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  • „Die Frustration verbindet uns junge Ostdeutsche“

    Lucie Hammecke ist die jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag. Im Januar sprach sie mit uns darüber, ob das Segen oder Fluch ist, über ihre Arbeit im Parlament und über ostdeutsche Identität.

    Vom Hörsaal ins Parlament: Lucie Hammecke ist seit den Landtagswahlen im September 2019 die jüngste Abgeordnete in Sachsen. Die 23-Jährige stammt aus Sachsen-Anhalt, zog fürs Politikwissenschaft-Studium nach Leipzig und pendelt nun regelmäßig nach Dresden. luhze-Redakteurin Sophie Gol­dau sprach mit ihr über ihren Weg in die Politik, den Koalitionsvertrag und Gleichberechtigung.

    luhze: Was ist das Beste am Politikmachen?
    Hammecke: Die Menschen, die man trifft. Spannend sind vor allem die Gespräche im Wahlkampf, in denen man beiderseitig Vorurteile auflösen kann. Aber auch die Leute, mit denen man später im Politikbetrieb arbeitet und mit denen man gemeinsame Ziele umsetzt.

    Was ist das „Schlimmste“?
    Ich finde es noch schwierig, mit dieser neuen Art von Öffentlichkeit umzugehen. Wenn ich mich äußere, dann tue ich das als Abgeordnete der sächsischen Grünen, aber ganz oft heißt es dann: „Die Grünen in Sachsen sagen das.“

    Nach der Bundestagswahl 2017 bist du zur Grünen Jugend gegangen. War das eine spontane Entscheidung?
    Für Politik interessiere ich mich schon länger, deswegen habe ich Politikwissenschaft studiert. Und ich habe immer gesagt: „Eigentlich muss man Dinge ändern.“ Beim Studieren geht es eher ums Erforschen. Ich kann aber nicht still sein, wenn rechtsextreme Gruppierungen oder die AfD wieder mehr Zulauf kriegen. Der ausschlaggebende Punkt war für mich das Wahlergebnis nach der Bundestagswahl 2017, als ich gesehen habe, wie blau die Karten waren – gerade in den neuen Bundesländern.

    Kamen dabei nur die Grünen für dich infrage?
    Es kamen erstmal nur Jugendorganisationen infrage. Ich habe überlegt, ob ich zu den Jusos oder zur Linksjugend Solid gehe, aber zur Grünen Jugend haben mich letztendlich zwei Gründe geführt. Einerseits natürlich die Debatte um die Klimakrise, die Planetenrettung, und auch der Tierschutz. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass Bündnis 90/Die Grünen zu der Zeit, die immer als Flüchtlingskrise bezeichnet wird, die einzige Partei war, die sich immer solidarisch und konsequent für eine vielfältige und offene Gesellschaft geäußert hat. Dafür wollte ich auch streiten.

    Erinnerst du dich an einen Moment, in dem du realisiert hast, dass du als Abgeordnete jetzt die Zukunft Sachsens mitbestimmen kannst?
    Bis ich mich völlig daran gewöhne, dauert es, glaube ich, noch. Aber ich muss schon sagen, in dem Augenblick, als der Koalitionsvertrag unterschrieben wurde, dachte ich mir so: „Uh, fett.“ Das war eine extrem intensive Zeit in den Verhandlungsgruppen, eine der krassesten Zeiten meines Lebens.

    Der Frauenanteil im sächsischen Landtag liegt bei rund 28 Prozent. Katja Meier war vor dir gleichstellungspolitische Sprecherin und hat sich für ein Paritätsgesetz ausgesprochen. Verfolgt eure Fraktion das weiterhin?
    Auf jeden Fall. Wir haben das große Glück, dass Katja Meier jetzt sowohl Justizministerin als auch Gleichstellungsministerin ist. Zudem ist im Koalitionsvertrag festgehalten, dass die Koalitionspartnerinnen das Pro­­­blem in allen Parlamenten sehen, eben nicht nur auf Landes-, sondern auch auf kommunaler Ebene. Um das anzugehen, soll eine Fachkommission eingerichtet werden. Es muss aber um mehr gehen als um das Paritätsgesetz. Wenn wir Politik für Frauen attraktiver machen wollen, gerade auf kommunaler Ebene, müssen wir ganz viel ändern. Politik findet dort zu großen Teilen ehrenamtlich statt, noch dazu meistens abends. Da Frauen aber noch einen großen Teil der Care-Arbeit zuhause tragen, ist es für sie viel härter, an Politik teilzunehmen. Wir brauchen also immer noch den gesellschaftlichen Wandel, also mehr Verantwortung bei den Vätern, bessere Kinderbetreuung und das Paritätsgesetz.

    Kommt es durch diesen geringen Anteil zu spürbar ungleichen Machtverhältnissen im Parlament?
    Zwei Fraktionen, wir Grünen und die Linke sind zurzeit etwa paritätisch aufgestellt. Wir werden nach dem Verzicht von Umweltminister Wolfram Günther auf sein Landtagsmandat Ende Januar mehr Frauen als Männer in der Fraktion haben. Bei der Linken ist es schon jetzt so. Die SPD zählt zumindest annähernd gleich viele Frauen wie Männer. Die beiden größten Fraktionen CDU und AfD aber haben sehr wenige weibliche Abgeordnete. Das kann dazu führen, dass etwa in Landtagsdebatten zu einem bestimmten Thema nur Männer reden.

    Ist es Segen oder Fluch, jüngste Abgeordnete zu sein?
    Weder noch. Einerseits kann ich anderen jungen Menschen zeigen, dass Politik anders aussehen kann als das Bild, das man vom alten weißen Mann im Anzug hat. Junge Menschen können sich am wenigsten mit Politiker*innen identifizieren. Ist es also eine Korrelation oder eine Kausalität, dass die Wahlbeteiligung bei jungen Leuten so niedrig ist? Es ist gut, dass es mich jetzt in Sachsen gibt, aber auch Anna Gorskih bei den Linken. Oder Ricarda Budke, die 20 ist und in Brandenburg gerade für die Grünen in den Landtag nachgerückt ist.
    Es ist aber nicht immer einfach. Ich wurde schon so oft für meine eigene Mitarbeiterin gehalten. Eine Zeit lang fand ich das sehr nervig, mich jedes Mal wieder erklären zu müssen. Ganz witzig: Unsere Europaabgeordnete Anna Cavazzini, immerhin 37 Jahre alt, wurde mal zum Praktikant*inneneingang geschickt. Also keine Ahnung, ob es irgendwann aufhört. (lacht) Es ist andererseits eine Möglichkeit, dem meist älteren Gegenüber zu zeigen, dass Politik auch jung sein kann.

    Das Bild zeigt zwei Frauen in einer Interview-Situation an einem Tisch. Auf der einen Seite sitzt Lucie Hammecke, grinsend. Auf der anderen Seite sitzt luhze-Redakteurin Sophie Goldau mit einem Stift und den ausgedruckten Interviewfragen auf dem Tisch.

    Lucy Hammecke im Interview mit luhze-Redakteurin Sophie Goldau für die Januar-Ausgabe

    Du hast mit anderen jungen Menschen letztes Jahr ein gemeinsames Buch herausgebracht und auch für kurze Zeit für diese Zeitung ge­schrieben. Ist das Autorinnen-Dasein immer noch etwas, das du dir beruflich vorstellen könntest?
    So gerne! Als ich jünger war, habe ich Fantasy-Geschichten geschrieben. Ich habe sogar am National Novel Writing Month teilgenommen und mir dabei nach knapp zwei Wochen eine Sehnenscheidenentzündung zugelegt. Ich werde nicht mein Leben lang Politik machen und kann mir vorstellen, nochmal was ganz anderes zu machen. Journalismus eher weniger, weil ich jetzt so stark in der Parteipolitik bin. Das fände ich seltsam. Aber vielleicht mache ich mal einen Buchhandel auf. (lacht) Literatur und Bücher spielen jedenfalls eine große Rolle in meinem Leben.

    Im neuen sächsischen Koalitionsvertrag steht, dass Klimaschutz als Staatsziel in die Verfassung geschrieben werden soll. Was sind weitere neue Maßnahmen bezüglich Klimapolitik?
    Wenn wir uns den Verkehrssektor angucken, ist es super, dass neben Straßen nun auch immer Fahrradwege gebaut werden müssen und dass wir mehr Güter von der Straße auf die Schiene bringen wollen. Außerdem wird es ab jetzt alle zwei Jahre einen Bericht über den Stand der Emissionssenkungen in Sachsen geben. Ein großes Thema ist die Stromerzeugung, die in Sachsen noch vor allem über die Braunkohle läuft. Wenn die Energiewende gelingen soll, muss man sich mit den Bürger*innen vor Ort verständigen. Da starten wir jetzt Akzeptanzprogramme.

    Wo gibt es dabei noch Defizite?
    Da müssen wir uns nichts vormachen, wir Grünen wollten einen früheren Kohleausstieg, nämlich 2030. Das haben wir nicht geschafft, stattdessen ist jetzt von 2038 als spätestes Ausstiegsdatum die Rede. Das Ziel muss aber sein, es vorher zu schaffen.

    Du bist laut der „Zeit im Osten“-Redaktion eine der 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen. Ist es zielführend, „Ostdeutsche“ als gesonderte Kategorie anzuführen?
    In dem Augenblick, in dem sich genügend Leute als ostdeutsch identifizieren, ja. Es gibt immer noch strukturelle Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern. Schaut man sich Spitzenpositionen an, gibt es selbst in den neuen Bundesländern wenige, die auch mit Leuten von dort besetzt sind. Anfang der 90er war das vielleicht noch verständlich, aber 30 Jahre nach der Wende finde ich es immer schwieriger zu erklären – ich kann es jedenfalls nicht. Deshalb glaube ich schon, dass es Sinn macht, da Unterscheidungen zu machen.

    Setzt du dich bewusst für ostdeutsche Probleme ein?
    In erster Linie setze ich mich natürlich als Landtagsabgeordnete für sächsische Belange ein. Ich will vor allem junge Menschen erreichen, aber auch junge ostdeutsche Leute. Es gibt viele, die, wie ich, in Sachsen-Anhalt aufgewachsen und frustriert von den Wahlergebnissen sind. Dieses Gefühl verbindet uns.

    Hörsaal oder Landtag?
    Momentan Landtag.

    Welche Eigenschaft ist in der Politik am wichtigsten?
    Dass man für etwas brennt.

    Vorbild?
    Meine Omas.

    Lieblings-Grüne*r?
    (überlegt lang) Oh Gott. Ich glaube das kann ich nicht beantworten. Doch! Aminata Touré, die erste afrodeutsche Vizepräsidentin eines Landtags, finde ich beeindruckend.

    Was würdest du in Sachsen sofort verändern, wenn du könntest?
    Unsere Stromversorgung von Kohle auf erneuerbare Energien umstellen.

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