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  • „Filmfestivals sind Gatekeeper“

    Die neue Programmkoordinatorin des Dok, Marie-Thérèse Antony, spricht im Interview über ihre Aufgaben, die Rolle von Diversität bei der Filmauswahl und gibt kleine Einblicke zum diesjährigen Festival.

    Vom 25. bis 31. Oktober 2021 findet das Dokumentar- und Animationsfilmfestival Dok Leipzig statt. luhze-Redakteurin Anna Seikel hat mit der neuen Programmkoordinatorin im Wett­bewerb, Marie-Thérèse Antony, über Filmauswahl, Verantwortung und Diversität beim Festival gesprochen.

    luhze: Erstmal vorweg – das oder die Dok?
    Antony: Das Dok Festival oder Dok Leipzig, also ganz ohne Artikel ist richtig. Früher hieß das Festival die Dok-Woche, deshalb höre ich immer mal wieder die Dok. Den Namen hat das Festival allerdings schon lange nicht mehr.

    Sie sind Programmkoordinatorin des Wettbewerbs. Was ist Ihre Aufgabe?
    Ich führe die Fäden zwischen verschiedenen Be­reichen des Filmpro­­gramms zu­sammen und alles rund um das Programm im Wettbewerb wird von mir betreut. Ich sorge dafür, dass Filme zu uns kommen, gehe aber auch auf Festivals und bin als Ansprechpartnerin da, schaue mir andere Filme und Pitchings an. Erhaltene Filme gebe ich weiter an die Auswahlkommission. Dann nehme ich deren Bewertungen und leite die Diskussionen an, sodass wir am Ende aus knapp 2.800 Filmen die 80 Filme bekommen, die wir im Festival zeigen. Ab dem Zeitpunkt, wo diese 80 Filme feststehen, programmiere ich richtig: Wo zeige ich die Filme? Gibt es Stadtteilkinos, wo dieser Inhalt gut funktionieren könnte? Wer schreibt die Texte? Wer moderiert? Wir schauen zum Beispiel, dass die Filme, die Weltpremiere bei uns feiern, ein großes Kino haben. Es ist ein großes Puzzle, was total Spaß macht.

    Sie koordinieren auch die Einreichung der Filme. Welche Art Filme erreichen Sie?
    Unser Ziel ist es, eine große Mischung zu haben. Deshalb ist unsere Einreichung offen und man kann gegen eine Gebühr einfach auf der Website einen Film einreichen. Wir versuchen sehr viel mit Hochschulen zusammenzuarbeiten und den Filmnachwuchs zu fördern. Wir haben natürlich auch Kontakte zu etablierten Regisseur*innen. Uns ist außerdem wichtig, dass an vielen Stellen die Barrieren gering sind. Es gibt zum Beispiel Länder, die keine Gebühr bezahlen müssen, weil wir unterstützen möchten, dass uns aus diesen Ländern Filme erreichen und es so niedrigschwellig wie möglich sein soll. Und wir versuchen, möglichst viele Leute anzusprechen und zu schauen, ob ein Film zu uns passt.

    Wie prägen Sie persönlich das Programm des Wettbewerbs?
    Ich hoffe nicht zu sehr, weil uns wichtig ist, dass wir als Kommission mit vielen Menschen gemeinsam diese Entscheidungen treffen. Ich hoffe, dass ich dazu beitrage, dass zum Beispiel Geschlechterparität beachtet wird, sodass wir eine Diversität der Produktionsländer und Perspektiven haben.

    Sie haben schon einmal als Programmkoordinatorin beim Dok gearbeitet und sind jetzt wieder da. Wie sind Sie zu dem Job gekommen?
    Man muss nicht unbedingt Film oder Regie studieren, um diese Arbeit zu machen. Von meinem Background her bin ich Amerikanistin und Kulturwissenschaft­lerin. Ich habe schon sehr lange für Film-, Tanz- und Theaterfestivals gearbeitet. Gar nicht mal beim Dok. In meinem Masterstudium habe ich mir dann Filmfestivals als Thema ausgesucht, mehr Festivals besucht und als Volontärin dort gearbeitet. Danach bin ich ganz klassisch über eine Stellenaus­schreibung nach Leipzig ge­kommen.

    Sie sind auch Teil der Auswahlkommission des Festivals. Wie arbeitet diese?
    Wir schauen uns am Anfang jeden Film mindestens einmal an. Sobald die Filme da sind, bekommen wir lange Listen, die wir durchsehen und Kommentare dazu verfassen. Die Kommentare landen dann bei mir und ich schaue, welche von diesen Filmen auf eine Longlist kommen und nochmal diskutiert werden. Mit der Kommission treffen wir uns dann im späten Frühjahr und Ende des Sommers. Dann schauen wir die Filme gemeinsam und diskutieren darüber. Am Ende dieser Phase stehen dann die Filme fest, die laufen sollen.

    Auf ganz persönlicher Ebene: Wie entscheiden Sie sich, ob ein Film „das gewisse Etwas“ hat?
    Ich habe keine formalen Kriterien, aber ich finde, man merkt das sehr schnell. Entweder sind es die Menschen, die porträtiert werden und einen mitreißen. Wenn man sich denkt: Oh, ich möchte die nicht verlassen, ich möchte dabeibleiben. Oder Filme hauen einen vom Hocker, weil sie visuell was Tolles aufmachen. Ein weiteres Kriterium ist, das Gefühl zu bekommen, dass mich jemand mit auf eine Reise nimmt. Das kann dann der oder die Filmemacher*in sein, der*die mich hier bewusst mit an die Hand nimmt.

    Die Filme bekommen eine sehr große Plattform geboten. Im Jahr 2019 waren auf dem Dok Leipzig knapp 50.000 Zuschauer*innen, genauso viele im letzten Jahr bei der Hybridausgabe. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um, die mit so einer großen Plattform einhergeht?
    Für mich ist das eine zweischneidige Verantwortung. Zum einen jene gegenüber den Filmen und Filmschaffenden dahinter: Wir wählen deinen Film aus, um ihm diese Plattform zu geben, weil wir finden, dass diese Story gehört und gesehen werden muss. Manchmal bedeutet das auch, Filme zu zeigen, die man künstlerisch nicht nur überzeugend findet, sondern auch sagt: Da ist jemand, der was aufgespürt hat. Zum anderen gibt es natürlich die Verantwortung dem Publikum gegenüber. Für uns ist es wichtig, ein breites Angebot zu haben. Sowohl für Leute, die schon seit 20, 30 Jahren Dokumentarfilme gucken und wissen wollen, was gerade das Neueste ist. Und gleichzeitig auch Filme, die Leuten, die gar nichts mit Dokumentarfilm anfangen können, zugänglich sind.

    Sie ha­ben sich in Ihrer Masterarbeit mit Di­versitäts­politik in Filmen aus­einandergesetzt. Wie prägt das die Art und Weise, in der Sie Filme schauen, bewerten und aus­wählen?
    Filmfestivals sind Gatekeeper. Wir können mit unserer Plattform Filme fördern. Es ist immer sehr wichtig, zu überlegen, was unsere Rolle ist. Wen fördern wir und wen gerade nicht? Da muss man an vielen Ansätzen arbeiten und ich glaube, da haben wir noch Potenzial. Für mich bedeutet es, immer zu fragen: Wer erzählt gerade diese Geschichte? Wer hatte die Chance, diesen Film zu machen? Wer wird gezeigt und wer nicht? Vielleicht generiert das auch manchmal ein Unwohlsein, im Film eine interessante Person zu sehen, aber zu fragen: Warum wird diese Geschichte von einem weißen Mann aus Westeuropa erzählt und nicht von Personen aus der eigenen Community? Da muss man seinen Blick sehr schärfen. In der Auswahlkommission versuchen wir, verschiedene Perspektiven und Backgrounds zu­sammenzubringen, sodass wir nicht alle aus derselben Blickrichtung kommen. Es gibt bei vielen Festivals die Haltung: Naja, wir sind am Ende der Verwertungskette. Und ich finde, das stimmt nicht. Wir sind mittendrin.

    Wird Wert auf geschlechterparitätische Auswahl gelegt?
    Wir haben keine offizielle Quote, aber wir schauen schon sehr, dass es eine Parität gibt. Wir haben dieses Jahr eine paritätische Auswahl, sogar ein leichtes Plus auf Seite der weiblichen Regie. Das ist auch je nach Wettbewerb unterschiedlich. Unser internationaler Wettbewerb ist paritätisch.
    Ihr Werdegang ist sehr international, von der Arbeit mit französischen Filmen bis zum Studium in New York. Wie beeinflussen diese Erfahrungen Sie in Ihrer Arbeit?
    Ich habe einen anderen sprachlichen Zugang zu französischen und englischen Filmen. Es macht einen Unterschied, ob man Untertitel lesen muss oder nicht, weil man nochmal eine andere Ebene mitbekommt. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und hatte einen stärkeren Fokus auf angloamerikanische Dokumentarfilme. Für mich war es etwas total Tolles, in Leipzig und beim Dok richtig tief ins osteuropäische Kino einzusteigen. Das war etwas, was ich wirklich neu entdeckt habe.

    Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spaß?
    Mit Filmemacher*innen zu sprechen. Ich finde, es ist ein toller Austausch und großartig, Menschen auch über Jahre kennenzulernen und zu begleiten. Das Gleiche gilt dann auch für die Festivalwoche in Leipzig. Ich hätte das nicht gedacht, bevor ich hier angefangen habe, aber ich mag es gerne, das Dreiergespräch zwischen Filmteam, dem Publikum und mir zu führen. Das bereichert mich sehr.

    Können Sie den Leser*innen schon den ein oder anderen Filmtipp ans Herz legen?
    Wir haben viele Filme, die sich mit Flucht­­ge­schichten be­schäftigen, durchweg in allen Wett­bewerben, aus unter­schied­­­lichsten Perspektiven auf unterschiedlichste Erzählwei­sen. Zum Beispiel im Pu­­blikums­­­wettbewerb die Filme „Flee“ (Jonas Poher Rasmussen) und „Our Memory Belongs to Us“ (Rami Farah, Signe Byrge Sørensen), die Flucht- und Exilerfahrungen aus Afgha­nistan und Syrien erzählen, aber auch „Lo que queda en el camino” (Jakob Krese, Danilo Do Carmo), der eine Mutter mit ihren vier Kindern auf dem Weg durch Mexico in Richtung USA begleitet. Man merkt einfach, dass es diese Bewegungen in unserer Welt an verschiedenen Orten gibt und dass das etwas ist, wo wir nicht wegschauen dürfen. Und es gibt viele Filme, die auf den ersten Blick viel­leicht kleine intime Porträts sind, manchmal von zwei Leuten, die aber dann so eine Wucht entfalten, dass sie dich mitreißen und ganz doll berühren. Da kann ich zwei tolle Filme aus dem deutschen Wettbewerb empfehlen: „Reality Must Be Addressed“ (Johanna Seggelke) und „Jedermann und Ich“ (Katharina Pethke).

    Foto: Susann Jehnichen

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