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  • Bunt statt nur Rosa und Blau

    Noah ist nonbinär ─ eine Reportage über bürokratische und gesetzliche Hürden, Austauschmöglichkeiten in Leipzig und die Gefahren, denen queere Menschen im Alltag ausgesetzt sind.

    Noah hieß nicht immer so. Der 20-jährige Student der Universität Leipzig wuchs mit einem weiblichen Namen auf. „Obwohl meine Mutter ‚das Kind‘ gesagt hat und ich kaum mit festen Geschlechterrollen erzogen wurde, war mein Weg zum Erkennen meiner Identität ein ‚wild ride‘.“ Mit 15 Jahren merkte Noah zum ersten Mal, dass er nicht weiblich ist. Er bezeichnete sich zunächst als transmännlich, also als Mensch, dessen Geburtsgeschlecht nicht mit der eigenen Identität übereinstimmt, bis er zu der Erkenntnis kam: „Ich bin nonbinär.“ Der Oberbegriff für Menschen, die sich nicht dem zweigeteilten Geschlechtersystem zuordnen wollen, vereint viele verschiedene Selbstverständnisse. „Wenn es ein Spektrum von männlich zu weiblich gibt, ordne ich mich mittig, aber eher männlich ein“, erklärt der redselige Student. Er betont im Gespräch immer wieder, dass seine Erfahrungen nicht für alle gelten. Seine Partnerperson sei genderfluid; ihr Geschlechtsempfinden verändere sich fließend.

    Seit einem Jahr nimmt Noah männliche Hormone, also Testosteron. Seitdem fühle er sich selbstsicherer und wohler im eigenen Körper. Er erzählt aber auch offen von den Schwierigkeiten: „Die Veränderungen gingen am Anfang viel zu langsam. Und wenn ich mich aufrege, ist mir meine Stimme leider zu hoch.“ Neben der Stimmveränderung hat Noah vor allem mehr Muskeln aufgebaut und ein wenig dunklen Bart in der Farbe seiner langen gewellten Haare bekommen. Er wartet sehnlichst auf mehr Bartwuchs: „Dann kann ich auch wieder Röcke und Kleider tragen, ohne dass mich Außenstehende als Frau bezeichnen.“

    Die Hormone hat Noah von einem Arzt verschrieben bekommen. Auch um seinen Namen zu ändern, musste er ein medizinisches Gutachten vorlegen. In Leipzig ist dafür vor allem der Diplompsychologe Dr. Kurt Seikowski Ansprechpartner. Er geht demnächst in Rente ─ nun wissen viele Transpersonen nicht, an wen sie sich wenden können.

    Papierkram und Geld

    Noahs Leben scheint von Behördengängen und Besuchen bei Ärzt*innen geprägt zu sein. „Irgendwer muss damit anfangen, sich durch den Scheiß durchzukämpfen“, erzählt er über seinen Weg durch die Bürokratie, den er auch geht, um ihn anderen zu ebnen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Entscheidung, ob er sein Geschlecht zu männlich oder zu divers ändern möchte.

    Da ist zunächst das Transsexuellengesetz, das seit 1981 gilt. Wer sein Geschlecht verändern möchte, zahlt gemäß diesem bis zu 4.000 Euro Prozesskosten. Mehrere Passagen wurden inzwischen vom Bundesverfassungsgericht als Verstöße gegen das Grundgesetz ausgelegt. Beispielsweise war nach einer Umbenennung und Neueintragung des Geschlechts eine Zwangssterilisation noch bis 2011 Pflicht. Außerdem musste der Körper durch eine Operation an das neu eingetragene Geschlecht angepasst werden. Auch die dieses Jahr vom Innen- und Justizministerium vorgelegte Reform des Transsexuellengesetzes ist umstritten, besonders, weil Fachverbände nur zwei Tage Zeit zur Stellungnahme hatten. In allen eingereichten Stellungnahmen wurde der Entwurf abgelehnt. Kritik gab es besonders an folgenden Inhalten der Reform: Zwang zur Beratung, Anhörung von Ehegatten vor Gericht und dass die erneute Antragsstellung nach einer Ablehnung von Umbenennung und Neueintragung des Geschlechts erst drei Jahre später möglich ist. Die Gesetzesreform wurde daraufhin gestoppt.

    Seit dem 22. Dezember 2018 gibt es für Menschen wie Noah eine weitere Möglichkeit: sich als „divers“ eintragen zu lassen. Der 20-Jährige hat sich dafür entschieden, weil er nur eine geringe Verwaltungsgebühr bezahlen musste. Allerdings benötigte er auch für diese Variante ein medizinisches Gutachten.

    Orte der Begegnung

    Bei rechtlichen, medizinischen und vielen weiteren Fragen, die nonbinäre und Transmenschen haben, hilft auch Rosalinde weiter ─ zum Beispiel, wie es weitergehen soll, wenn Dr. Seikowski in Rente geht. Der Verein bietet Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans*, Inter*, Asexuellen/ Aromantischen und queeren Personen (LSBTIQA*) Begegnung, Beratung und Bildung an. Im August dieses Jahres ist er von dem Leipziger Osten nach Lindenau in größere Räumlichkeiten umgezogen. Dort sitzt auch Paul Dombrowski, Ansprechpartner für das Bildungsprojekt Liebe bekennt Farbe am Schreibtisch er koordiniert die Schulbesuche von jungen queeren Menschen, die dort methodisch und anhand der eigenen Biografie über Queerness berichten. „Das Wissen über diese Themen ist gewachsen“, erzählt Dombrowski. Grund sei vor allem das Internet als „Dreh- und Angelpunkt für Identitätspolitik“, die sich in der Diversität von Influencer*innen und Serien wie dem Grimme-Preis nominierten „Druck“ zeige, in der eine der Hauptrollen eine Transperson ist.

    Begegnung erfahren Menschen vor allem in den verschiedenen Gruppen der Rosalinde. Auch Noah hat bereits welche für nonbinäre und Transmenschen besucht. Dombrowski erklärt, dass die Gruppen sehr unterschiedliche Strukturen aufweisen. Manche unternehmen Ausflüge, andere seien Gesprächsrunden oder veranstalteten lockere Treffen im eigens dafür eingerichteten Begegnungsraum mit gemütlichen Sofas, Tischfußball und natürlich Regenbogenflagge.

    Das Bild zeigt das Wohnzimmer des Rosalinde Vereins. Im Bild sind ein braunes und ein rotes Sofa, ein kleiner Tisch sowie eine Regenbogen-Flagge mit der Aufschrift "Stonewall Forever" an der Wand.

    Vereint unter einer Flagge – die Rosalinde

    Bedroht und beleidigt

    Immer mehr Transpersonen würden sich outen, so Dombrowski. Aber trotzdem sei das kein Anzeichen für eine hohe Toleranz innerhalb der Gesellschaft. An der Gewalterfahrungsstudie, herausgegeben von der Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen, haben 369 LSBTIQ*-Menschen teilgenommen. 267 von ihnen sind in den letzten fünf Jahren Opfer von vorurteilsmotivierter Gewalt geworden. Viele wurden mehrmals und auf verschiedene Weisen angegriffen, haben körperliche Gewalt erfahren, wurden bedroht oder beleidigt.

    Noah hat solche Erfahrungen glücklicherweise nicht gemacht. Viele Begegnungen mit fremden Personen sieht er positiv: „Ich freue mich immer, wenn ältere Menschen mich als ‚jungen Mann‘ bezeichnen.“ Er sagt, Außenstehende, die von seinem Nonbinärsein wüssten, seien häufig freundlich im Umgang mit ihm, aber unsicher. „Die Menschen haben vermutlich größer Probleme mit ‚femininer‘ Kleidung an männlich gelesenen Personen als andersrum. Umso mehr ich als männlich durchgehe, desto weniger Angst muss ich haben.“ Ganz ohne Schwierigkeiten sei sein Outing aber auch nicht verlaufen. Besonders seine Eltern hätten die Nonbinarität lange Zeit nicht wahrhaben wollen. Drei- oder viermal musste er sich ihnen gegenüber outen, bis er  akzeptiert wurde. Das Vielfaltsbarometer 2019 der Robert-Bosch-Stiftung misst die Akzeptanz von Vielfalt in ganz Deutschland und zeigt, dass diese vor allem in Sachsen als Schlusslicht der Studie fehlt. Besonders wenig Verständnis gibt es laut dem Barometer für die Vielfalt von Religion. Aber auch die Akzeptanz der Dimensionen von Geschlecht und unterschiedlicher sexueller Orientierungen ist gering.

    Veränderungen

    Dombrowski wünscht sich für die Zukunft von Rosalinde und ähnlichen Vereinen vor allem ein einheitliches Demokratieförderungsgesetz vom Bund. Denn: „Politische Bildung ist das letzte, an dem man sparen sollte.“

    Noahs Kritik bezieht sich vor allem auf Leipzig. „Es ist nicht böse gemeint, aber manchmal werden nonbinäre Personen einfach vergessen“, erzählt er über einige feministische und queere Veranstaltungen. Misgendern, also das Bezeichnen einer Person mit dem falschen Pronomen, käme in Gesprächen zu oft vor. Oder es fehlten Triggerwarnungen, wenn beispielsweise in Filmen das Abbinden von Genitalien gezeigt werde. Noah wurde auch einmal über einen queeren E-Mail-Verteiler zu einem Sex-Workshop eingeladen, der sich nur an Cisfrauen und heterosexuelle Paare richtete.

    Noah wünscht sich, dass mehr Menschen den Mut finden, offen über ihre Erlebnisse zu sprechen. „Ich versuche, Romane zu schreiben“, erzählt er etwas verlegen. Sich in seine weiblichen Protagonistinnen hineinzuversetzen, falle ihm dabei durch seine früheren Erfahrungen leichter als vielen Cismännern. Er versuche außerdem, „nicht über Frauen rüber zu labern“, weil er selbst vor seinem Outing erfahren habe, wie nervig das sei ─ ein wertvoller Blick auf unsere Gender-Welt, die meistens nur rosa und blau kennt.

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