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  • Anwältinnen im Kreißsaal

    Nach dem In-Kraft-Treten des Hebammenhilfevertrages: So geht der Arbeitsalltag zweier Leipziger Hebammen weiter.

    Es ist ruhig an diesem Vormittag im Kreißsaal der St. Georg Klinik in Leipzig. Hebammen in blauen Kasacks sitzen in einem von Fenstern umgebenen Raum, von dem aus die Flure der Geburtsstation zu sehen sind. Lediglich das Klimpern von Computertastaturen, leise Gespräche und sanfte Schritte sind auf dem Flur zu hören. Es liegt ein leichter Geruch von Reinigungsmittel und Duftlampe in der Luft. Die Ruhe erinnert nicht mehr an Kaspars Schichtbeginn, der um sechs Uhr in der Früh mit der turbulenten Betreuung einer Gebärenden begann. Sie bekam die Frau von ihrer Kollegin aus der Nachtschicht übergeben, und kaum eine Stunde später brachte sie das Baby auf die Welt. An manchen Tagen betreue Kaspar mehrere, an anderen auch mal keine Geburt. Anders als für die Beleghebammen, die sich im letzten Jahr durch das Inkrafttreten des neuen Hebammenhilfevertrages bedroht sahen, läuft die Arbeit in der Klinik für die festangestellten Hebammen normal weiter.

    An der Klinik St. Georg sind 30 Hebammen festangestellt tätig, die in einem System mit drei Schichten den Tag abdecken. Während der Geburt arbeiten die Hebammen immer direkt mit einem Arzt oder einer Ärztin der Klinik zusammen, was nicht in allen Kreißsälen der Fall ist. In einem übergroßen, rot eingeschlagenen Buch werden alle in der Klinik geborenen Kinder erfasst. Das sind in diesem Jahr bisher über 400 Babys.

    Hebamme Kaspar hat ihren Dienst um sechs Uhr morgens begonnen. Foto: pf

    Jetzt, wo die Mutter und ihr Neugeborenes vom Morgen versorgt sind, setzt Kaspar sich an den Computer. Das Programm öffnet sich nur langsam und hängt während der nächsten Minuten immer wieder. Neben emotionalen und medizinischen Herausforderungen bedeutet der Beruf auch viel Schreibtischarbeit. „Die Geburt muss in jedem kleinen Detail dokumentiert werden“, erklärt Kaspar, während sie sich durch das Protokoll klickt. Denn die Klinik muss in der Lage sein, Auskunft über alle Details und unternommenen Maßnahmen zu geben, wenn bei der gebärenden Person im Nachhinein Fragen oder medizinische Probleme auftreten. Kaspar überlegt: „Es passiert selten, aber hin und wieder melden sich Personen, die bei uns entbunden haben und aus unterschiedlichen Gründen die Geburt nachbesprechen wollen.“

    Arbeiten mit Herz

    Immer wieder wird Kaspar beim Ausfüllen der unzähligen Felder unterbrochen. Das Telefon klingelt, eine Frau möchte für eine Untersuchung in die Klinik kommen. Ein paar Minuten später klopft eine Ärztin, die die Erstuntersuchung bei dem frischgeborenen Baby durchführen möchte. Kaspar begleitet sie dabei und fragt die Mutter mit gedämpfter Stimme, wie es ihr geht. Danach setzt sie sich wieder zurück an den Computer. Dass die Hebammen mit viel Herz dabei sind, zeigt die kleine Kiste in der Ecke des Schreibtisches, die mit bunten Filzstiften und glitzernden Kugelschreibern ausgestattet ist. „Jedes Neugeborene bekommt von uns eine selbst gestaltete Karte mit den Fußabdrücken und Glückwünschen“, erklärt Kaspar, während sie die Maße des Neugeborenen einträgt.

    Es gibt verschiedene Arten der Hebammenarbeit. Seit 2020 muss für alle ein duales Studium abgeschlossen werden. Bei Kaspar war es noch eine Ausbildung, die sie durch einen zeitgleich abgeschlossenen Bachelor in Hebammenkunde ergänzte. Danach entschied sie sich für die Arbeit an der Klinik und bietet jetzt nebenher freiberuflich Geburtsvorbereitungskurse und Wochen- bettbetreuung an. „Ich mag die Arbeit in der Klinik, weil es hier den Mix aus Geburten ohne Risiken sowie medizinisch komplexeren Fällen gibt“, sagt sie.

    Neben fest angestellten Hebammen an der Klinik gibt es auch komplett freiberuflich arbeitende, sogenannte Beleghebammen. Dazu gehört Annett Heitmann-Mbise, die im Geburtshaus „Aus dem Bauch heraus“ in Leipzig ihren Platz gefunden hat. Heitmann-Mbise erklärt: „Begleit-Beleghebammen, das sind wir, kennen die Frauen schon vorher und gehen mit ihnen gemeinsam in den Kreißsaal.“ Um dies zu ermöglichen, haben sie einen Vertrag mit der Klinik St. Georg, durch den sie die Räumlichkeiten für Geburten nutzen dürfen, und mit den Arbeitsweisen vertraut sind. „Eine Zwischenform sind die Dienst-Beleghebammen, die sich als freiberufliches Team organisiert haben, fest einen Kreißsaal leiten und somit den Dienstplan gemeinsam abdecken“, fährt sie fort. Diese Gruppe hat der neue Hebammenhilfevertrag am meisten getroffen.

    Das Geburtshaus von Heitman-Mbise bietet eine Alternative zur Klinikgeburt. Foto: pf

    Der Vertrag, der im November letzten Jahres in Kraft trat, sorgte für Aufruhr in den Kreißsälen. Er regelt die Abrechnung der freiberuflichen Hebammen mit den Krankenkassen, über die sie ihren Lohn beziehen. Eines der Ziele war dabei, die Eins-zu-eins Betreuung besonders zu vergüten und damit die Betreuung der gebärenden Person zu verbessern. Schön in der Theorie, doch für die Dienst-Beleghebammen bedeutete dies weniger Einkommen. „Dennoch muss man dabei auch beachten, dass sie die bisher bestverdienende Gruppe gewesen sind“, betont Heitmann-Mbise. Dadurch, dass sie vor den Vertragsänderungen keine Limitierung in der gleichzeitigen Betreuung hatten, konnten sie einen deutlich höheren Stundenlohn erzielen als die Begleit-Beleghebammen, die immer nur eine Person betreuen bei der Geburt. „Für uns ist der Vertrag ziemlich gut. In der Theorie sollen wir mehr Geld bekommen“, erklärt sie. Denn trotz der vermehrten Bürokratie durch die neue Abrechnungsform in Fünf-Minuten-Intervallen, anstatt von Pauschalen, soll ihr Grundgehalt im neuen Vertrag besser sein.

    Mit zusammengezogen Augenbrauen erzählt Heitmann-Mbise, es habe sie beunruhigt, als die mediale Berichterstattung an vielen Stellen das Bild vermittelte, die Hebammen würden kollektiv ihren Beruf niederlegen. Ende November letzten Jahres berichtete beispielsweise die Tagesschau, dass beinahe die Hälfte aller Hebammen ans Aufhören denke, und zitierte dabei eine Studie der „Zukunfts-Stiftung“ aus dem gleichen Jahr. „Ich war besorgt, dass dadurch weniger Menschen Hebamme werden wollen“, erklärt sie.

    Die Studie berichtete auch, dass über 80 Prozent der Hebammen ihren Beruf gerne ausüben. Es hänge nun mal auch davon ab, wen man zu der Situation befragt. Sie ergänzt: „Das sind sehr feine Nuancen. Da ist das eine besser und dafür das andere ein bisschen schlechter.“ Beispielsweise kürzen die Krankenkassen unter dem neuen Vertrag Leistungen, die sie vorher übernommen haben. Heitmann-Mbise stimmt kritischen Stimmen zu, dass es noch sehr viel Potenzial für Verbesserungen gebe. Schließlich sind Hebammen Teil des Gesundheitssystems, das von Überbelastung und Unterbezahlung geprägt ist.

    Jede Geburt ist anders

    Vor den Fenstern der Kreißsäle in St. Georg wiegen sich die Bäume in der leichten sommerlichen Brise vor dem strahlend blauen Himmel. Die Jalousien sind heruntergelassen, sodass die Außenwelt nur durch die Lamellen zu erkennen ist. Es ist kuschelig warm in dem weitläufigen Raum, der mit einer großen freistehenden Badewanne, einem simplen Krankenbett und Salzlampen ausgestattet ist. Von der Decke hängt ein Baumwolltuch und die Wände sind mit einer Vielzahl von Regalen versehen. Die vier Kreißsäle der Klinik St. Georg sind unterschiedlich eingerichtet, angepasst an die verschiedenen Vorlieben der gebärenden Personen. „Wir versuchen es möglich zu machen, dass die Geburt im Wunschsaal stattfinden kann, um die Erfahrung für die gebärende Person so angenehm wie möglich zu gestalten“, betont Kaspar.

    Für Kaspar bedeutet ihr Job besonders viel Geduld und „immer wieder Care-Arbeit leisten“. Sie sagt: „Man muss die Sorgen der Frauen ernst nehmen und ihnen gleichzeitig gut zureden.“ So beispielsweise an diesem Morgen, als sie versuchte, die Frau, die ein paar Stunden zuvor geboren hatte, zu motivieren, zur Toilette zu gehen. Dies ist wichtig, um den Kreislauf und die Blasenfunktion zu überprüfen. Erst wenn das geschafft ist, darf sie auf die Wochenbettstation verlegt werden. Der frischgebackene Vater hilft seiner Frau aus dem Bett und begleitet sie gemeinsam mit Kaspar ins Bad. Danach erzählt er: „Meine Frau hatte viel Angst, denn es war ihre erste Geburt. Die Hebammen haben ihr aber sehr geholfen.“ Auch er spielte während der Geburt eine wichtige Rolle. Die des Dolmetschers zwischen Kaspar und seiner Frau, da diese kein Deutsch spricht. Das komme laut Kaspar häufiger vor. „Aber meistens finden wir einen Weg und die Frauen kennen schon bestimmte Fachbegriffe von Voruntersuchungen, sodass man sich grundlegend verständigen kann.“ Nachdem die junge Familie in die Wochenbettstation umgezogen ist, wird der Kreißsaal nun für die nächste Geburt hergerichtet.

    Um allen Bedürfnissen gerecht zu werden, sind die Kreißsäle im St. Georg unterschiedlich ausgestattet. Foto: pf

    Bei der Aufnahme von Patientinnen in den Kreißsaal würden diese unter anderem zu Gewalterfahrungen befragt, betont Kaspar. „Das ist für uns wichtig, um zu wissen, ob die Frauen bestimmte Trigger oder Ängste bei Berührungen haben.“ Auch Heitmann-Mbise erzählt vom Umgang des Geburtshauses mit dieser Thematik. Sie erklärt: „Personen, die sich bewusst für eine Beleggeburt entscheiden, haben statistisch gesehen häufiger traumatische Erfahrungen gemacht, auch wenn sie sich dieser vielleicht mehr oder weniger bewusst sind.“ Somit sieht Heitmann-Mbise Hebammen in der Rolle einer Anwältin, die für die gebärende Person einsteht, ihre Trigger kennt und ihre Grenzen wahrt. Denn tatsächlich berichten laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2024 42,8  Prozent der in Deutschland befragten Frauen von durchgeführten Eingriffen, denen sie nicht zugestimmt haben. Dabei vermutet der Deutsche Hebammenverband, dass die Dunkelziffer noch höher liege, und fordert eine umfassende Erfassung des Erlebten bei der Geburt, um erfahrene Gewalt besser zu dokumentieren.

    Erfüllung im Beruf

    „Es ist schon einfach eine riesige Verantwortung, in der man da steckt. Das ist manchmal schwer zu tragen“, sagt Heitmann-Mbise. Und gleichzeitig müsse man als freiberufliche Hebamme in einem Geburtshaus immer den Spagat zwischen einer guten Struktur bei den verschiedenen Betreuten sowie totaler Flexibilität finden. Denn klar ist, „Geburten sind komplett unplanbar. Für die Familien genauso wie für uns Hebammen, die dann Tag und Nacht rufbereit sein müssen“, erläutert Heitmann-Mbise. Anders als Kaspar, die nach ihrer Schicht Feierabend machen kann, ohne ihr Telefon im Blick behalten zu müssen, falls bei einer schwangeren Person die Wehen eingesetzt haben.

    Trotz der Aufruhr um ihren Beruf berichten beide Hebammen davon, keinen Mangel an Fachkräftenachwuchs zu sehen. Mit einem Lächeln ermutigen sie unabhängig voneinander junge Menschen, den Beruf zu verfolgen, falls das Herz dafür schlägt. Kaspar schlussfolgert, „es ist ein schöner Beruf, den vor allem das Empowerment von Frauen und die Erfolgserlebnisse nach einer schwierigen Betreuung ausmachen.“

     

    Transparenzhinweis: Diese Version unterscheidet sich von der Print-Version des Artikels. Abschnitt acht und neun sind nur in der Online-Version enthalten.

     

    Titelbild: pf

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