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  • Mit Eddi um die Häuser ziehen

    Eduard Jesse arbeitet seit 1993 am Campusservice. Nach der pandemiebedingten Schließung hat Eddi seine Türen seit einigen Wochen wieder offen. Wir haben ihn im Januar einen Tag lang begleitet.

    Eddi ist 59 Jahre alt. Seine Stimme klingt wie 29, aber seine Worte sind manchmal die eines alten Mannes. „Ich sage immer, dass ich der Welt nichts zu erzählen habe.“ Dabei lacht er, obwohl es eigentlich nicht zum Lachen ist, wenn man so wenig von der eigenen Geschichte hält. Vielleicht glaubt er es auch einfach selbst nicht.

    Um zehn Uhr öffnet Eddi wie an jedem Werktag den Campusservice am Augustusplatz. Auf dem Innenhof sind nur ein paar Studierende zu sehen, die in der Januarluft eilig eine Zigarette rauchen oder zu spät zu ihren Seminaren hasten. Vor dem tiefblauen Himmel draußen wirkt das hell erleuchtete Büro besonders einladend. Um 10:42 Uhr bringt ein Student eine Lampe zurück, um 11:02 Uhr dringt mit dem Frohes-Neues-Ruf eines anderen Studenten auch etwas kalte Luft hinein und um 11:04 Uhr kommt der Hausmeister der Uni für einen kurzen Plausch vorbei. „Mit dem muss man sich gutstellen“, sagt Eddi. Aber das falle ihm auch nicht schwer, denn eigentlich verstehe er sich mit jedem Menschen, der seinen vollgestellten Raum betritt.

    Inventar

    Seit 1993 leitet Eddi den Campusservice. Damals wurde er vom neugegründeten Stura angestellt. Am Anfang hat er Zimmer für Studierende vermittelt und eine Mitfahrbörse organisiert, in den Zeiten, bevor man das alles im Internet finden konnte. „Es gab nichts“, sagt Eddi, auch nicht das Studentenwerk, das heute die meisten dieser Angelegenheiten verwaltet. Heute verkauft er Karten für Faschingsfeiern, hängt Plakate auf und wacht über ein Arsenal von so ziemlich allem, was Studierende gebrauchen könnten. An seinem niedrigen Schreibtisch sitzt Eddi zwischen Fußbällen, Trommeln, Plastikbechern, Tassen mit dem Logo der Universität, einer Schneidemaschine, zwei Glüh­weintöpfen und ein paar Federmappen. Passend dazu hängt an seiner Pinnwand ein Schild, die ihm der Stura geschenkt hat. Darauf steht: „Ordnung ist, wenn man sofort weiß, wo man nicht suchen muss.“ Zusätzlich sind überall riesige Zimmerpflanzen verteilt. Sie hängen von der Decke, stehen auf der langen Theke, die den Raum aufteilt und vor dem Fenster. Schuld daran sei seine Frau. „Die Pflanzen, die Zuhause rausfliegen, kommen zu mir.“ Alle möglichen Leute schauen im Campusservice vorbei. Eddi ist der einzige, der bleibt: „Bevor man sich an einige gewöhnt hat, sind sie schon wieder weg.“

    Um 11:25 Uhr gibt eine Studentin ein Plakat ab, eine weitere bringt zwei Minuten später das Schneidegerät zurück. Um das wieder verstauen zu können, stellt Eddi den Glühweintopf beiseite. Eddi, der heute Vater von vier Kindern ist, kam noch vor der Wende im September 1985 nach Leipzig. Die Uni, an der er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete, trug damals noch einen anderen Namen. Das Hauptgebäude am Augustusplatz zierte ein sieben Meter hohes Bronzerelief, das den Namensgeber Karl Marx zeigte. Wo sich heute das Mensagebäude befindet, ragten riesige Fahnenstangen in die Höhe. Der Campusinnenhof war von einem Geflecht aus Betongängen eingerahmt. Einige davon durfte man schon damals nicht betreten – wegen Einsturzgefahr. An die Jahre zwischen 1985 und der Wendezeit erinnert er sich kaum. „Es ist alles wie in einem Traum vorbeigezogen.“ Von seinem Arbeitsplatz beobachtete Eddi die immer größer werdenden Demonstrationen auf dem Augustusplatz, spürte die Spannung, die damals in der Luft lag. Selbst mitgemacht habe er nicht: „Ich habe wahrscheinlich den Mut nicht aufbringen können.“ Im Nach­hinein ist er froh, dass es so friedlich geblieben ist. „Es gab Momente, in denen das Pulverfass kurz vorm Explodieren war“, sagt er.

    Umbrüche

    Es ist Mittagszeit am Hauptcampus. Studierende laufen in großen Gruppen von einem Seminar zum anderen, strömen aus dem Hörsaalgebäude direkt gegenüber. Um 13:13 Uhr kauft eine Studentin zwei Tickets für das Tanzfest der Uni. Eddi hört auf seinem Computer ein Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Wenn jemand den Raum betritt, stoppt er den weichen und wehmütigen Klang. Eddi ist in einem kleinen Dorf in Tadschikistan aufgewachsen, das heute ein Staat an der Grenze zu Afghanistan und damals eine sozialistische Sowjetrepublik, also Teil der UdSSR, war. Als Eddi zehn Jahre alt war, ist seine Familie dann in die DDR umgezogen. „Ich hab mehrere Systeme, mehrere Länder überlebt“, sagt Eddi dazu fast beiläufig. Er und sein Bruder sprachen damals kein Deutsch. Heute ist sein Russisch etwas eingerostet. Er hat sich angepasst. Während seines Studiums musste er wie alle Studierenden Einschätzungen über Kommiliton*innen anfertigen und über deren Studienverlauf berichten. „Daran sind Freundschaften zerbrochen.“ Er sagt, er habe mit der Vergangenheit abgeschlossen. „Ich rätsele bis heute, wer bei der Stasi war. Aber eigentlich will ich es auch nicht wissen.“ Um 13:41 Uhr kommt ein Mann herein, der vor 20 Jahren in Leipzig studiert hat. Er ist zufällig in der Stadt und die beiden unterhalten sich kurz. Er kann sich noch an Eddi erinnern und Eddi an ihn.

    Sehnsucht

    Mit den eigenen Erinnerungen ist das so eine Sache. Es gibt die, die sich leicht erzählen lassen anhand von Daten, Orten und Gebäuden, die man auf einem Zeitstrahl ordnen und in mundgerechte Häppchen verpacken kann. Dahinter liegt die Sehnsucht. Eddi besucht bei Google Street View die Philosophische Fakultät in Sankt Petersburg. Dort wurde er nach seinem Abitur hingeschickt, hat fünf Jahre studiert, ist mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren. In den Semesterferien half er beim Bau einer Schweinemastanlage und einer Erdgastrasse.
    Er setzt das kleine gelbe Männchen auf die Karte von Sankt Petersburg. Auf dem Bildschirm zischen die gelben Backsteinfassaden vorbei. „Es sieht noch genau so aus wie damals“, sagt er. Von den Straßen, die am Unigebäude vorbeiführen, klickt er weiter. Zwischen den Häusern taucht ein grauer, breiter Fluss auf – die Newa – an deren Ufern die Stadt erbaut wurde. Eddi meint, dass Sankt Petersburg im Sommer am schönsten ist, vielleicht die schönste Stadt der Welt. Sie ist so nah am Polarkreis, dass es von Ende Mai bis Mitte Juli nicht dunkel wird. Das nennen die Menschen dort weiße Nächte. In diesen Nächten saß Eddi vor 35 Jahren auf steinernen Treppen am Wasser. „Am Ufer war die ganze Stadt versammelt“, erzählt Eddi. Mitten in der Nacht wurden die Klappbrücken geöffnet, damit riesige Schiffe die Stadt passieren konnten, erinnert sich Eddi. Die Menschen schauten zu, wie sie ins glitzernde Meer davonglitten. Eddi habe Champagner getrunken und auf den noch warmen Stufen gesessen. „Das war wunderschön.“

    Um 17 Uhr wird Eddi den Campusservice schließen, um ihn am nächsten Tag wieder zu öffnen. Es warten die immer gleichen Fragen von den ewig neuen Menschen. Zum Erzählen gehören immer auch die, die zuhören. Wer am Campusservice die Ohren spitzt, kann eine ganz besondere Geschichte hören.

    Neben Megafonen und Plastikbechern lagert bei ihm auch unsere Zeitung.

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