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  • Immergut: Carrie & Lowell

    Wir verraten euch wöchentlich die besten Medien, um den Quarantäneblues zu vertreiben. Heute katapultieren wir euch mit „Carrie & Lowell“ von Sufjan Stevens in die Arme eurer Liebsten.

    Ich bin kein religiöser Mensch, zumindest nicht richtig. Ich war Weihnachten noch nie in der Kirche, nur ein paar Mal an Ostern, bin zwar konfirmiert, aber bete nur sehr, sehr selten. Und zwar nur, wenn ich es wirklich gebrauchen kann. Das ist natürlich die feigste Art von Religion. Wie ein Freund, der nur anruft, wenn er deine Hilfe braucht. Trotzdem liebe ich Sufjan Stevens und besonders sein Album „Carrie & Lowell“.

    Es ist ein Album, das man sich erhören muss. Beim ersten Mal könnte man denken, es sei relativ egales Indie-Geplänkel, was mir persönlich nichts ausmacht, aber mich auch nicht dazu bewegen würde, seit einem Monat nichts anderes zu hören. „Carrie & Lowell“ wächst in der Einfachheit von Stevens Melodien, in den unaufdringlich sehnsüchtigen Metaphern seiner Texte. Und was gibt es besseres in einer Zeit, in der eh alles Sehnsucht ist?

    Das Foto ist das Cover von Sufjan Stevens Album „Carrie & Lowell“. Es zeigt eine alte Fotographie seines Stiefvaters und seiner Mutter, die in einem dunklen Raum der Kamera entgegenlächeln.

    Sufjan Stevens hat dem Schmerz über den Tod seiner Mutter eine musikalische Form gegeben.

    Was hat das jetzt mit Religion zu tun? Die einfache Antwort ist, dass Sufjan Stevens religiös ist, christlich genauer gesagt. Die kompliziertere ist, dass er es auf eine Art ist, die mehr mit Vergebung und vor allem mit Liebe zu tun hat, als ich es aus meiner verwässerten ökumenischen Perspektive erwarten würde. In „Carrie & Lowell“ geht es um seine Mutter und seinen Stiefvater, die die Namensgeber des 2015 erschienen Albums sind. Er hätte allen Grund auf seine Mutter wütend zu sein: Sie war große Teile seiner Kindheit abwesend. Und er hätte auch Grund auf eine Welt wütend zu sein, in der sie schließlich an Magenkrebs gestorben ist.

    Stattdessen ist es Liebe, mit der er von ihr spricht, im ganz einfachen Sinne des Wortes. Das Album vereinigt Musik und Text in einem wunderschönen Strudel: Da zupft er sanft seine Gitarre, wenn er über seinen Stiefvater redet, erzählt von Zitronenjoghurt, vom Schwimmenlernen, von den Dingen, die so sehr mit der Kindheit verbunden sind, das sie mir das Herz brechen. Und in „Fourth of July“ hören wir die letzte Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn. Am Ende verstummt die Musik fast vollständig und es hallen die letzten Worte seiner Mutter nach, „we’re all gonna die“ – nicht als nihilistischer oder zynischer Hinweis, sondern als Beruhigung – „we’re all gonna die.“

    Ich bin kein religiöser Mensch, aber, wie David Foster Wallace sagt, wir verehren alle etwas, wir können uns nur aussuchen, was. Im Frühling habe ich in der Kirche eine Kerze angezündet und es hat geholfen. Ich versuche zu vergeben, wie Sufjan Stevens es getan hat, und das ist schon mal etwas. Und wenn wir alle etwas verehren, dann bringt er uns bei, was es sein kann – die Schönheit der Welt, die nicht uns gehört, und der kurze Moment, den wir auf der Erde mit den Menschen haben, die wir lieben.

    Albumcover: Asthmatic Kitty Records

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