Ganz ohne App
Dating über die App empfinden mittlerweile viele als frustrierend. Zum Glück bietet Leipzig auch viele Offline-Alternativen.
Die Popmusik verebbt, die Technik dimmt das Licht, der Raum wird still. Auf der kleinen Bühne des Gemeindezentrums Garage Ost tritt die Moderatorin des Abends ans Mikrofon und begrüßt das Publikum bei der Veranstaltung „Love at first Slide“. Gespannt richten sich die Blicke nach vorn. Kurz darauf nimmt eine andere Person das Mikrofon entgegen, zunächst mit Unsicherheit in der Stimme. Auf der Leinwand hinter ihr erscheint eine Präsentation, sie wird heute ihre Freundin vorstellen. Eigenschaften, Hobbys, Interessen, Red Flags – in einem Raum voller Menschen, die sie vermutlich nie zuvor gesehen haben. Alle hören der liebevoll gestalteten Präsentation zu, an den dafür vorgesehenen Stellen gehen Lacher durchs Publikum. Anschließend ertönt lauter Applaus, als auch die vorgestellte Person die Bühne betritt und ein paar Worte über sich erzählt.
„Love at first Slide“ hat wenig mit dem üblichem Dating zu tun, wie man es bisher kennt. Statt sich durch unzählige Onlineprofile zu kämpfen, geht es darum, Menschen auf eine andere Art kennenzulernen. Persönlich, unmittelbar und vor allem: offline.
Frust beim Online-Dating
Was hier in der Garage Ost passiert, wirkt wie eine kleine Gegenbewegung in einer Datingwelt, die überwiegend vor dem Bildschirm stattfindet. Aber die rund 40 Menschen im Publikum sind nicht die Einzigen, die lieber offline daten, denn eine Statistik zeigt: Die Menschen sind das Online-Dating leid! Laut einer Forsa-Umfrage für die Kaufmännische Krankenkasse aus 2025 hat die Online-Partner*innensuche bei 59 Prozent der Befragten zwischen 18 und 60 Jahren emotionale Erschöpfung und Frustration ausgelöst, bei 37 Prozent führte sie zu Traurigkeit oder depressiver Verstimmung. Doch warum ist das so? Online-Dating ermöglicht bequem und unkompliziert den Kontakt mit einer Vielzahl an potenziellen Partner*innen, außerdem ist es unverbindlich.
Gerade diese Unverbindlichkeit zeigt sich allerdings auch als Nachteil: 54 Prozent der Teilnehmer*innen gaben an, nie eine Antwort auf ihre Nachricht erhalten oder einen plötzlichen Kontaktabbruch erlebt zu haben. Doch Ghosting ist nicht das einzige Problem, beinahe die Hälfte der Teilnehmenden empfand die Online-Partner*innensuche als oberflächlich und von sexuellen Interessen dominiert. Zuletzt habe es sich für jede dritte Person nicht gelohnt – sie haben niemanden gefunden.
Ehrlicher Einblick
Auch Luna Neptune hat keine Lust mehr auf Onlinedating. Die Dragqueen ist für die Moderation des Abends in der Garage Ost zuständig: „Diese Plattformen bieten auch keine innovativen Formate. Man kennt alle Apps. Auch wenn mal eine neue um die Ecke kommt, weiß man, wie es funktioniert, und am Ende wird man enttäuscht.“ Formate wie „Love at first Slide“ bieten in ihren Augen eine Chance, dem entgegenzuwirken. „Man kann hier feststellen, wie Menschen ticken, und hat die Möglichkeit, das Umfeld der möglichen Partner*innen kennenzulernen“, erklärt Neptune. Es ergebe sich einfach ein volleres Bild mit ehrlichen Einblicken.
Offline und experimentierfreudig
Bei „Love at first Slide“ oder auch „Kennt ihr schon? … Pitchen statt Swipen“ werden etwa fünf Minuten lang genau die Dinge vorgestellt, die man über eine Dating-App nicht sofort herausfindet. Es geht um die Vorstellung einer Person und nicht nur um ein hübsches Gesicht. Das Publikum darf zuhören, lachen und im Anschluss auch ein wenig flirten. Beide Formate finden regelmäßig statt, ausgelegt für verschiedene Präferenzen. Solche Dating-Formate zeigen: Offline-Dating wird experimentierfreudiger. Statt Menschen möglichst effizient durch Profile zu sortieren, setzen die Veranstalter*innen auf Situationen, in denen Begegnungen von selbst entstehen können. Und dafür muss es nicht immer eine Präsentation auf einer Bühne sein. In Leipzig gibt es inzwischen zahlreiche Formate, die das Kennenlernen mit Tanzen, Kreativität oder einem gemeinsamen Barbesuch verbinden.
Ungezwungen beim Sunday Dance
„Single. Sunday. Spice“ – das verspricht der Sunday Dance im HUWA. Neben einer Tanzfläche zu House- und Afro-Beats gibt es ruhigere Ecken zum ungezwungenen Kennenlernen, ganz unter dem Motto „Alles kann, nichts muss“. Die Veranstalter*innen laden dabei explizit Menschen aller Geschlechter und Sexualitäten ein, verschiedenfarbige Armbänder sollen beim Kennenlernen helfen. Auch beschränkt sich die Teilnahme nicht auf die Suche nach dem eigenen Glück. Als offizielle oder inoffizielle WingPerson kann man auch Freude daran finden, andere zu verkuppeln.
Kreativer Gesprächsaufhänger
Ein etwas anderes Konzept verknüpft Kennenlernen mit Kreativität: Am 16. Oktober kann man sich an einem Porträt seines Gegenübers versuchen. Mit Pinsel und Aquarellfarben soll hier das Eis gebrochen und ein Funke entzündet werden – ob nun freundschaftlich oder romantisch. Dabei muss man keineswegs Profi sein, denn die Gastgeberin Paulina Dornblut teilt ihr Wissen und ihre Materialien mit jedem schlummernden Kunst-Genie oder mit allen, die einfach Spaß haben wollen. Die Kreativphase kann und soll dabei als Gesprächsaufhänger genutzt werden. Bei der Veranstaltung „Mini-Aquarellportraits“ hat man so die Möglichkeit, sich über den üblichen Small Talk hinaus kennenzulernen.
Barhopping statt Speeddating
Die meisten Menschen denken bei organisierten Veranstaltungen rund um das Thema Menschen Kennenlernen an Speeddating-Formate. Face-to-Face-Dating versucht das zu umgehen – die Alternative: „Barhopping für Singles Leipzig“. Teilnehmende besuchen drei Bars und um ein Speed-Dating-Feeling zu vermeiden, befindet man sich in jeder Bar zu acht. Laut Website versuchen die Veranstalter*innen dabei eine Balance zu garantieren – bezüglich der Altersgruppen, aber auch der Geschlechter. Die nächste Barrunde findet am 30. Oktober statt.
Matchen durch Persönlichkeit
Sollte jedoch Interesse bestehen, möglichst vielen Menschen zu begegnen, ist die „Matching Night Leipzig“ am 27. November eine passende Möglichkeit. Ab 20 Uhr treffen sich hier bis zu 200 Singles ab 30 in einer entspannten Bar-Atmosphäre im Barfusz. Nach einem kurzen Persönlichkeitstest erhalten die Teilnehmenden farbige Armbänder, die ihnen zeigen sollen, wer am besten zusammenpasst und warum.
Es handelt sich hier eher um ein Datingformat für Menschen mit heterosexueller Orientierung. Leipzig bietet aber ebenfalls einige Veranstaltungen rund um Dating, die explizit für queere Personen beworben werden.
Queeres Dating in Leipzig
Der queere Sexshop Juicy veranstaltet regelmäßig Speed-Dating Events, das nächste Treffen für Singles ab 30 Jahren findet am 9. Oktober statt. Auch im Café Lux gibt es immer wieder ein offenes Queer-Speed-Dating. Hier können Interessierte einfach spontan und ohne Voranmeldung vorbeikommen und in entspannter Atmosphäre neue Kontakte knüpfen.
Als Alternative zum klassischen Speed-Dating organisiert die Initiative Turboherzen, unter anderem in der Garage Ost, kreative Speed-Dating-Workshops mit kleinen Spielen, Bingo oder lockeren Fragerunden – explizit queer-friendly.
Wer statt Filtern und Swipen also Lust auf ein authentisches Kennenlernen hat, ist in Leipzig gut bedient. Dennoch sind solche Events teils exklusiv und für manche überfordernd. Auch die Kosten sind nicht zu unterschätzen – diese können sich aus ein paar Getränken in einer Bar bis hin zu verhältnismäßig hohen Eintrittspreisen für die Veranstaltungen ergeben. Deshalb lohnt es sich, auch ein Auge für die Möglichkeiten jenseits organisierter Veranstaltungen zu haben und sich an Orte zu begeben, in denen ein entspanntes Kennenlernen gut möglich ist. Parks und Bars können solche Locations sein. Auch Sportgruppen und Sprachkurse sind oft ein gutes Setting, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Alles in allem zeichnen die vielen Angebote und Möglichkeiten ein klares Bild: viele Menschen in Leipzig haben Lust auf neue Bekanntschaften jenseits des Internets. Worauf wartest du also noch?
Titelbild: Rosa Holmer
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