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  • „Ich bin keine Dame – was soll das?“

    Das Thema Sexismus spielt im Journalismus eine große Rolle. Antonie Rietzschel fordert eine Frauenquote und mehr Gerechtigkeit. luhze-Redakteurin Theresa Moosmann hat mit der Journalistin gesprochen.

    Von 108 Chefredaktionen deutscher Lokalzeitungen sind nur acht weiblich besetzt, jede große Print-Zeitung in Deutschland beschäftigt mehr Redakteure als Redakteurinnen. Antonie Rietzschel ist 33 Jahre alt und freie Journalistin für die Süddeutsche Zeitung.

    Seit wann hast Du im Journalismus mit fehlender Gleichberechtigung zu tun?

    Von Anfang an. Ich habe relativ jung bei einer Jugendzeitschrift angefangen, da wurde mir von meinem Chef gesagt, dass ich nie so gut werde schreiben können wie zwei männliche Kollegen. Ich habe damals schon die Erfahrung gemacht, dass junge Männer in einem männlich geprägten Umfeld stärker gefördert und gelobt werden, weil sie zuweilen lauter und selbstbewusster auftreten. Auch ich wurde gefördert. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, niemals zu genügen, nie das erreichen zu können was ich möchte: eine gute Journalistin sein. Dieser Moment hat mich sehr geprägt. Auch später.

    Inwiefern?

    Ich habe mich selbst immer klein gehalten. Als ich mein Volontariat bei Süddeutsche.de anfing, dachte ich, irgendwann wird herauskommen, dass ich das eigentlich gar nicht kann. Ich habe mir eingeredet, nicht gut genug zu sein, irgendwann aufzufliegen. Lange Zeit habe ich auch gedacht, ich müsse nur gute Arbeit leisten, dann werde ich vorankommen. Ich habe immer über meine Kapazität gearbeitet, Extra-Projekte gemacht. Ich war der Meinung, das werde man schon sehen. Ich habe sehr spät verstanden, dass das so nicht funktioniert. Nirgendwo. Als junge Journalistin musste ich meinen eigenen Wert erst erkennen.  Heute weiß ich, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Ich bin tatsächlich keine Schönschreiberin geworden, aber ich habe Schwerpunkt-Themen, in denen ich mich besser als andere auskenne und bin offen für neue Formate.  Es ist wichtig für das Selbstbewusstsein, sich dessen bewusst zu sein, um entsprechende Anerkennung einfordern zu können, anstatt darauf zu warten.

    Du bist auch viel als Moderatorin oder als Gast bei Podiumsdiskussionen aktiv. Was erlebst Du  dort?

    Ich sitze im Moment auch viel auf Podien, und deren Besetzung nervt mich wirklich. Es fehlt völlig das Gefühl dafür, gleich viele Frauen wie Männer auf der Bühne zu haben. Oft sitze ich dort als  einzige Frau, ich fühle mich da wie Dekoration. Man hört dann Sätze wie: „Ich fange jetzt mal ganz klassisch mit der Dame an.“ Ich bin keine Dame, was soll das? Es würde völlig reichen, mich namentlich vorzustellen. Meine Redezeit wird dann mit meinem Geschlecht verknüpft und nicht mit dem, was ich zu sagen habe. Vor und während der Veranstaltung fassen mich, vor allem ältere Männer auch durchaus mal an, streicheln mir über die  Schulter.  Es soll eine nette Geste sein. Für mich hat das  aber etwas mit männlicher Dominanz zu tun.

    Marlies Hesse, die 1968 die erste weibliche Chefin des Deutschlandfunks wurde, sagte in einem Interview mit der Taz dass Frauen in Pressehäusern kaum inhaltliche Verantwortung hätten. Stimmst Du dem Satz zu?

    Ich kann als freie Journalistin Themen vorschlagen und meinen Beitrag inhaltlich gestalten. Viele Redaktionen sind aber nach wie vor männlich geprägt, vor allem in den Führungspositionen, und das spürt man natürlich als Journalistin. Es sitzen mehr Männer in den Konferenzen, mehr Männer in den Ressortleitungen. Man merkt es, wenn man Zeitungen durchblättert und zählt, wie viele Männer als Protagonisten darin vorkommen, und wie wenig Frauen auf Fotos abgebildet sind. Man versucht dem zu begegnen. Bei der Süddeutschen Zeitung gibt es zum Beispiel einen Frauenbeirat, der mit der Chefredaktion bespricht, wie mehr Frauen in Führungspositionen gelangen können. Weibliche Kolleginnen ermutigen sich gegenseitig, sich auf entsprechende Positionen zu bewerben. Es gibt verschiedene Modelle, zum Beispiel eine geteilte Ressortleitung, die es Frauen in der Schwangerschaft ermöglicht, ihre Führungsposition nicht aufgeben zu müssen. Es ändert sich etwas, aber ich spüre, dass es bis heute Unterschiede gibt.

    Woran genau merkst Du männliche Dominanz?

    Das ist sehr subtil. Männer melden sich in Konferenzen häufiger zu Wort, egal ob ihr Wortbeitrag jetzt inhaltlich wertvoll war oder nicht. Sie sind schlicht präsenter. Sie fordern mehr ein, sind besser vernetzt. Manchmal empfinde ich das als Buddy-Mentalität. Da geht es im Zweifel weniger um die konkrete Arbeit, sondern darum, wer wen kennt. Dadurch entstehen durchaus Zirkel, in die ich schwer rein komme. Weil ich vielleicht bestimmte Codes nicht kenne oder nicht über dieselben Witze lache.  Ich habe dieses Netzwerken lange unterschätzt. Ich habe meine Arbeit gemacht, war das fleißige Bienchen und dachte, damit wäre es gut. Diese Haltung habeich auch bei anderen Kolleginnen beobachtet.


    Wie kann man das Problem lösen?

    Wir Frauen müssen sichtbarer werden und uns untereinander vernetzen. Wir müssen miteinander über Gehälter sprechen, über Strategien in Gehaltsverhandlungen, und müssen in den Konferenzen unsere Meinung sagen. Uns trauen, Führungspositionen zu übernehmen, uns gegenseitig stärken. Aber es geht nicht nur um die Frauen selbst. Chefredakteure und Chefredakteurinnen müssen sich fragen, welche Umstände, welche Atmosphäre nötig ist, um in den Redaktionen Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen herzustellen. Tatsächlich bin ich für eine Frauenquote, denn niemand ist bereit, freiwillig Macht abzugeben.

    Du sprichst über Sichtbarkeit – auch in der Zeitung selbst. Welche Rolle spielt für dich beim Schreiben gendergerechte Sprache?

    Mittlerweile eine große Rolle. Ich versuche immer zu mischen, sodass nicht immer nur das generische Maskulinum auftaucht. Die Begründung, wegen der Leserfreundlichkeit nicht zu gendern oder abzuwechseln, finde ich unbefriedigend. Da spricht man für Akteure, die überhaupt nicht anwesend sind und unterstellt ihnen, nicht bereit zu sein. So wird jede ernsthafte Diskussion unmöglich gemacht

    Was rätst Du jungen Journalistinnen?

    Lasst euch von Niemandem einreden, was ihr könnt und was nicht. Traut euch Sachen zu, obwohl ihr glaubt, nicht qualifiziert zu sein. Häufig seid ihr das aber. Und auch aus Scheitern könnt ihr lernen. Seid offen für neue Entwicklungen, für digitale Formate. Seid kreativ. Sprecht über Sexismus. Sucht euch Verbündete. Seid selbstbewusst. Ihr könnt das.

     

    Titelbild: Theresa Moosmann

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