…dann sollen sie doch Blumen essen
Leipzig spart. An Schulen, Kultur, Jugend. Nur die Blumenkästen – die blühen ungestört weiter.
Es ist Frühling in Leipzig. 14.700 Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht und Goldlack recken ihre Köpfchen der Sonne entgegen – rund ums Bürgermeister-Müller-Denkmal, an der Thomaskirche, am Mendebrunnen. Die Stadtreinigung ist stolz: „Wir pflanzen seit Jahren in ähnlichem Umfang”, erklärt Sprecherin Claudia Ballhause dem MDR und man hört ihre Zufriedenheit förmlich durch den Satz.
Gleichzeitig: Oper und Schauspiel kämpfen um ihre Sparten. Das Bachfest bekommt weniger. Die Schulsozialarbeit sollte im vergangenen Jahr um acht Millionen Euro gestutzt werden. Stadtteilfeste stehen unter Vorbehalt. Kitas. Gewandhaus. Und so weiter und so fort. Die Liste der Kürzungen liest sich wie ein Kulturprogramm in umgekehrter Richtung – nicht was Leipzig plant, sondern was Leipzig aufgibt.
Aber die Blumen – die Blumen stehen prächtig.
Man könnte jetzt Rücksicht walten lassen und die Bepflanzung als kommunalpolitisches Gesamtkunstwerk deuten: Land-Art, Outdoor-Kultur, ein Farbtupfer gegen den kollektiven Weltschmerz. In Zeiten, in denen auf so ziemlich jeder Ebene irgendjemand irgendetwas kaputtmacht, haben die kleinen Freuden durchaus ihre Berechtigung. Ein Stiefmütterchen am Hauptbahnhof hat noch niemanden ins Unglück gestürzt. Und ja, es stimmt: Wer morgens zur Arbeit hetzt und kurz innehält, weil am Wegesrand etwas Lila blüht – dem sei das gegönnt.
Und dennoch.
Ein befreundeter Gärtner behauptete, Stiefmütterchen hießen so, weil man sie stiefmütterlich behandeln könne – vernachlässigen, kürzen, vergessen – und sie blühen trotzdem. Das stimmt etymologisch nicht, aber für das Stadtbild taugt es: Denn genau das scheint Leipzig gerade mit seinen Kultureinrichtungen und Jugendzentren zu versuchen. Der Unterschied ist nur, dass die keine Zwiebelpflanzen sind. Ein Jugendzentrum, das schließt, macht nicht einfach im nächsten Frühling wieder auf. Eine Theatersparte, die gestrichen wird, kehrt nicht zurück, weil irgendwann mal wieder mehr Geld da ist. Was einmal weg ist, ist weg – und mit ihm ein Stück von dem, was eine Stadt zu mehr macht als eine Ansammlung von Gebäuden und Straßen.
Jetzt ließe sich einwenden, die Zuständigkeiten seien verschieden – Stadtreinigung hier, Kulturamt dort – getrennte Töpfe, kein direkter Zusammenhang. Das stimmt formal. Es ändert aber nichts am Bild, das entsteht, wenn man beides nebeneinanderhält. Bilder sind manchmal hartnäckiger als Haushaltspläne. Und dieses Bild zeigt eine Stadt, die weiß, wie man Beete anlegt, aber vergessen hat, warum man sie anlegt – nämlich für Menschen, die auch sonst etwas zum Leben brauchen.
Marie Antoinette soll gesagt haben: „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.” Sie hat es vermutlich nie gesagt, aber der Satz hat überlebt, weil er so präzise eine bestimmte Art von Blindheit beschreibt. Die Blindheit derer, die in gepflegten Verhältnissen leben und nicht begreifen, was ringsum fehlt. Ob die Leipziger Stadtspitze Blumen als Antwort auf Sparmaßnahmen begreift oder schlicht nicht merkt, wie das aussieht – das Ergebnis ist dasselbe.
Leipzig blüht. Das ist schön. Wirklich.
Aber vielleicht sollten wir ein bisschen weniger Stiefmütterchen pflanzen und ein bisschen mehr daran denken, dass Jugendarbeit und Kultur keine dekorativen Elemente sind, die man bei Bedarf einfach weglässt. Die wachsen eben nicht einfach nach.
Titelbild: ge
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