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  • „Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment“

    … lautet eine Lieblingszeile von luhze-Autorin Magda aus dem Buch „Kaffee und Zigaretten“ von Ferdinand von Schirach, das 48 Kurzgeschichten umfasst.

    Ich wurde auf Ferdinand von Schirach durch einen Podcast aufmerksam, in dem er diskutiert, inwiefern die Grundrechte um sechs weitere ausgebaut werden sollten. Diese utopische (wie er sie selbst bezeichnet), aber doch erstrebenswerte Auffassung des Juristen und Autors fasste mich sofort und ich wollte mehr über die Person hinter diesen modernen Ideen erfahren. So wollte ich nicht lange drum herumeifern und kaufte mir „sein persönlichstes Buch“, wie der Spiegel es beschreibt. „Kaffee und Zigaretten“ erzählt in 48 Kapiteln kleine Anekdoten, in welchen Schirach aber nicht im Mittelpunkt steht. Eher die Menschen, auf die er im Zuge seines Lebens und durch seinen interessanten Beruf als Strafverteidiger trifft.

    Die Kapitel gestalten sich in unterschiedlichster Struktur. Manchmal gehen die Kurzgeschichten nur eine halbe Seite lang oder werden in Dialog-Form dargestellt, so als hätte Schirach eine Konversation kurz mal eben mit aufgeschnappt. Andere nehmen eine persönlichere Perspektive ein.

    Nach jedem Kapitel musste ich grübeln oder schmunzeln. Gelegentlich rutscht einer*einem auch ein Aufatmen heraus, weil die Geschichte von dieser unbekannten Person, die einer*einem für einen kurzen Moment so nahekommt, so schön und so traurig zugleich ist. Ohne je eine konkrete Moral oder Predigt auszusprechen, wird man von einer melancholischen Stimmung überrollt. Perfekt, um einen lauwarmen Sommerabend am Karl-Heine-Kanal, im Lieblingscafé oder am See abzurunden.

    Kolumnistin Magda genießt beim Lesen eine Tasse Kaffee

    luhze-Autorin Magda genießt ihre Bücher am liebsten auch bei einer Tasse Kaffee. Foto: mw

    Meine persönlichen Lieblingskapitel umfassen unterschiedlichste Welten. Einmal hinterfragt Schirach die Wirkungen von physischen Größen und inwiefern eine Biene einem Spitzenboxer überlegen sein kann. In einem anderen wiederum geht er auf den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt ein und beschreibt mit Witz und Frechheit, aber immer noch aus einer respektvollen Sicht, dessen übermäßiges Rauchverhalten, obwohl Schirach selbst Raucher ist, was wiederum erneut von seinem Humor zeugt.

    Eine*r könnte meinen, es sei schwachsinnig, sich mit dem Leben anderer zu beschäftigen. Aber so lässt diese Anschauung uns doch ein Bild davon machen, wer wir sein möchten und an was wir glauben. In gewisser Weise hält Schirach einen Spiegel vor uns, zwingt uns, uns mit den eigenen Emotionen und Werten auseinanderzusetzen, die er wie ein Feuer durch die Erzählungen auflodern lässt. So appelliert er an unsere romantische, einfühlsame, gerechte, aber auch humorvolle Seite.

    Das lässt sich nicht immer so einfach gestalten. Oft pausiert man nach einer Geschichte, lässt sie auf sich wirken, bevor man sich in die nächste Lebensgeschichte stürzen kann.

    Doch Schirach verharrt nicht nur in dieser Melancholie. Einige Kapitel sind in einer lehrenden Form strukturiert und beschreiben aus einer historischen, fast trockenen Sicht Ungerechtigkeiten, die in unserer Welt passieren. Diese benötigen keine Beschönigung oder Mitleid. Somit hält er an diesen Stellen ganz und gar nicht an einer utopischen Welt fest und lässt auch auf diese Weise den*die Leser*in Kritik an der Realität ausüben, was auch schmerzhaft sein kann.

    Das Resultat des Buches ist: Durch die inneren Konflikte, die man in sich während des Lesens austragen muss, lässt es eine*n etwas menschlicher zurück als vorher. Und dann gibt es kein Zurück mehr. Das Buch rüttelt eine*n auf, fast so, als hätte Schirach in uns einen Kaffee geschüttet, um unser Empfinden für die Außenwelt zu schärfen. Mit wachen, besonnenen Augen läuft man durch die eigenen Straßen, guckt genauer hin, sieht Menschen und ihre Geschichten, schmunzelt mal in sich rein oder grübelt, was da los sein könnte.

    Das Buch gestaltet sich perfekt als ein „Immergut“: Regelmäßig kann man darauf zurückgreifen, es peu à peu aufsaugen, inhalieren und wieder in die eigene Welt ausatmen. Vielleicht ja fast so wie eine Zigarette.

     

    Grafik: Sara Wolkers

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