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    Die Coronahilfen für Studierende sind wieder eingesetzt. Für Viele reicht das Geld jedoch nicht, um die Krisensituation gut zu überstehen, kritisieren Betroffene und Studierendenvertretungen.

    Noch im September hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Überbrückungshilfen für Studierende ausgesetzt, wenige Wochen später kann man sie wieder bei den Studierendenwerken beantragen. Wer aufgrund der Pandemie in eine finanzielle Not­lage geraten ist, soll dadurch Unterstützung erhalten. Finanzielle Notlage bedeutet, weniger als 500 Euro auf dem Konto zu haben. Studierende erhalten dafür 100 Euro. Diejenigen, deren Konto mit weniger als 100 Euro gefüllt ist, können den Höchstsatz von 500 Euro erhalten.
    Nur ist das nicht so leicht. „Voll an der Lebensrealität vorbei“, nennt Maximilian Fröhling die Überbrückungshilfen, die er im Frühjahr beantragen wollte. Er scheiterte daran, dass der Förderverein der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig ihn mit 80 Euro unterstützt hatte. Denn man darf noch keine andersartige finanzielle Unterstützung erhalten haben, wenn man die Überbrückungshilfe beantragt. „Und nur weil ich 500 Euro auf dem Konto habe, heißt das nicht, dass ich reich bin“, ergänzt er. „Das heißt nur, dass ich meine Miete noch nicht bezahlt habe.“ Der Kletterpark Markkleeberg hatte im März seinen Job gekündigt. Im Wintersemester hat Maximilian ein Urlaubssemester genommen und bezieht jetzt Arbeitslosengeld II. Die finanziellen Sorgen haben seine psychische Krankheit verstärkt, demnächst wird er in Therapie gehen. „Da wird es noch schwieriger, einen Nebenjob zu bekommen“, sagt er. Derweil hat er sich Geld von Freund*innen geliehen, um über die Runden zu kommen.
    Das BMBF erklärt auf Anfrage von luhze, die Überbrückungshilfen hätten sich bislang bewährt. In ganz Deutschland sind mehr als 233.000 Anträge eingegangen, davon wurden 63 Prozent bewilligt. Das Leipziger Studen­ten­­werk hat bis Ende Sep­tember 2.435 Anträge erhalten und davon 1.346 bewilligt. 56 Prozent dieser Studierenden ha­ben den Höchstbetrag, also 500 Euro erhalten. Das bedeutet, dass mehr als 750 Leipziger Studierende wegen der Pandemie weniger als 100 Euro zur Verfügung hatten.
    „Wegen der Pandemie“ ist hier wichtig. Wer schon vor Corona kein Geld hatte, wird von der Überbrückungshilfe nichts erhalten. Für diese Form struktureller Armut von Studierenden könne die Überbrüc­kungs­hilfe schlicht nicht grei­fen, sagt Michael Mohr, Pres­se­sprecher des Studentenwerks Leipzig.
    An der Universität hat für solche Fälle der Studierendenrat (Stura) einen Fördertopf, der kürzlich noch einmal aufgestockt wurde. Wer nach Abzug der laufenden Kosten von seinem Einkommen weniger als 410 Euro im Monat zur Verfügung hat, kann hier Hilfe beantragen. Im Oktober waren das 40 Studierende – so viele wie sonst in einem ganzen Jahr, erzählt Natasha Kartashova, Stura-Referentin für Soziales. Paul Reinhardt, hochschulpolitischer Sprecher des Stura, fordert vom BMBF, die Bedin­gungen für die Über­brü­ckungs­hilfen zu verändern; bis­lang seien sie „abstrus“. Außer­dem müsse das Bafög für mehr Studierende geöffnet werden. Er weist darauf hin, dass Weihnachtsmärkte kla­ssischerweise Nebenjobs für Studierende bieten, „aber das fällt wahrscheinlich auch flach.“
    Das Ministerium schlägt als Alternative den Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) vor. Reinhardt bezeichnet diesen jedoch als „Schuldenfalle“. Das BMBF erklärt, die Zinsen von März 2020 bis April 2021 habe die Bundesregierung übernommen. Das bedeutet aber nicht, dass für Kreditbeträge, die in diesem Zeitraum ausgezahlt wurden, ab Mai 2021 keine Zinsen anfallen.
    Auch Mohr rät von einem Darlehen grundsätzlich ab: „Für Studierende in finanzieller Not ist es eher selten eine Hilfe, sich Geld zu borgen.“ Er ermutigt Studierende, bei finanziellen Problemen die Sozial­beratung des Studentenwerks zu kontaktieren.

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