„Vernetzt euch!“
Tobias Kobe erzählt aus seiner Perspektive als Leiter des Kulturamtes Leipzig über die Zukunft der Leipziger Kulturszene.
Der Kulturbetrieb in Leipzig steht unter Strom – und das nicht im positiven Sinne. Während explodierende Kosten die Spielräume verengen, wächst der Druck auf die Stadtverwaltung, das kulturelle Herz der Pleiße-Metropole am Schlagen zu halten. Tobias Kobe, Leiter des Kulturamtes Leipzig, beantwortet Fragen der luhze-Redakteurin Greta Eising zur prekären Finanzlage: Wie lassen sich Freiräume retten, wenn der Rotstift regiert?
luhze: Die Stadt Leipzig muss aktuell massiv sparen. Wo liegt für Sie die Schmerzgrenze, ab der die Kürzungen das kulturelle Leben in der Stadt dauerhaft beschädigen würden?
Tobias Kobe: Die finanzielle Lage ist in der Tat sehr herausfordernd. Das ist noch nicht lange so: Der Leipziger Kulturhaushalt ist in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen. Durch diesen Anstieg der Mittel war es auch in meinen Zuständigkeitsbereichen – also aktuell dem Kulturamt und dem Referat Strategische Kulturpolitik – möglich, neue Vorhaben zu unterstützen, neue Träger in der freien Szene institutionell zu fördern und die freie Kunst generell resilienter aufzustellen.
In Sachsen ist Kultur eine „Pflichtaufgabe ohne Weisung“. Das bedeutet, die Kommunen entscheiden selbst, wie viele Mittel sie für das Angebot aufwenden. Unser Ziel im Kulturamt ist es, die Infrastruktur der freien Szene im Rahmen der verfügbaren Mittel zu erhalten und auch unter schwierigen Bedingungen Entwicklungen zu ermöglichen. Klar muss aber sein: In den kommenden Jahren wird es keine Zuwächse geben, die automatisch Kostensteigerungen etwa bei Energie oder Personal voll auffangen. Ob das die Breite des Angebots reduzieren wird, bleibt offen.
Es gibt Kritik an der Verteilung der Mittel. Wie lassen sich etwa drastische Kürzungen bei Institutionen wie dem DOK Leipzig erklären, während die großen Eigenbetriebe – wie die Oper oder das Gewandhaus – scheinbar weniger belastet werden?
Zunächst fallen weder die Finanzierung der Eigenbetriebe noch die des DOK-Festivals in den direkten fachlichen Zuständigkeitsbereich des Kulturamtes oder des Referates. Beim DOK Leipzig gab es bei der institutionellen Förderung (IF) durch den Freistaat Sachsen faktisch keine Kürzungen im Vergleich zu 2024.
Ursprünglich hatte der Freistaat Ende 2022 für 2025 eine Erhöhung um drei Prozent angekündigt. Diese wurde wegen der angespannten Haushaltslage jedoch zurückgenommen, sodass das Niveau von 2024 bestehen bleibt. Für 2026 ist sogar eine leichte Erhöhung von rund 5.000 Euro vorgesehen. Die tatsächlichen Kürzungen beim DOK betreffen den Projektbereich der Kulturstiftung des Freistaates: Förderanträge in Höhe von insgesamt 70.000 Euro, darunter auch Inklusionsprojekte, wurden abgelehnt.
Auch die städtischen Eigenbetriebe müssen mit Kürzungen rechnen: Ihre Zuschüsse wurden im Zuge der Haushaltskonsolidierung gleichmäßig gekürzt. Gleichzeitig kämpfen die Häuser mit deutlich gestiegenen Kosten, was die Situation zusätzlich verschärft.
Wir erleben ein politisch zunehmend polarisiertes Umfeld. Wie stellt das Kulturamt sicher, dass Leipzigs Kulturräume Orte des offenen und angstfreien Dialogs bleiben?
Für uns ist Artikel 5 des Grundgesetzes der Maßstab: Die Meinungs- und Kunstfreiheit sind unantastbar. Kulturelle Einrichtungen sind inklusive Orte gesellschaftlicher Debatten. Wir unterstützen die Institutionen dabei, differenziert auf Angriffe zu reagieren. Klar ist jedoch: Verfassungsfeindliche Positionen markieren die Grenze des Sagbaren.
Ein großes Thema für Studierende und junge Kunstschaffende ist der Raum. Ateliers und Clubs werden durch Gentrifizierung verdrängt. Welche Strategien haben Sie dagegen?
Wir stehen im permanenten Austausch mit der Szene und Verbänden wie dem BBKL (Bund Bildender Künstlerinnen und Künstler Leipzig, Anm. d. Red.). Wir müssen künstlerische Arbeitsräume von Beginn an in der Stadtplanung mitdenken.
Ein wichtiges Werkzeug ist unser Kulturkataster. Es macht Konflikte zwischen Kulturorten und heranrückender Wohnbebauung frühzeitig sichtbar. Fälle wie bei der Distillery sollen sich nicht wiederholen. Mittlerweile wird bei Bebauungsplänen standardmäßig geprüft, ob gelistete Kulturorte betroffen sind. Im Gewerbegebiet Markranstädter Straße konnten wir so Flächen für das elipamanoke und das Täubchental explizit sichern.
Dennoch bleibt ein strukturelles Problem: Nur 5 Prozent der Leipziger Clubs befinden sich im Eigentum der Stadt – bundesweit sind es 12 Prozent. Wenn die Stadt nicht Eigentümerin der Flächen ist, sind unsere Handlungsspielräume stark eingeschränkt. Wo es möglich ist, stellen wir städtische Flächen bereit, wie etwa im Kohlrabizirkus, wo langfristig neue Ateliers und zwei Clubflächen entstehen sollen.
Angesichts fehlender Mittel für den laufenden Betrieb: Wie soll da noch Platz für ökologische Nachhaltigkeitsziele sein?
Nachhaltigkeit bleibt ein Thema, auch bei knappen Mitteln. Wir unterstützen Einrichtungen dabei, Emissionen zu erfassen und gezielt zu reduzieren. Ein Klimaschutznetzwerk hilft aktuell 20 Trägern bei nachhaltiger Veranstaltungsplanung.
Muss sich Leipzig von der Idee verabschieden, jedes Festival und jede Einrichtung in der gewohnten Größe beizubehalten?
Aktuell sehe ich keine Anzeichen dafür, dass Teile der kulturellen Infrastruktur wegbrechen.
Viele Absolventinnen und Absolventen der HGB oder HMT überlegen nach dem Studium, nach Berlin abzuwandern. Warum sollten sie hierbleiben?
Leipzig steht im deutschlandweiten Vergleich sehr gut da. Während andere Städte Förderprogramme massiv kürzen mussten, haben wir Stabilität gewährleistet – etwas, das selbst Berlin aktuell nicht mehr gelingt. Unsere Projektförderung bietet eine niedrigschwellige Möglichkeit, sich zu professionalisieren und Erfahrungen mit öffentlichen Mitteln zu sammeln.
Zudem ist Leipzig bei den Lebenshaltungskosten und Ateliersituationen im Vergleich zu anderen Metropolen immer noch ein sehr attraktiver Standort. Meine Botschaft an die jungen Kulturschaffenden: Vernetzt euch! Die Bündelung von Ressourcen ist in volatilen Zeiten eine unschätzbare Resilienzmaßnahme. Und trotz aller Schwierigkeiten: Verliert die Freude und das befreiende Element der Kunst nicht aus dem Blick.
Info – Einige Daten des Kulturamts zu den Kürzungen der städtischen Zuschüsse 2026, zunächst wird die jeweilige Einrichtung genannte und dann die entsprechende Kürzungssumme:
Oper Leipzig: 516.000 Euro
Gewandhaus: 230.500 Euro
Schauspiel Leipzig: 177.000 Euro
Theater der Jungen Welt: 57.400 Euro
Musikschule: 67.200 Euro
Titelbild: Tobias Kobe, Foto von Christiane-Gundlach
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