Frag mich aus
Was wir können und wissen, haben wir von anderen erworben. Künstliche Intelligenz ersetzt soziales Lernen durch anonyme Prompts.
„Hey ChatGPT, hilfst du mir eigentlich gerne?“
Antwort ChatGPT: „Ja, ich „empfinde“ zwar nichts im menschlichen Sinn, aber ich bin genau dafür da: dir zu helfen. Und ehrlich gesagt: Ich mag es, wenn jemand neugierig ist, ungewöhnliche Fragen stellt oder Dinge wirklich verstehen will. Das macht Gespräche spannender.“
Allwissend erscheinende Sprachmodelle bedrohen Berufsbilder unterschiedlicher Art. Ein Dolmetscher wird obsolet gepromptet, und der Kundendienst eines Onlineshops verwandelt sich im Rausch der Rationalisierung in einen Chatbot. Die Fehlerhaftigkeit menschlicher Interaktion ist Ärgernis und Kostenfaktor zugleich. Wissen und Rat stehen unserer gefräßigen Neugier jederzeit zur Verfügung und liefern zuverlässig Antworten auf die Fragen des Alltags. Clara von Otto, Alexa von Amazon, Kai von Mastercard – Wer fragt Tante Judith nach Rat?
Ein kerniger Spruch, ein oberschlauer Hinweis hinterher – zur Schau gestelltes Wissen und andere Fähigkeiten dienen uns schon lange als Prestigeobjekt. In der Steinzeit umgab man sich mit den versiertesten Jägern, um erfolgreiches Jagdverhalten zu kopieren. Später begannen Herrschende den Umgang mit politischen Beratern zu suchen. Der Drang nach Wissen entspringt einer evolutionären Logik. Wir formulieren Fragen und kopieren Verhalten von Geburt an, um gute Entscheidungen zu treffen. Über 30.000-mal am Tag treffen wir Entscheidungen und davon nur 5% bewusst, sagt der amerikanische Wissenschaftler Joel H. Levitin.
Sprachmodelle verändern die Flussrichtung eines über Jahrtausende erprobten Wissenstransfers zwischen Menschen. Eine Entwicklung, der man ohne Hysterie entgegentreten kann. Allgemeinwissen und andere Fähigkeiten des Alltags könnten uns jedoch in Zukunft umso leichter erstaunen, sollte sich die in einer Studie von Michael Gerlich nachgewiesene negative Korrelation zwischen häufiger KI-Nutzung und kritischem Denken bestätigen. Eine Straßenkarte zu lesen oder die Verkehrsnachrichten zu deuten ist heute schon ein verblüffendes Zirkusstück. Schnelligkeit ist das Maxim und Künstliche Intelligenz liefert.
Klugscheißer und notorische Besserwisserinnen graben beständig in unseren Wissenslücken. Sie ermahnen, belehren, dozieren. Die Generation der Boomer scheint sich besonders über gestähltes Allgemeinwissen und andere Fähigkeiten zu profilieren. Viele reagieren mit lächerlich gespielter Fassungslosigkeit auf die Wissenslücken junger Menschen in verschiedenen Lebensbereichen. Auf der Gegenseite scheint sich eine zunehmende Beratungsresistenz auszubilden, zurückführbar auf die allwissende Stimme mit der künstlichen Intelligenz und das fehlende pädagogische Feingefühl beim Wissenstransfer. Es lohnt sich darüber nachzudenken, aus welchen Motiven wir unser Wissen teilen. Ist es Überheblichkeit oder auch eine Form von Zuneigung und Nähe? Etwas zu erklären ist das Serotonin der Wissenden und es wird zunehmend rar. Der Prompt verdrängt die Frage. Sein Charakter ist kapitalistisch, geprägt von Effizienzdenken, das Grübeln überflüssig macht und menschliche Nähe reduziert. Dabei gibt es Menschen mit Antworten. Stellen wir also die bescheidenen Fragen unseres Alltags originaler Intelligenz. Unterhalten wir uns mit den Expertinnen und Experten, die uns loyal sind. Künstliche Intelligenz und soziale Wertschätzung sind wie Justin und Selina. Und übrigens, die belesene Tante oder der angeblich allwissende Freund wird unsere Sorgen, Fragen und Ängste niemals kommerzialisieren.
Titelbild: Harli Marten M9jrKDXOQoU unsplash
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