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  • „People with nothing to hide have nothing to fear“

    Wie kann es Exil-Journalist*innen gelingen Einfluss auf die Politik in ihrem Heimatland auszuüben? Metin Cihan gelingt das regelmäßig – mit kaum mehr als einem Handy und einem Twitter-Account.

    Metin Cihan ist einer der bekanntesten türkischen Investigativjournalisten. Ohne journalistische Erfahrung begann er 2014, Recherchen vor allem über seinen Twitter-Account (heute „X”) zu teilen. Über die Jahre entwickelte er sich zu dem, was er selbst einen „Social-Media-Reporter” nennt. Da er mit seiner Arbeit immer wieder in Konflikt mit dem türkischen Staat und der Regierung Erdoğan geriet, musste Cihan die Türkei 2019 verlassen, um einer möglichen Verhaftung zu entgehen. Über mehrere Stationen und mithilfe des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) kam er schließlich nach Berlin, wo er bis heute lebt. Hier wurde auch der Dokumentarfilm „I wanted everyone to know” des Regisseurs Sercan M. Sebasi über ihn und seine Arbeit gedreht. Anfang Februar zeigte das Leipziger Passagekino den Film mit einer anschließenden Podiumsdiskussion mit Cihan und Sebasi. 

    „I wanted everyone to know“ behandelt Cihans jüngste und einflussreichste Recherche, in der er seit 2023 geheime Handelsbeziehungen Israels mit regierungsnahen türkischen Unternehmen aufdeckte und somit den Widerspruch zur offiziellen Außenpolitik der Erdoğan-Regierung aufzeigte. Diese solidarisierte sich seit dem Gaza-Krieg lautstark mit den Palästinensern und rief die eigene Bevölkerung zum Boykott israelischer Produkte auf. Die Dokumentation zeigt anschaulich wie dieses Gefühl, nicht die ganze Wahrheit gesagt zu bekommen, oft den Ausgangspunkt von Cihans Recherchen bildet. Der von Cihan gegenüber einer Kollegin geäußerte Satz „People with nothing to hide have nothing to fear“ zieht sich als Motto durch seine journalistische Arbeit, in der er auch seine eigene Arbeit für sein Publikum transparent macht und die Menschen so ermutigt, selbst zu hinterfragen. 

    Eindrücklich zeigt die Dokumentation, wie investigativer Journalismus auch aus dem Exil funktionieren kann und wie wichtig soziale Medien in Autokratien dafür sein können. Die Kehrseite, die Cihan im Nachgespräch erläutert, ist allerdings auch, dass sein Twitter-Account seit dem Verkauf der Plattform an Elon Musk blockiert wurde und er nun andere Möglichkeiten suchen muss, um Informationen zu teilen. Und auch die Verbreitung der Dokumentation auf YouTube kann durch die türkische Regierung, laut Regisseur Sebasi, zum Beispiel durch Beeinflussung des Algorithmus, erheblich erschwert werden.  

    Die Dokumentation gibt nicht nur interessante Denkanstöße zum Journalismus im 21. Jahrhundert, sondern porträtiert auch die beeindruckende Person Metin Cihan und sein Leben im Exil, abseits von Familie und Freunden. Der innere Konflikt zwischen seiner Arbeit und dem Wunsch, in seine Heimat zurückzukehren, ist im Film sowie im Nachgespräch ständig präsent und bewegt tief. Gleichzeitig hat die Dokumentation viele schöne Momente und zeigt einen humorvollen Menschen, der sichtlich Zuversicht aus seiner Arbeit schöpft. 

    Wer sich also für eine inspirierende Person und Journalismus aus dem Exil in Zeiten der sozialen Medien interessiert, kann die Dokumentation kostenlos auf YouTube schauen. 

     

    Foto: Andreas Lamm

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