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  • „I’m having this infinite dream of you“

    Der Dok-Film „A Million“ ist Zeugnis einer klassischen Reiseroute: Die Seidenstraße. Dabei verzichtet der Film fast gänzlich auf Handlung und setzt auf seine szenischen Bilder.

    „Ich fühle mich gespalten, zwischen Ost und West“, sagt Arata Mori bei der Premiere seines Films. Das Ost und West, welches Mori meint, reicht weiter als von Gotha nach Münster. Der japanische Regisseur des Films „A Million“ lebt derzeit in Berlin. In 65 Minuten Filmmaterial baut er eine Brücke zwischen Fernostasien und Europa. Er geht der Seidenstraße nach, westwärts reisend, wie auch Mori westwärts umgezogen ist. Inspiriert von Italo Calvinos Werk „Invisible Cities“, in dem die Reise des Marco Polo fiktionalisiert wird, schafft Mori ein Reisedokument, auf das alle Youtube-Vlogger*innen neidisch wären. Ein endloser Strom an szenischen Landschaften und Momenten wird dem*der Zuschauer*in präsentiert. Jedes Bild dabei so schön, dass man es am liebsten aufhängen würde. Nicht in die Zahnärzt*inpraxis, sondern ins eigene Wohnzimmer. Die Reise verläuft von chinesischen Märkten, auf denen bunte Waren in kleinen Shops angeboten werden; über einen Fleischmarkt; bis an einen Eiffelturm, der vor Plattenbauten steht. Wirkliche Bilder verschwimmen mit fiktiven Bildern. Der*die Zuschauer*in weiß nicht immer, ob dieser Ort so wirklich existiert.

    Die Surrealität der Bilder wird insbesondere in einer Szene in einem Miniaturwunderland deutlich. Die Towerbridge, die Pyramiden, Schloss Neuschwanstein, alle stehen sie auf einem Gelände. Menschen machen Selfies mit den kniehohen Sehenswürdigkeiten und verrenken ihre Hälse und Hände für das perfekte Foto. Unwillkürlich werde ich an mein eigenes Miniaturwunderlanderlebnis erinnert, das sich gleichsam surreal und diffus anfühlt. An einem heißen Tag machte meine Familie ausgerechnet dahin einen Ausflug, wo es keinen Schatten gab. Nach erschöpftem Herumirren zwischen Schloss Versailles und dem Eiffelturm ereilte mich schließlich ein Hitzeschlag. Vielleicht hat auch Mori einen Hitzeschlag im Miniaturwunderland erlitten. Vielleicht führt uns der Regisseur aber auch unsere eigene Surrealität vor Augen. Vielleicht schließt das Eine das Andere nicht aus.

    Manche Schnitte im Film wirken hart. Mori katapultiert uns von der Stadt auf das Land und wieder zurück. Die Szenen sind voll von Menschen. Die Städte sind voll von Menschen. Sie gehen ihrem Alltag nach, schauen nicht in die Kamera und reden auch nicht mit dem*der Zuschauer*in.

    Die abertausenden Schicksale und Geschichten, die Mori auf diese Weise präsentiert, werden durchwoben von einem omnipräsenten Erzähler, der sich anscheinend in einer Höhle befindet. Er redet japanisch. Er redet konfus. Er scheint sich an eine Geliebte zu wenden: „You look like my mother in her youth.“ Die japanischen Sätze werden mittels englischer Untertitel übersetzt: „You are now the city that radiates“ und „I am having this infinite dream of you.“ Ähnlich, wie auch die Sätze des Höhlenerzählers Stringenz vermissen, dafür Anmut beweisen, weist der Film im Ganzen keine schlüssige Handlung auf. So soll und kann der Film aber auch gar nicht verstanden werden. „A Million“ lebt von seinen Bildern. Von Szenen, in denen Menschen Rolltreppen bis nach ganz unten fahren, um sie dann wieder hochzufahren. Von Szenen, in denen Banner mit Baumaufdrucken an der Autobahn hängen. Mori ist auf eine Reise gegangen und hat diese Reise dokumentiert. „‚A Million‘ ist auch Marco Polos Spitzname gewesen“, sagt Mori bei der Premiere. „Niemand hat ihm geglaubt, dass er auf diese unglaubliche Reise gegangen ist.“ Ganz kurz kommt sogar der Regisseur selbst in dem Film vor. In einem der wenigen Momente, in denen sich nur wenige Menschen in der Landschaft befinden, wird der Mann hinter der Kamera von zwei Hirten angesprochen. Zu kurios erscheint den Fragenden die Situation, dass dieser fremde Mann mitten in der Mongolei die Berge filmt. Diese Szene bildet einen Sneak Peek hinter die Kulissen und erinnert daran, dass dieser Film dokumentarisch aufgezeichnet wurde. Kein Text wurde gelernt und keine Szenen wurden komponiert. Was Mori uns zeigt, ist das Leben.

    Foto: DOK Leipzig 2021

     

     

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