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  • Ein großer Name macht noch keinen großen Film

    Regina Schillings „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ stolpert zwischen Doku und Drama und verliert sich dabei im Ungefähren. Ein streitbarer Premierenbesuch.

    Sie habe kein klassisches Biopic machen wollen, betonte Regisseurin Regina Schilling nach der Vorführung am 24. Juni beim Publikumsgespräch im prall gefüllten Saal der Passage Kinos Leipzig. Das ist ihr zweifelsohne gelungen. Allerdings ertappt man sich nach den 98 Minuten Laufzeit bei dem Gedanken, ob ein konventionellerer Ansatz dem Stoff nicht stellenweise gutgetan hätte. Denn Schillings filmische Annäherung anlässlich des 100. Geburtstags der Jahrhundertautorin ist am Ende ein mutiges, aber auch sperriges Experiment geworden: weder stringente Dokumentation noch packendes Spielfilmdrama, sondern ein eigenwillig schlingerndes Hybridkonstr

    Regisseurin Regina Schilling beim Publikumsgespräch. Foto: Isabell Kessler

    Das filmische Konzept tarnt sich als poetische Spurensuche. Eine Off-Stimme liest zu Beginn einen Brief Schillings an Star-Schauspielerin Sandra Hüller vor: Man habe eine Wohnung in Rom gefunden, die jener von Bachmann frappierend ähnele; sie möge doch bitte mitspielen. Kurze Zeit später sieht man Hüller in eben jener Wohnung, wie ihr eine blonde Perücke aufgesetzt wird. Die physische Ähnlichkeit bleibt minimal. Die folgenden 45 Minuten verbringt die Kamera fast ausschließlich im Interieur: Hüller hört via Kofferradio alten Bachmann-Interviews zu oder lauscht ihren Texten. Ein Kammerspiel der Passivität, das dem Publikum einiges an Geduld abverlangt.

    Als Hüller nach einer Dreiviertelstunde endlich die Wohnung verlässt, um mit einem E-Roller durch die Straßen Roms zu düsen, verliert das Konzept zunehmend an Kontur. Wenn Hüller Bachmann, wie Schilling betont, gar nicht „spielen“ soll, bleibt ihre Rolle in dieser modernisierten, leicht entrückten Kopie bisweilen rätselhaft. Mal wälzt sie sich schreiend am Flussufer, dann blickt sie den Rest des Films stumm und unglücklich in die Kamera. Das erinnert stellenweise an eine ambitionierte ARTE-Dokumentation, der man die gewohnte historische Einordnung genommen und stattdessen durch künstlerische, manchmal kryptische Szenen ersetzt hat. Auch die langen Einstellungen, in denen Hüller Kleider anprobiert oder sich schminkt, werfen Fragen auf – sollte der Film Schilling zufolge doch explizit Bachmanns Werk ins Zentrum rücken, statt den rein privaten, oft männlich geprägten Blick auf die Autorin zu wiederholen.

    Das ist das spannende Paradoxon des Films: Schilling möchte die weibliche Perspektive stärken, Bachmanns Werk von den komplizierten Liebesbeziehungen zu Paul Celan, Max Frisch oder Hans Werner Henze emanzipieren. Doch über dieses Werk erfährt man, vom bloßen Hören ihrer Texte einmal abgesehen, reichlich wenig. Der greifbarste Teil ist ironischerweise die Originalaufnahmen der Gruppe 47 und die unerträglich herablassenden Kritiken aus damaliger, männlicher Hand. Hier liegt der eigentliche Kern des Films: Er zeigt eindrücklich, wie schmerzhaft verkrampft, stockend und verschüchtert Bachmann unter dem patriarchalen Blick des Literaturbetriebs wirkte. Unvergesslich bleibt ihr O-Ton: „Männer sind krank, wussten Sie das nicht?“ Hüller hingegen transportiert in den wenigen Szenen, in denen sie nicht nur stille Zuhörerin ist, ein hyper-selbstbewusstes, fast exzentrisches Bild. Schilling wollte Bachmann wohl als starke Schriftstellerin rehabilitieren – doch die historischen Archivbilder, die eine Bachmann zeigen, die sich am Rednerpult stehend unsicher an ihre Notizzettel klammert oder in Interviews vor Aufregung keinen geraden Satz herausbringt, machen diesen Versuch zu einem aussichtslosen Unterfangen.

    Am Ende dieses unkonventionellen Vabanquespiels drängt sich der Gedanke auf, dass eine Ausnahmeschauspielerin wie Sandra Hüller hier vielleicht deshalb besetzt wurde, um dem anspruchsvollen Stoff die nötige Aufmerksamkeit zu sichern. In einer Kinolandschaft, die um Interesse für literarische Dokumentationen kämpfen muss, ist Schilling das kaum zu verübeln. Künstlerisch führt diese Wahl jedoch zu Reibungen. Hüller wirkt in dieser Rolle als bloße Zuhörerin – mit vereinzelten Momenten der vollkommenen Entgleisung – bisweilen unterfordert. Ihre Präsenz dient eher als prominenter Anker für das Projekt, anstatt dass der Film ihr den Raum gäbe, die konzeptionellen Leerstellen wirklich mit Leben zu füllen.

    Wer den intellektuellen Kosmos Bachmanns in seiner ganzen Tiefe durchdringen will, greift nach diesem Abend vielleicht doch lieber direkt zu ihren Büchern. Schillings Werk entlässt uns, trotz einer handwerklich brillanten Tonspur und einiger charmant platzierter Insider-Häppchen für eingefleischte Bachmann-Fans, mit vielen offenen Fragen. Was bleibt, ist der ambitionierte Versuch eines emanzipatorischen Porträts, das letztlich ein faszinierendes, wenn auch streitbares Experiment zwischen Fiktion und Dokument darstellt.

    Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Der Film ist noch bis zum 8. Juli in den Passage Kinos zu sehen.

     

    Titelbild: Elliot Kreyenberg

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