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    Das integrale Sars-CoV-2-Abwassermonitoring soll Daten über den an Covid-19 erkrankten Anteil der Bevölkerung liefern. Ein Team von über 20 Expert*innen arbeitet derzeit an der Umsetzung der Methode.

    Der Stuhlgang. Nicht das beliebteste Thema für einen Smalltalk und doch hat er aktuell das Potenzial, in der Beliebtheitsskala weit nach oben zu klettern. Denn viele Hoffnungen zu einer effektiven Bekämpfung der Pandemie ruhen auf ihm.

    Die vielversprechende Methode dahinter nennt sich integrales Sars-CoV-2-Abwassermonitoring. Ein Team von mehr als 20 Expert*innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall und der Technischen Universität Dresden arbeitet in Zusammenarbeit mit den Kläranlagenbetreibern der Städte Köln, Leipzig, Dresden, dem Wasserverband Eifel-Rur und weiteren 20 Städten an einer Umsetzung.

    Die Idee ist, die Sars-CoV-2-Viren anhand ihres Erbguts in den Kot-Sammelstellen einer Region – auch Kläranlagen genannt – aufzuspüren und so den Gesamtinfektionsanteil des jeweiligen Einzugsgebiets zu erfassen – mit Betonung auf „Gesamt“. Denn unter anderem darin liegt das Potenzial der Methode: Egal ob eine infizierte Person Symptome zeigt oder nicht, sie trägt das Virus in sich und scheidet es früher oder später aus. Um die bisher umstrittene Dunkelziffer sähe es dann nicht mehr so düster aus.

    Wichtig zu verstehen ist hier, dass die Expert*innen nicht versuchen, die exakte Anzahl an Infizierten zu ermitteln. Die Masse ist schlicht zu groß, um alle Virenschnipsel zu erwischen. Stattdessen liegt der Fokus darauf, erkennen zu können, wenn die Anzahl der Viren im Abwasser steigt. Im Einzugsgebiet der betroffenen Kläranlage könnten schnell Maßnahmen ergriffen werden, die dem erhöhten Ansteckungsrisiko entgegenwirken – ein Frühwarnsystem also. Die Entscheidung über Kontaktbeschränkungen und Lockerungsmaßnahmen könnten dann gut begründet und örtlich differenziert getroffen werden.

    Neu ist die Idee des Abwassermonitorings keineswegs. Man kennt sie im Rahmen von Drogenscreenings, die anhand des Abwassers Rückschlüsse über den Drogenkonsum der Bevölkerung zulassen. Der Geistesblitz, dass die Methode auch während der Pandemie von Nutzen sein kann, stammt aus den Niederlanden. Dort veröffentlichten Wissenschaftler*innen bereits im Februar, Erkenntnisse über Infektionszahlen anhand des Abwassers zu gewinnen. Damit war das Interesse der Forscher*innen im UFZ geweckt. Mittlerweile ist klar: „So einfach, wie die Holländer es beschreiben, ist das nicht“, sagt Georg Teutsch, der Wissenschaftliche Geschäftsführer des UFZ und Initiator des Projektes.

    Denn es gibt noch viele offene Fragen: Wie lange dauert es genau, bis das Virus nach der Ansteckung im Stuhl ankommt? Erlauben die gefundenen Virenschnipsel im Abwasser überhaupt Aussagen über das aktuelle Infektionsgeschehen? Oder sind die zeitlichen Verzögerungen, nicht zuletzt auch wegen der extrem aufwendigen Aufbereitung der Proben, zu groß um jemals als Frühwarnsystem zu funktionieren?

    Momentan durchläuft das Projekt die Testphase. In den kooperierenden Kläranlagen werden kontinuierlich, das heißt 24 Stunden am Tag, Proben aus dem Abwasser entnommen und anschließend analysiert. Dazu werden neue Aufbereitungsmethoden getestet, da die herkömmlichen Verfahren nicht ausreichen, um die geringen Konzentrationen an Viren in den Proben zu erfassen. „Die aktuell eher niedrig ausfallenden Infektionszahlen sind zwar sehr erfreulich“, sagt Teutsch. Dadurch werde es jedoch umso schwieriger, die „Virenschnipsel“ zu finden, die im Abwasser unterwegs sind. Erstmal versucht das Team deshalb eine Detektionsempfindlichkeit für die Coronaviren zu erreichen, auch bei einer geringen Anzahl an Infizierten.

    „Wir fordern es heraus“, sagt Teutsch. Zu verlockend ist das Ziel. Denn das Potenzial des Abwassermonitorings geht über die Zeit der Corona-Pandemie hinaus. Auch zur Bewertung von zukünftigen Pandemien wäre die Methode eine wesentliche Erleichterung. „Das ist ja das Elegante an der Idee“, schwärmt der Wissenschaftler. Man könne mit vergleichsweise wenigen Proben viel erreichen.

    Momentan heißt es also: Abwarten und Teetrinken. Und immer schön fleißig das große Geschäft erledigen.

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