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  • Mit dem Russen nach Murmansk

    Juho Kuosmanens Verfilmung von „Abteil Nr. 6“ handelt von einer 2000 Kilometer langen Zugreise und einer unverhofften Freundschaft zwischen russischem Bergbau-Macho und finnischer Studentin.

    Eine rothaarige Frau, die Protagonistin Laura, hat ihren Kopf an dem offenen Zugfenster angelegt, ihre Haare wehen im Wind, ihre Augen sind geschlossen.

    Laura lässt sich ihr Gesicht vom Fahrtwind streicheln.

    Es ist Anfang der 1990er und der Staub der zerfallenen Sowjetunion liegt noch frisch in der Luft. Alles sieht etwas shabby und kaputt aus, aber irgendwie auch ästhetisch in russisch-retro. Wir befinden uns in einem Zug, der in gleichmäßigem Tempo auf den Schienen wackelt. Hinter seinen Glasscheiben ist das Land vom Schnee in weiß getunkt. Das Abteil Nummer 6 gehört zur zweiten Klasse und ist holzvertäfelt. In der Mitte ist ein Tisch angebracht, direkt neben der Fensterscheibe. Rechts und links Sitzbänke. Und oberhalb dieser Bänke hängt an jeder Seite ein Brett, auf dem eine Matratze liegt. Der Raum ist klein, aber gemütlich. So in etwa stelle ich mir eine Fahrt in der Transsib vor, nur mit etwas weniger 90er-Charme.

    „Pe-… Petro-… Petrogl-… Wie heißen die nochmal?“
    „Petroglyphen.“

    In einer Schneelandschaft sehen wir die junge Frau Laura auf der linken und ihren mitreisenden Gefährten Ljoha auf der rechten Seite. Sie gehen durch den Schnee.

    Dem Unwetter zum Trotze bleiben die Petroglyphen das Ziel von Lauras Reise.

    Ein typischer Wortwechsel zwischen den beiden Passagieren in Abteil Nummer 6: Laura, die interessierte finnische Archäologiestudentin und Ljoha, der rüpelhafte russische Arbeiter. Er qualmt Zigaretten und schüttet Vodka seinen Rachen hinunter, sie macht stimmungsvolle Filmaufnahmen und interessiert sich für Kultur. So auch für die Petroglyphen in Murmansk, das Ziel ihrer Reise. Es sind diese prähistorischen Felsbilder, die Laura dazu bringen, die lange Reise von Moskau, ihrem Studienort, in die nördlich des Polarkreises gelegene Hafenstadt Murmansk anzutreten und auch durchzustehen. Eigentlich wollte Laura überhaupt nicht allein reisen, sondern gemeinsam mit ihrer Freundin Irina. Die schöne und eloquente Literaturprofessorin hat Laura eine unvergessliche Zeit in der Hauptstadt beschert, voller geselliger Gesprächsrunden und intimen Stunden zu zweit. Aber Irina scheint ständig beschäftigt zu sein, ist in Moskau geblieben und hat Laura alleine losgeschickt. Und die muss sich das Abteil nun mit diesem Russen Ljoha teilen.

    „Und wofür bist du hier? Möchtest du dein Kätzchen füttern lassen und dafür Geld haben?“

    Ljoha ist betrunken, lächelt widerlich und grapscht Laura zwischen ihre Beine. Bei solch einem sexistischen und frauenfeindlichen Verhalten kann man nichts beschönigen. Ein klassischer Fall von toxischer Männlichkeit, bei der die Grenzen einer Frau mehrmals überschritten werden. Wie aus dem Drehbuch des alltäglichen Lebens entnommen, muss es der weibliche Charakter sein, der die Situation nach diesem Vorfall verlassen muss. Ich frage mich noch immer, weshalb sich die zurückhaltende Laura bei der Zugbegleiterin nicht noch deutlicher über ihren Mitreisenden beschwert, aber vielleicht hätte das in diesem russischen Langstreckenzug zu dieser Zeit auch gar nicht viel gebracht. Nachdem die Studentin feststellen muss, dass die Großraumabteile mit Menschen überfüllt sind und der von ihr ersehnte Trost von Irina ausbleibt, beugt sie sich ihrem Schicksal und bleibt im Abteil Nummer 6.

    Zwei Frauen sitzen an einem Tisch, draußen ist es dunkel. Die Frau auf der linken Seite ist schon alt, sie hat graue Haare. Die Frau auf der rechten Seite, Laura, ist im Studentenalter und raucht eine Zigarette. Auf dem Tisch stehen Leckereien und die beiden unterhalten sich.

    Ljohas Ziehmutter versorgt Laura mit Köstlichkeiten, Vodka und Lebensweisheiten.

    Und so wie die Protagonistin aufhört, gegen eine scheinbar unausweichliche Situation anzukämpfen, so habe ich mich als Zuschauerin auf das eingelassen, was sich vor meinen Augen zu entfalten begann: eine Beziehung zwischen zwei höchst unterschiedlichen Menschen aus höchst ungleichen sozialen Milieus, die sich im Laufe der gemeinsamen Reise ihren Vorbehalten zum Trotze immer wieder darauf einlassen, sich zu begegnen und auf ehrliche Weise zu berühren. Ihr denkt, das klingt jetzt wie eine klassische good-girl-bad-boy-story? In gewisser Weise ist sie das auch. Aber Kuosmanen erzählt dieses ausgelutschte Narrativ mit einem erfrischenden Tiefgang und überraschend anders als man es von Klassikern wie „10 Dinge, die ich an dir hasse“ gewohnt ist. In „Abteil No. 6“ umgibt die männliche Rolle zwar auch eine Schicht aus Macho-Gehabe und Aggressivität, aber viel deutlicher werden die Schwäche, die Verletzlichkeit, vielleicht sogar der Hauch von vergangenen Traumata Ljohas. Zum Beispiel dann, wenn Lena einem mitreisenden finnischen Musiker anbietet, das Abteil mir ihr und Ljoha zu teilen. Als der Zug hält, flüchtet der eifersüchtige Ljoha sich schnell nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Laura steht an der Fensterscheibe und beobachtet ihn dabei, wie er verärgert Schneebälle mit dem Fuß wegtritt. So lange, bis er ausrutscht und auf die eigene Schnauze fällt. Laura ist auch dann der selbstbewusste Charakter, wenn sie Ljoha am Ende der Zugfahrt nach seiner Telefonnummer fragt. Hier flüchtet Ljoha wieder aus der Situation. Laura rennt ihm nach, berührt ihn an der Schulter und tut wohl das, nach dem Ljoha schon sein Leben lang lechzt: sie umarmt ihn.

    „Abteil Nr. 6“ ist ein atmosphärischer Reisefilm, der zeigt, dass gegenseitiges Verständnis mit ein wenig Geduld und dem nötigen Willen auf beiden Seiten sowohl über persönliche als auch nationalstaatliche Grenzen hinweg möglich ist. Für die Oscarverleihung 2022 wurde „Abteil Nr. 6“ von Finnland in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ eingereicht und ist ab Ende März in den deutschen Kinos zu sehen.

    Fotos: Juho Kuosmanen ©2021 Sami Kuokkanen Aamu Film Company

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