu der Eskalation und engagierten sich für eine Einordnung. In einer Stellungnahme des Instituts für Soziologie aus dem November 2025 heißt es zum Beispiel: „Das Institut für Soziologie verurteilt die Eskalation und jede Form gewaltsamer Handlungen an der Universität, egal, von wem die Gewalt ausgeht. Studierende und Lehrende müssen darauf vertrauen können, dass sie auch im Streit körperlich und psychisch unversehrt bleiben und unbeeinträchtigt lernen und lehren können.“ Die dort außerdem angekündigten kurzfristigen Maßnahmen umfassten unter anderem, dass andere Dozierende die Vertretung von Bergers Lehrveranstaltungen übernommen haben. Außerdem wurde der fakultätsweite Austausch zum Vorfall und das Verteilen „einer ‚Handreichung für Veranstaltungssicherheit‘ der Universitätsverwaltung mit Hinweisen zum Umgang mit Konflikten und Hausrechtsverletzungen angekündigt.“ Der FSR Soziologie veröffentlichte bereits am zwölften November ein Statement, in dem er Bergers Verhalten verurteilt, zur Vernetzung aufruft und um Eindrücke und Hinweise zum Übergriff bittet.
Universität Leipzig in der Mittlerrolle
In einer Pressemitteilung des Sturas der Universität Leipzig wird Alaska Krakor, Referent*in für Hochschulpolitik, zitiert: „Vorlesungsinterventionen sind ein bekanntes und probates Mittel, um einer breiten Studierendenschaft Zugang zu Informationen zu verschaffen.“ Die Anwendung körperlicher Gewalt durch einen Professor in einer solchen Situation sei daher „erschreckend, unerhört und gefährlich“. Weiter heißt es, die Universität müsse ihrer Verantwortung den Studierenden gegenüber konsequent nachkommen und „wirklich unbequem werden, wenn Professor*innen Grenzen überschreiten.“
Die Pressestelle der Universität Leipzig erklärte auf eine Anfrage hin, aktuell gebe es schon einige Angebote, die Betroffene infolge einer Gewaltsituation nutzen können. Beispiele hierfür seien die dezentralen Gleichstellungsbeauftragten der Fakultäten, die zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Universität sowie die Stabsstelle Chancen- gleichheit, Diversität und Familie der Universität. „Wir werden bestehende Beratungs- und Meldestrukturen weiter ausbauen, Zugänge zu vertraulichen Ansprechstellen verbessern und Leitlinien für respektvolle Kommunikation und Konfliktprävention entwickeln“, stellt eine Sprecherin in Aussicht. In den vergangenen Jahren hätten sich keine anderen Fälle dieser Art zugetragen, die der Medienredaktion bekannt seien. Und: „Wer in Vorlesungen informieren will, sollte dies in jedem Fall vorab mit dem Lehrpersonal absprechen. Die Dozierenden entscheiden, ob und wann Projekte und Aktionen im Rahmen von Vorlesungen vorgestellt werden können.“
In einer Videobotschaft wandte sich die Rektorin am 17. November an die Angehörigen der Universität, betonte die Wichtigkeit von gewaltfreiem Miteinander und kündigte an: „Wir gehen jedem Sachverhalt intensiv nach. Aktuell laufen notwendige Bewertungen. Dabei müssen wir dienst- und personalrechtliche Vorgaben beachten.“ Das lässt vermuten, es könne nach dem Vorfall am zwölften November ein Disziplinarverfahren gegen Roger Berger eingeleitet werden.
Kein Disziplinarverfahren am Verwaltungsgericht
Welche dienstrechtlichen Folgen es infolge seiner Handgreiflichkeit aber tatsächlich gibt, ist aktuell unklar. Eine Pressesprecherin der Universität Leipzig schrieb dazu im März, über interne Gespräche und Prüfungen könne sie keine Auskunft geben: „Generell ist zu sagen: Disziplinarverfahren sind vertraulich zu behandeln. Ob und nach welchen Verfahrensregeln sowie mit welchen Folgen ein Verfahren durchgeführt wird, ergibt sich aus dem sächsischen Disziplinargesetz.“ Auch im April gab die Universität keine Auskunft darüber, ob überhaupt ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.
Zumindest in den Gerichten des Freistaates Sachsen ist im April kein solches Verfahren anhängig: Das Verwaltungsgericht Dresden, das für Disziplinarverfahren sächsischer Beamter zuständig ist, behandelt nach eigenen Angaben kein Disziplinarverfahren gegen Roger Berger. Laut Pressestelle des Dresdner Verwaltungsgerichts sei es allerdings ungewöhnlich, wenn das Verfahren bereits zum jetzigen Zeitpunkt beim Gericht gelandet wäre, denn „schließlich müsse zunächst das behördliche Disziplinarverfahren durchgeführt werden.“
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