Die Uni schläft, aber der Kopf kreist weiter
Leipziger Studierende bieten ein offenes Ohr: Die Nummer der Nightline ist von 21 bis vier Uhr morgens zu erreichbar. Die Initiative ist ein Peer-to-Peer-Angebot.
Manchmal wird es abends dunkel, lange bevor man wirklich schlafen kann. Prüfungsstress, Einsamkeit, Über- forderung – die Gedanken kreisen weiter, auch wenn der Campus schon leer ist. Für solche Nächte gibt es die Nightline Leipzig: ein anonymes Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende, erreichbar von 21 bis vier Uhr. Hier hebt jemand ab, wenn es schwer wird.
Entstanden ist die Nightline als studentische Initiative, die ein niedrigschwelliges Angebot schaffen wollte. „Wir sind für dich da, wenn andere schlafen“, beschreibt Fynn, Mitglied der Nightline Leipzig, die Mission. Die Gespräche sind anonym, kostenfrei und non-direktiv, das heißt: Die anrufende Person entscheidet selbst, worüber gesprochen wird. Ratschläge werden nicht erteilt, stattdessen geht es darum, zuzuhören, zu sortieren und Raum zu geben.
Liebeskummer und Prüfungsphase
Dass der Bedarf groß ist, zeigen nicht nur die Anrufe bei der Nightline selbst, sondern auch Studien zur psychischen Lage Studierender: Stress, Leistungsdruck, Einsamkeit und Überforderung gehören längst zum Alltag vieler. Gleichzeitig sind Beratungsstellen häufig überlastet, Wartezeiten lang. Genau hier setzt die Nightline an – als unmittelbares Angebot ohne Termin, ohne Hürden.
Die Themen der Gespräche seien so unterschiedlich wie das Studienangebot. Fynn sagt, häufig gehe es um psychischen Druck, Liebeskummer, Freundschaften, familiäre Konflikte oder Probleme im Studium. Besonders oft klingele das Telefon zu Semesterbeginn und in Prüfungsphasen. Während der Pandemie war das Angebot zeitweise stark ausgelastet: „Die Einsamkeit hat viele getroffen. Gleichzeitig wollten mehr Leute selbst im Team mitarbeiten“, erzählt Fynn.
Die Mitarbeitenden der Nightline sind laut ihm ausschließlich ehrenamtliche Studierende – ein echtes Peer-to-Peer-Angebot. Sie kämen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen. Was sie verbinde, sei der Wunsch, anderen in belastenden Momenten beizustehen. Als Dank erhalten sie dafür einen Ehrenamts-Pass.
Auf eine Schicht bereiten sich neue Teammitglieder intensiv vor. In einer zweitägigen Schulung lernen sie unter anderem das „aktive Zuhören“ nach Carl Rogers: validieren, nachfragen, Pausen zulassen. Jede Schicht wird grundsätzlich zu zweit übernommen – eine Person telefoniert, die andere ist als Schichtpartner*in im Hintergrund dabei. Sie recherchiert bei Bedarf Hilfsangebote, hilft beim Einordnen schwieriger Gespräche.
Zuhören als aktive Praxis
Einen geschützten Rahmen zu schaffen, ist zentral für die Arbeit. Die Nightline unterliege einer selbstauferlegten Schweigepflicht, sagt Fynn. Der Telefonraum sei anonym, Gespräche würden nicht aufgezeichnet, auch die Mitarbeitenden gäben keinerlei Persönliches preis. Eine Herausforderung sei es, emotional belastende Anrufe aufzufangen, ohne selbst den Abstand zu verlieren, so Fynn. Supervision, Nachbesprechungen und gegenseitige Unterstützung im Team gehören deshalb fest dazu. Viele Gespräche würden inzwischen auch auf Englisch geführt – ein Zeichen für die Internationalisierung der Leipziger Studierendenschaft.
Finanziell getragen wird die Nightline durch eine Förderinitiative und Unterstützung des Stura, etwa durch das bereitgestellte Telefon. Wer das Angebot unterstützen möchte, kann sogenannte „Schenkungen“ per Paypal überweisen.
Für Studierende, die selbst mitmachen möchten, ist der Einstieg unkompliziert: Eine E-Mail genügt, um sich über die nächste Schulung zu informieren. Und für alle anderen gilt: Niemand muss warten, bis ein Problem „groß genug“ ist. „Probleme sind so groß, wie sie sich anfühlen“, sagt Fynn. „Und genau dafür sind wir da.“
Titelbild: Pexels
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