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  • Hot Girls auf der Picknickdecke

    Kreative FLINTA*-Personen erobern den Clara-Zetkin-Park. Aus einer spontanen Idee entsteht ein Treffen, bei dem zwischen Handarbeiten fast nebenbei neue Verbindungen entstehen.

    Auf bunten Picknickdecken stapeln sich Skizzenbücher und Wollknäuele. Für ein paar Stunden verwandelt sich eine Wiese im Clara-Zetkin-Park in einen Ort, an dem Kreativität der gemeinsame Nenner ist. Zum Hot Girls Craft Picnic, einem offenen Treffen für FLINTA*-Personen, bringt jede ihr eigenes kreatives Projekt mit, egal ob Stricken, Zeichnen, Journaling oder Schmuckbasteln. Dazu packen alle etwas zu trinken und Snacks zum Teilen ein. Die Bezeichnung Hot Girls hat die Organisatorin Elya gewählt, um einen catchy Titel für das Picknick zu haben. „Jede, die gerne kreativ ist, ist ein hot Girl“, meint sie. Daher sind auch alle willkommen, die Lust auf Kreativität und Gemeinschaft haben. Vorkenntnisse braucht niemand und das Alter spielt keine Rolle. Damit sich auch internationale Teilnehmende wohlfühlen, finden die Gespräche auf Englisch statt. Wer nicht gut Englisch spricht, darf trotzdem gerne kommen.

    Rund 30 FLINTA*s sitzen im Kreis oder in kleinen Gruppen zusammen. Fast alle sind auffallend farbenfroh gekleidet. In den Haaren stecken glitzernde Spangen, an den Ohren baumeln Muscheln oder kleine Blümchen. Jede Person ist ihr eigenes kreatives Projekt. Eine Teilnehmerin präsentiert stolz ihre selbst gehäkelte Mütze, die aussieht wie eine Erdbeere. Dazwischen stehen selbstgebackene Muffins und Pizzaschnecken. Tüten voller Gummibärchen und Chips wandern von Hand zu Hand.

    Organisatorin Elya tritt in die Mitte des Kreises. Mit einem Lächeln begrüßt sie die Gruppe. Jede Teilnehmerin erzählt, warum sie heute hier ist, und zeigt, woran sie an diesem Nachmittag arbeiten möchte. Die eine häkelt ihre erste Tasche, die nächste stickt kleine Blumen auf ein Deckchen. Eine Teilnehmerin packt eine Staffelei mit Leinwand aus.

    Elya hatte die Idee zum Hot Girls Craft Picnic, da sie ihre kreativen Projekte gerne mit anderen teilen wollte. Als Kind habe sie ständig Dinge mit den Händen geschaffen. Doch mit Beruf und dem Alltag seien die kreativen Hobbys immer weiter in den Hintergrund gerückt. „Ich habe irgendwann gemerkt, wie sehr mir Kreativität in meinem Leben fehlt“, sagt sie. Vor rund einem Jahr erreichte sie einen persönlichen Tiefpunkt. Um einen Ausgleich zu finden, widmete sie sich wieder ihrer Kunst. „Das hat mir unglaublich geholfen.“ Sie wollte ihre Begeisterung mit anderen teilen. Da sie erst kurz zuvor nach Leipzig gezogen war, kannte sie kaum jemanden. „Ich dachte mir: Es kann doch nicht sein, dass ich die Einzige bin, die Lust hat, sich mit einem kreativen Projekt in den Park zu setzen.“

    Also veröffentlichte sie diesen Frühling einen Aufruf in den sozialen Medien. Ohne Programm, ohne Anmeldung, ohne Erwartungen – einfach gemeinsam kreativ sein. Dass daraus innerhalb weniger Wochen ein regelmäßiges Treffen werden würde, überraschte sie selbst. „Ich musste gar nicht viel machen. Die Leute kamen einfach“, erinnert sie sich. Seitdem ist das Picknick ein Selbstläufer. Wie viele kommen werden, weiß Elya nie im Vorhinein. „Manchmal kommen fünf, manchmal fünfzig.“ Das zeigt Elya, wie viele nach genauso einem Treffen suchen. „Ich glaube, es gibt ein großes Bedürfnis nach Gemeinschaft – besonders nach einer Gemeinschaft, in der man nichts leisten muss. Man kann einfach herkommen, kreativ sein und neue Menschen kennenlernen.“

    Zu Beginn ist die Stimmung zurückhaltend. Einige blättern konzentriert durch ihre Notizbücher, andere sortieren Perlen in kleine Schälchen. Die Gespräche beginnen leise, fast vorsichtig. Emma schneidet rosarote Elfen in Vintage-Optik aus, die sie in ihr Journal kleben möchte. Sie arbeitet bei der Telefonhotline eines Paketzustellers. „Dank meines Jobs im Homeoffice habe ich vergleichsweise viel Zeit, um mich kreativ auszuleben“, erzählt sie. „Allerdings sehe ich den ganzen Tag über keine Menschen.“ Daher genießt sie den Austausch beim Picknick.

    Viele wünschen sich, sie hätten mehr Zeit für ihre Projekte, doch Studium, Ausbildung oder das Arbeitsleben funken dazwischen. Zuhause warten Haushalt oder Bürokram. Das Hot Girls Craft Picnic ist eine Gelegenheit, ins Tun zu kommen. Die Ideen, die zuhause wieder aufgeschoben worden wären, werden hier tatsächlich umgesetzt.

    Auch Katrin arbeitet im Homeoffice. Sie ist alleinerziehend und verbringt sie den Großteil des Tages mit ihrem Kind. Daher kommen ihre eigenen Projekte im Alltag oft zu kurz. „Ich lebe schon seit über zehn Jahren in Leipzig“, sagt sie. „Trotzdem lerne ich gerne neue Personen kennen, vor allem wenn das gemeinsame Interesse für das Kreativsein besteht.“

    Kim ist an dem Sonntagnachmittag gekommen, um an ihrem Pullover weiter zu stricken. Ihr ist besonders wichtig, dass es sich bei dem Picknick um ein FLINTA*-Treffen handelt. „Ich finde es wichtig, dass FLINTA*s auch im öffentlichen Raum Platz einnehmen“, meint sie. „Wir sitzen hier als große Gruppe im Park: Einerseits zeigen wir Präsenz. Andererseits schützen wir uns gegenseitig dadurch, dass wir so viele sind.“ In der Gruppe würden sie weniger von Männern angesprochen werden, als wenn sie alleine oder mit nur einer Freundin im Park sitzen würden.

    Wo die Gespräche zu Beginn noch vorsichtig waren, wird inzwischen gelacht. Offiziell endet das Picknick um 18 Uhr. Doch kaum jemand schaut auf die Uhr. Einige möchten nur noch „diese eine Reihe“ zu Ende häkeln, andere fädeln die letzten Perlen auf ihre Kette. Vor allem aber möchte noch niemand die Unterhaltungen und das Zusammensein beenden.

    Elya wandert über die Wiese und fragt nach dem Stand der Projekte. Sie bedankt sich bei jeder Teilnehmerin für das Kommen. Ihr ist es wichtig, sich persönlich zu verabschieden, damit sich alle gesehen fühlen. Mit einem kurzem Gespräch, einer herzlichen Umarmung und einem freundlichen: „See you next Sunday!“

    Titelbild: Anne Burckhardt

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