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    Ein evangelikaler Theologe referierte an der Universität auf Einladung des RCDS über Islam und Demokratie. Es folgten eine Welle der Wut und der Vorwurf von Rassismus und Islamophobie.

    „Yassir, erstmal die Frage: Wo kommst du her? Also wie man sieht aus Afrika, aber woher genau?“ Mit dieser Frage, anspielend auf die Hautfarbe des Referenten Yassir Eric, eröffnete Hanna Bonnyai aus dem Leipziger CDU-Vorstand Ende Januar eine Veranstaltung des Rings Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) Leipzig. Das Thema des Abends: Islam und Demokratie. Auf Facebook versprach der RCDS, der sich als CDU-nahe Hochschulgruppe versteht, eine Auseinandersetzung mit den „Herausforderungen der Integration von Muslimen in Demokratien“. Gehalten wurde der etwa einstündige Vortrag von Yassir Eric, Leiter des von ihm selbst gegründeten Europäischen Instituts für Migration, Integration und Islamthemen an der evangelikalen theologischen Bildungseinrichtung AWM in Korntal, einer Stadt in Baden-Württemberg. Er ist vom Islam zum Christentum konvertiert und wurde im Sudan geboren, studiert hat er evangelische Theologie in Heidelberg.

    Im Felix-Klein-Hörsaal des Paulinums an der Universität Leipzig, der voll besetzt war, warf Eric bereits vor dem Vortrag mit dem Beamer ein Kreuz an die Wand, ein Zeichen dafür, unter welcher Flagge das Thema an diesem Abend behandelt wurde. Eric sprach darüber, Menschen muslimischen Glaubens nicht diskriminieren zu wollen, er lade sie sogar zum Teil zu sich nach Hause ein. Ihm gehe es heute um den Islam – denn der, so schließt er seinen Vortrag später, kenne keine Toleranz. Als Belege für seine These bediente sich Eric  neben einigen Koran-Versen, die Intoleranz und Gewaltbereitschaft des Islam belegen sollten, auch vielen persönlichen Erlebnissen und Emotionen aus der Zeit, als er im Sudan für seine Konversion zum Christentum verfolgt wurde. Ein wissenschaftlicher Bezug zum Islam fehlt in seiner Biografie. Am Ende seines Vortrags zeigt Eric ein Bild. Zu sehen ist die Schweizer Flagge, aus der Minarette „wachsen“. Im Vordergrund sieht man eine verschleierte Person. Das Plakat stammt aus einer islamfeindlichen Kampagne für ein Bauverbot von Minaretten in der Schweiz aus dem Jahr 2009, das die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei in Auftrag gegeben hatte.

    Auf die Kampagne im Jahr 2009 folgte ein Volksentscheid, bei dem die Schweizer*innen für ein Neubauverbot von Minaretten stimmte. Es ist seitdem in Kraft. Foto: privat

    Es ist vor allem das Sprechen von „muslimischen Ländern“ und dem politischen Islam, das Ala Yousef, Referent für ausländische Studierende der Uni Leipzig, als islamfeindlich und rassistisch empfindet. „Er hat vieles verallgemeinert, insbesondere um den Islam als gewaltvoll und intolerant darzustellen“, kritisiert er. So habe Eric Zustände, die er im Sudan erlebt hat, auf alle muslimisch geprägten Länder übertragen. „Ich selbst komme aus Jordanien“, erzählt Yousef. „Und ich kann viele seiner Aussagen aus dem Stand widerlegen.“  Direkt nach dem Vortrag, als die Diskussion eröffnet wurde, traten nach und nach immer mehr Menschen an das Mikrofon, die die Einseitigkeit der Veranstaltung kritisierten. Viele fragten, warum niemand anders auf der Bühne war, um einen tatsächlichen Diskurs über das Thema zu führen.

    Im darauffolgenden Plenum des Studierendenrates (Stura) äußerten Yousef und andere Studierende ihren Unmut gegenüber der Veranstaltung erneut. In einer Pressemitteilung solidarisiert sich Lukas Gliem, Referent für Hochschulpolitik, mit allen Betroffenen und bezeichnet die Veranstaltung als „rassistisch und islamophob“. Er stellt zudem die Frage in den Raum, weshalb zu einem solchen Thema niemand aus dem Orientalischen Institut der Universität eingeladen wurde, um auf wissenschaftliche und analytische Weise das Thema zu bearbeiten. Gliem stellte daraufhin den Antrag „Gegen antimuslimischen Rassismus und Islamfeindlichkeit“ im Stura, über den im kommenden Plenum abgestimmt werden soll.

    Erst vor einigen Wochen stellte sich der Stura hinter den RCDS und erkannte ihn als Arbeitsgruppe (AG) an. Lukas Gliem selbst hatte sich für die Zulassung ausgesprochen, im Hinblick auf die Wichtigkeit von politischer Vielfalt im Rahmen der demokratischen Parteien. „Politische Oppositionen sind wichtig“, sagt auch Yousef – Rassismus sei allerdings inakzeptabel. Er arbeitet nun gemeinsam mit anderen Betroffenen an einer Definition von Islamfeindlichkeit und Islamophobie, die Teil des Antrags im Plenum sein wird. Er hofft für betroffene Studierende, dass der Antrag angenommen wird und als Stura-Beschluss verbindlich für alle Gruppen gilt, sodass solche Veranstaltungen in der Universität – zumindest von AGs des Stura wie dem RCDS – nicht mehr stattfinden können.

    Der RCDS äußerte sich nachträglich zu den Vorwürfen. Vorsitzender Sebastian Höfer sieht keinen „internen Handlungsbedarf“ und stellt sich hinter den Referenten Eric. Der RCDS sei gewillt, ihn erneut einzuladen. Es sei Eric „nie um Verallgemeinerungen oder das Übertragen auf jedes islamisch geprägte Land oder jeden muslimischen Menschen“ gegangen. Höfer sieht demnach in keiner Weise Menschen muslimischen Glaubens pauschalisiert angegriffen oder diskriminiert, vielmehr sei eine demokratische Auseinandersetzung mit dem Thema passiert, in der legitime Kritik am Islam geübt wurde.

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