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  • Immergut: Beale Street Blues

    Wir verraten euch weiterhin wöchentlich die besten Medien, um den Corona-Blues zu vertreiben – diese Woche den Roman „Beale Street Blues“ von James Baldwin.

    Ich bin eine dieser Personen, die keine Buchverfilmung schauen kann, ohne vorher das zugehörige Buch gelesen zu haben. Weil Barry Jenkins, der Drehbuchautor und Regisseur des 2018 erschienen Films „If Beale Street Could Talk“, mein Lieblingsregisseur ist, musste das dazugehörige Buch von James Baldwin auch gelesen werden. Ich wollte ja den Film sehen.

    James Baldwins Roman „Beale Street Blues“ ist eine brillante Veranschaulichung der Realität von Afroamerikanern in den 1970igern, die mit erschreckendem Aktualitätsbezug besticht. Erschienen 1974, ist es nicht nur seine einzige reine Liebesgeschichte, sondern auch das einzige seiner Werke, das aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist.

    If Beale Street Could TalkTish liebt Fonny. Fonny liebt Tish. So weit, so einfach.

    Denkt man, aber natürlich ist alles anders. Wann ist Liebe in Büchern schon einfach. Fonny, Tish’s Verlobter, sitzt im Gefängnis. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Außerdem ist er der Vater von Tish‘s ungeborenem Baby. Und sie sind beide Afroamerikaner. All diese Aussagen sollten nichts miteinander zu tun haben. Leider haben sie das aber. Denn die Tatsache, dass Fonny Afroamerikaner ist, hat ihm, das wird im Buch eindeutig, den Aufenthalt im Gefängnis beschert.
    Rassismus ist ein Thema, das sich durch jedes von Baldwins Werken zieht. In „Beale Street Blues“ wird es so offensichtlich angesprochen, dass wirklich jeder Leser versteht.

    Die Geschichte hat mich abgeholt und mitgenommen an einen Ort, an dem ich nie war. An einen Ort, an dem sich Tish Sorgen macht, wie sie Fonny aus dem Gefängnis bekommen kann, bevor das Baby kommt. Wo ihre zukünftige Schwiegermutter sie verflucht, weil sie einen „Bastard“ auf die Welt bringen möchte. Und an einen Ort, an dem ihre Liebe zu Fonny das Einzige ist, was ihr die Kraft gibt, weiterzumachen und nicht die Hoffnung zu verlieren.

    Ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen war auch schon vor YouTube-Tutorials und Netflix-Dokus eine sehr gute Möglichkeit, sich weiterzubilden. In Zeiten, in denen wir überall auf der Welt protestieren, Petitionen unterschreiben und versuchen, auf leider immer noch währenden Rassismus aufmerksam zu machen, ist es wichtiger denn je, zu verstehen, was die Hintergründe sind und worum es tatsächlich geht. Fonny‘s und Tish‘s Geschichte ist eine derjenigen, die mich und meine Sicht auf Afroamerikaner und deren Realität grundlegend verändert hat.

    Den Film habe ich bis heute nicht gesehen. So sehr ich Barry Jenkins liebe, kein Film kann das einfangen, was James Baldwins Worte ausdrücken können.

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