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  • Das Schweigen der Männer

    600 Kilometer durch Schottland wandern, ohne miteinander zu reden? Regisseur Bart Schrijver zeigt in „The North“, wie das geht – und liefert eine wunderschöne Naturdoku mit zwei stummen Statisten.

    Wenn das Leipziger Dachgeschoss im Sommer zur Sauna wird, hilft oft nur die Flucht in den klimatisierten Kinosaal. Die Aussicht auf kühle Bilder aus den schottischen Highlands klingt nach dem perfekten Plan gegen die Hitze. Dumm nur, wenn sich der vermeintliche Erfrischungstrip als zähe filmische Geduldsprobe entpuppt – das Zweipersonendrama „The North“ macht’s möglich.

    Die Handlung ist in einem einzigen Satz zusammengefasst. Zwei alte Freunde wollen ihre eingeschlafene Beziehung auf einem 600 Kilometer langen Fußmarsch zum nordwestlichsten Punkt Schottlands wiederbeleben. Klingt mäßig spannend? Ist es auch.

    Midlifecrisis trifft Workaholic

    Die Rollenverteilung könnte dabei klassischer nicht sein. Da ist zum einen Chris (Bart Harder): Typ Doppelhaushälfte mit Karriere, Freundin und Kinderwunsch. Gedanklich hängt er noch im Büro, telefoniert in jeder Pause und hat auch sonst kaum Gesprächsthemen im Gepäck. Sein Gegenpart Lluis (Carles Pulido), ehemaliger Hochzeitsfotograf, ist das genaue Gegenteil: ziellos, haltlos und steckt knietief in einer verfrühten Midlifecrisis.

    Obwohl die beiden eine jahrelange Freundschaft verbindet, haben sie sich schlichtweg nichts zu sagen. Die meiste Zeit wandern sie mit merkwürdig großem Abstand schweigend hintereinander her. Abends im Zelt – immerhin teilen sie sich eins – folgt dann der emotionale Höhepunkt des Tages: eine Partie UNO.

    Reden ist Silber, Schweigen ist Klischee

    Dass man im Kinosessel nicht sofort in bleierne Müdigkeit verfällt, liegt an den wahrlich wunderschönen Aufnahmen der schottischen Landschaft. Satte, tiefgrüne Wiesen und neblige Hügel wirken an drückend heißen Sommernachmittagen wie Balsam für die Seele.

    Weniger wohltuend bleibt die zwischenmenschliche Dynamik, die vom Publikum eine außerordentliche Frustrationstoleranz fordert. Statt Konflikte offen auszutragen, wird konsequent geschwiegen. Als Lluis unter starken Knieschmerzen leidet, wandert Chris kurzerhand alleine weiter und empfiehlt seinem Freund ungerührt den Bus. Der schluckt den Ärger lieber runter. Sogar die Offenbarung, dass Lluis eine Hodenkrebserkrankung hinter sich hat, die er seinem besten Freund damals komplett verschwieg, verpufft wirkungslos. Chris ist zwar verletzt, sagt aber – Überraschung – nichts.

    Als Zuschauer*in möchte man die beiden am liebsten packen, schütteln und ihnen ein „Macht endlich den Mund auf!“ entgegenschreien. „The North“ bedient hier jedes erdenkliche Klischee toxisch-männlicher Kommunikationsverweigerung. Die einzige weibliche Figur des Films – eine zufällige Wanderbegegnung – dient ausschließlich dazu, das Unvermögen der Männer zu spiegeln. Während sie ihren Frust über einen enttäuschenden Sonnenaufgang einfach in die Schlucht hinein brüllt, bleibt den beiden Männern nur ein beklommenes, hilfloses Grinsen.

    Schöne Bilder, flache Story

    Erst am Ziel, dem sturmumtosten Cape Wrath, bricht es dann doch noch aus Lluis heraus und er schreit seine Verzweiflung – worüber genau, sagt er nicht – der Brandung entgegen. Chris hält ihn im Arm, bis er sich beruhigt. Eine echte Aussprache gibt es aber selbst nach 600 Kilometern nicht. Der Film endet genau so, wie er begonnen hat: mit einer Partie UNO.

    Konsequent fortgeführt wird dieses zähe Schweigen auf der Tonspur: Regisseur Bart Schrijver verzichtet über beinahe die gesamte Laufzeit komplett auf Musik. Kein Score lenkt die Emotionen; stattdessen dominieren die. ungefilterter Naturgeräusche der Highlands – Wind, Regen und das Summen der Mücken. Das verstärkt zwar den dokumentarischen Charakter, dehnt die wortkargen Passagen aber ins schier Unermessliche und macht den Film zu einer echten Geduldsprobe.

    Für ein feinfühliges Porträt über zwei Männer, die nie gelernt haben, über ihre Emotionen zu reden, fehlt es „The North“ schlicht an erzählerischer Tiefe. Wer den Film jedoch als bloße Naturdoku mit zwei manchmal störenden Statisten in Wanderkleidung begreift, bekommt zumindest eine sehr ästhetische Abkühlung spendiert.

    Für Leipzig sind vorerst keine weiteren Vorstellungen des Films geplant; in Halle ist „The North“ noch bis zum 10. Juni zu sehen.

    Titelbild: Tuesday Film, Piffl Mediener Film.

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