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  • „Bei uns gibt es keine Geschichte um jeden Preis“

    Sandra Hofmann und Katharina Gleß sprechen im Interview über die Motivation hinter ihrem Interview-Projekt Viertelrausch, ihre Leidenschaft und ihr besonderes Geschäftsmodell.

    Sandra Hofmann und Katharina Gleß betreiben seit sechs Jahren ehrenamtlich die Online-Plattform Viertelrausch, auf der sie Leipziger Bürger*innen aus verschiedenen Vierteln interviewen und in Bildreihen porträtieren. Vor vier Jahren eröffneten sie Effektrausch, ein „Büro für Employer Branding und Storytelling“. luhze-Redakteurin The­resa Moosmann hat mit ihnen über die Motivation hinter Viertelrausch, ihre Leidenschaft und ihr besonderes Geschäftsmodell gesprochen.

    luhze: Normalerweise führt ihr im Rahmen eures Kunstpro­jektes Viertelrausch Inter­views, nun sitzt ihr mal auf der anderen Seite. Wie fühlt sich das an?

    Sandra: Als ich zum Interview gefahren bin, hab ich mich ehrlich gesagt gefreut. Ich dachte: voll entspannt. Die Vorbereitung ist anders. Heute habe ich mir eher überlegt, welche Farbe mein Pullover hat, als was für Fragen ich stellen werde. Ich bin gespannt, was passiert – das ist auch das, was die Leute uns sonst immer sagen. Man muss reflektieren, was man tut, dadurch geht man ganz anders damit in Verbindung.

    Katharina: Ich bin auch mit einer freudigen Stimmung hergekommen. Durch unsere Arbeit sind wir überzeugt, dass es eine große Wertschätzung bedeutet, angefragt und interviewt zu werden.

    Was ist für euch das Künstlerische an eurer Arbeit?

    Katharina: Für mich ist es das Zusammenspiel der Fotos mit den Texten. Wir nennen das gerne einen „Emotionsmatch“, den wir dadurch erreichen. Wir geben den Menschen die Chance, zu Wort zu kommen, gleichzeitig bin ich dabei und fange die Momente bildlich ein. Das macht die Authentizität der Interviews aus.

    Sandra: Für mich sind außerdem die Interviews, die wir führen, keine journalistischen Interviews. Wir haben kein Ziel, wir wollen keinen Skandal. Bei uns gibt es keine Geschichte um jeden Preis. Wir gehen immer Hand in Hand mit unseren Interviewpartner*innen, bei uns werden Beiträge auch wieder von der Website runtergenommen, wenn die Person das wünscht. Wir nehmen Korrekturen an, weil wir uns bewusst darüber sind, dass viele der Menschen noch nie interviewt worden sind. Es soll sich für alle stimmig anfühlen, das habe ich so noch nie in einer Zusammenarbeit mit einer Zeitungsredaktion erlebt. Für uns fühlt sich das wie ein Schutz der Geschichte an, die uns gerade anvertraut wurde. Ich sehe es außerdem als Kunst, ein Interview zu führen. Wenn man es wirklich schafft, sich aufeinander einzulassen, kann das etwas Wunderschönes sein. Interviews sind wie ein Tanz, bei dem beide Parteien entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Diese Verbindung ist etwas ganz Besonderes. Das ist uns bei Viertel- wie Effekt­rausch wichtig. Ich arbeite auch nie mit vorgefertigten Fragen.

    Wie hat eure gemeinsame Arbeit angefangen?

    Katharina: Wir haben in Chemnitz Medienkommunikation stu­­diert. Nach unserem Studium ist Sandra für ihren Master nach Bamberg gegangen. Anschließend sind wir in Leipzig wieder zusammengekommen. Wir waren uns in dem Punkt einig, dass wir beide nicht wussten, wohin es für uns geht. Wir haben dann überlegt, was wir gemeinsam umsetzen könnten. Daraus entstand Viertelrausch. Wir wollten Menschen in unserer Stadt eine Stimme geben, schauen, was in den Vierteln los ist. Das war 2014, damals war Leipzig noch sehr im Umbruch und wurde gehypet. Diesen interessanten Veränderungen sind wir auf die Spur gegangen, ohne genauer zu wissen, wo das alles hinführt.

    Sandra: Wir sind einfach losgetigert in die Stadtviertel, es war November und ein sehr kalter Winter. Wir sind mit dem Fahrrad von Viertel zu Viertel gefahren und haben Menschen angesprochen.

    Habt ihr nach einem Interview schon mal entschieden, es nicht hochzuladen?

    Sandra: Sexistische Sachen fallen uns als Erstes auf. Je nachdem, wie stark es ist, kommen wir danach nochmal mit den Menschen ins Gespräch und weisen darauf hin, dass wir das so nicht hochladen wollen. Dennoch halten wir daran fest, dass jede*r mit einer positiven Intention zu uns kommt, und dass wir vor allem voneinander lernen können. Das heißt nicht, dass alle zu uns kommen und irgendetwas herausposaunen kann. Unsere Interviews sollen die Welt ein Stück gewaltloser machen. Wenn wir merken, dass sich an diesem Punkt etwas widerspricht, dann kommt die Person natürlich nicht infrage. Das hatten wir allerdings noch nicht.

    Könnt ihr eine Begegnung bei Viertelrausch nennen, die euch besonders im Gedächtnis geblieben ist?

    Sandra: Es gibt immer Geschichten, die einen mehr bewegen als andere. Das Bewegendste für mich ist das Spektrum, das wir abbilden, also die Gesamtheit, die so faszinierend ist. Mich beeindruckt die Vielfalt der Geschichten.

    Katharina: Das sehe ich auch so. Jedem Interview begegnen wir mit einer Gespanntheit, und wir haben so viel Abgefahrenes in den letzten sechs Jahren erlebt, dass ich das kaum auf eine Begegnung einschränken kann. Wir haben vom Oberbürgermeister bis zum Leiter eines Obdachlosenheimes so viele Geschichten gesammelt, und jede für sich ist einzigartig.

    Habt ihr den Oberbürgermeister auch auf offener Straße angesprochen?

    Sandra: Nein, das Interview entstand in einer Kooperation mit dem Lichtfest Leipzig.

    Katharina: Es ist schon witzig. Als wir anfingen, haben wir einige Sachen besprochen, bei denen wir hofften, dass sie eines Tages klappen. Dazu gehörte auch das Interview mit Herrn Jung, oder auch die Gründung unserer eigenen Agentur. Jetzt sitzen wir sechs Jahre später hier, haben den Oberbürger­meister interviewt, was damals für uns ein Highlight war, und unsere eigene Agentur gegründet. Für uns ist es immer schön zu sehen, wenn sich unsere Vorstellungen in Realität umwandeln.

    Habt ihr jetzt überhaupt noch Träume?

    Sandra: Wir hätten gerne ein schönes Ladengeschäft, mit vielen grünen Pflanzen drin. Außerdem möchten wir noch wachsen, auf etwa fünf oder sechs Leute, es gibt zwei Personen, die wir fest ins Team holen wollen. Das ist aufgrund der aktuellen Lage noch nicht möglich.

    Du sprichst die aktuelle Lage an: Wie hat sich die Pandemie auf eure Arbeit, insbesondere in eurem Unternehmen Effekt­­­­­rausch, ausgewirkt?

    Sandra: Wir treffen uns in der Regel persönlich mit Menschen. Demnach hat uns die aktuelle Lage nicht beflügelt, sondern eher Steine in den Weg gelegt, auch in Form eines Umsatzrückgangs. Das Neugeschäft gestaltet sich zäher. Ich würde nicht sagen, dass es nicht existiert, aber es ist verhalten.

    Ihr nennt euer Unternehmen ein „Büro für Employer Branding und Storytelling“. Wie genau kann man sich eure Arbeit bei Effektrausch vorstellen?

    Katharina: Wir gehen in die Unternehmen hinein und beschäftigen uns auch da mit den Menschen, von der Chef*innenetage bis zu den Mitarbeitenden. Je nach Fragestellung geht es dann darum, was die Menschen bewegt, in dem Unternehmen zu arbeiten, welche Motivation sie haben. Wir sammeln Geschichten, die wir nutzen – entweder für die Unter­nehmen intern oder für Kampagnen in jeglichen Formaten, zum Beispiel für die Bewerber*innensuche. Meistens geht es nicht um Produktbewerbung, sondern um die Unternehmenskultur. Unter­nehmen kom­­­­­­m­­­en auch auf uns zu, wenn sie wissen wollen, was bei ihnen nicht stimmig ist. Sie wollen dann genau hinfühlen.

    Was unterscheidet dann konkret euer Endprodukt von einer klassischen Werbekam­pagne?

    Sandra: Es ist eine ganz andere Form des Darstellens. Alleine das Zitat eines Menschen mit einem Bild von ihm in Zusammenhang erzeugt eine ganz eigene Wirkung. Gleichzeitig sind auch die Aussagen, also die Zitate, anders. Wir graben tief, daher kommt ein sehr liebevolles Abbild heraus. Wir haben einmal ein Event begleitet, zwei Jubiläen. Das war so schön, wenn man Menschen aus 25 Unternehmensjahren zum Reden bringt und jede*r auch sich selbst in der Unternehmensgeschichte wiederfindet. Uns geht es nie darum, etwas zu bewerben und zu sagen: „Das ist nun wirklich der krasseste Job!“ Wir wollen eher zeigen: In diesem Unternehmen gibt es eine Bandbreite an Werten, eine Vision und eine Vielfalt an Charakteren.

    Katharina: Wir machen die Fülle im Unternehmen sichtbar. Wir schaffen es, die Menschen zu ihren eigenen Gefühlen zu bringen und auch zu den Gefühlen, die sie gegenüber dem Unternehmen haben. Durch die intime Atmosphäre und die Zeit, die wir allen widmen, kann man das überhaupt nicht mit der Arbeit anderer Agenturen vergleichen, die einen anderen Fokus haben.

    Zieht ihr denn trotz Effekt­rausch nach wie vor für Viertelrausch um die Häuser?

    Katharina: Jetzt wieder. Natürlich ist es durch unsere Arbeit schwieriger geworden, Viertelrausch aktiv zu betreiben. Wir stellen fest, dass unser Unternehmen viel Zeit und Energie kostet, aber wir haben wieder Raum gefunden, das anzustoßen. Nachdem wir damals online gingen, haben sich auch viele Menschen bei uns gemeldet, die etwas zu erzählen haben. Dadurch waren wir lange Zeit mit Geschichten ausgelastet. Dennoch war uns immer wichtig, dass es nicht werblich wird, sondern dass es immer um die Menschen selbst ging.

     

    Titelfoto: Cecilia Mlayeh

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