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  • Wie Wissenschaft vermittelt wird

    Gerade in Zeiten wie diesen zeigt sich, wie wichtig die Rollen von Wissenschaft und Medien sind. Eine Leipziger Studie untersucht, wie gute Wissenschaftskommunikation funktioniert und wo es noch hakt.

    46 Prozent der Menschen in Deutschland sind sich nicht sicher, ob sie Wissenschaft und Forschung vertrauen sollen. Das geht aus einer Umfrage des Wissenschaftsbarometers von 2019 hervor. „Auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Massenmedien ist durch Diskussionen um Lügenpresse und Fake News stärker in den Fokus gerückt“, so Cornelia Wolf, Professorin am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Gerade in Krisen wie dieser zeigt sich jedoch, wie wichtig die Rolle von Wissenschaft und Medien ist, um die Verbreitung von Falschnachrichten zu verhindern und diesen Fakten entgegenzusetzen. Doch wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse am besten vermittelt? Wie erreichen sie möglichst viele Menschen?

    2016 wurden vom Bundesverband Hochschulkommunikation und der Initiative Wissenschaft im Dialog die sogenannten Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR, also der Vermittlungsarbeit von wissenschaftlichen Instituten, veröffentlicht, um Forschungsinstitute bei dieser Frage zu unterstützen. „Das besondere an diesen Leitlinien ist, dass eine Checkliste mit an die Hand gegeben wird, die sich auch auf die Themen bezieht, denen die Bevölkerung kritisch gegenübersteht“, sagt Wolf. Das betrifft beispielsweise Informationen über die Finanzierung und den genauen Nutzen von Forschungsprojekten. In den Leitlinien heißt es beispielsweise, Wissenschafts-PR sollte „selbstkritisch“ und „offen für gesellschaftliche Veränderung“ sein, sowie „den Blick für die Wissenschaft in ihren unterschiedlichen Disziplinen öffnen.“ Außerdem sollte sie weder übertreiben noch mögliche Risiken „verharmlosen oder verschweigen“.

    Leipziger Studie untersucht Wissenschaftskommunikation

    Um zu überprüfen, ob Institute diese Leitlinien auch einhalten, führt Wolf gemeinsam mit Markus Wiesenberg, Postdoc am Lehrstuhl für Strategische Kommunikation am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, eine Studie mit dem Titel „Anspruch und Wirklichkeit der Wissenschafts-PR“ durch. Mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse von insgesamt 300 zufällig ausgewählten Pressemitteilungen aus dem Zeitraum zwischen März 2015 und März 2019 untersuchen sie, ob sich Forschungseinrichtungen in ihren Pressemitteilungen an die genannten Leitlinien halten. Der Fokus liegt dabei auf den Dachverbänden der vier großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland: dem Max-Planck-Institut, der Leibniz Gemeinschaft, der Fraunhofer Gesellschaft, der Helmholtz Gemeinschaft und den dazugehörigen Instituten.

    Aktuell befindet sich die Studie noch in der Auswertungsphase. Erste Ergebnisse gibt es aber bereits. Generell habe sich die Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahren stark professionalisiert, so Wolf. Den formalen Richtlinien werde in den Pressemitteilungen größtenteils gefolgt. „Aber die Spezifika der Wissenschaftskommunikation, also gesonderte Ansprüche an die Darstellung der Inhalte, schlagen sich nicht nieder“, so Wolf.

    So veröffentlichen zwar etwa 70 Prozent der untersuchten Institute Informationen zu den Forschungsdesigns, also beispielsweise der angewandten Methodik, aber nur knapp unter zehn Prozent stellen laut Wolf weitere Details der Studiendesigns zur Verfügung. Diese sind häufig wichtig, um Studienergebnisse zu interpretieren und beurteilen zu können, ob die Ergebnisse aussagekräftig sind. Außerdem werden bei nur etwa 1,7 Prozent der Pressemitteilungen Fakten, die einen Kontext, liefern, eingebaut. Hierbei gehe es zum Beispiel darum, Bezug auf andere bereits veröffentlichte Ergebnisse zu nehmen.  Bei ebenfalls nur etwa einem Prozent wird auf mögliche Widersprüche und Kritikpunkte eingegangen. „Diese Informationen wären hilfreich, um einen breiteren Überblick über den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema zu erhalten“, so Wolf.

    Spätestens, wenn Medien die Ergebnisse ohne Überprüfung, mögliche Kritikpunkte oder Einordnung veröffentlichen, kann es leicht passieren, dass Leser*innen diese nicht richtig einordnen können. „Wenn schon am Anfang der Kette zu wenig Interpretationsleistung und Kontext gegeben wird, können Journalistinnen und Journalisten das Defizit angesichts fehlender zeitlicher und personeller Ressourcen häufig nicht ausgleichen.“ Dabei sollte es im Interesse der Wissenschaftsorganisation sein, ihre Forschung möglichst transparent zu kommunizieren, sagt Wolf.

    Vermittlung von Wissenschaft an der Universität Leipzig

    Wie Wissenschaftskommunikation praktisch wird, weiß Carsten Heckmann, Pressesprecher der Universität Leipzig und spielt damit eine tragende Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Medien. Neben klassischen Pressemitteilungen für Journalist*innen vermittelt er, gemeinsam mit der Stabstelle Universitätskommunikation der Universität, Expert*innen der universitätsinternen Institute an Medien, bespielt mehrere Social-Media-Kanäle, berät Wissenschaftler*innen im Umgang mit Medien und organisiert Veranstaltungen für den Austausch zwischen der Wissenschaft und interessierten Bürger*innen.

    Neben den Kriterien an Wissenschaftskommunikation, die auch in den Leitlinien vom Bundesverband Hochschulkommunikation genannt werden, sei es, laut Heckmann, wichtig, nicht zu übertreiben und „nicht so zu tun, als wäre jedes Studienergebnis nobelpreisverdächtig.“ Außerdem sei gute Wissenschaftskommunikation vielfältig, auch was die Vermittlungsformate angeht, inklusive dialogfördernder Formate, so Heckmann.

    Den größten Teil der Wissenschaftskommunikation machen die Wissenschaftler*innen, so Heckmann, jedoch selbst. Viele Wissenschaftler*innen engagieren sich über ihre Publikationen hinaus, indem sie zum Beispiel Interviews geben, twittern, Vorträge halten oder an Diskussionsrunden teilnehmen, bei denen sie direkt mit interessierten Bürger*innen ins Gespräch kommen. Noch immer zählen unter anderem Publikationen in bekannten Journalen bei Bewerbungen auf Lehrstühle jedoch deutlich mehr als persönliches Engagement in der direkten Wissenschaftskommunikation. Würde sich dies ändern und das Vermitteln der eigenen Arbeit mehr honoriert, wäre das ein großer Gewinn, meint Heckmann.

    Wissenschaftliche Expert*innen seien in der aktuellen Lage besonders gefragt, so Heckmann. Um den Fragen zur Corona-Krise entgegenzukommen, lege die Medienredaktion der Universität Leipzig aktuell einen besonderen Fokus auf die Vermittlung von Wissenschaftler*innen, die sich zu Erkenntnissen oder Perspektiven auf Auswirkungen der Krise äußern. Wichtig sei für die Universität aber natürlich, dass trotzdem weiterhin auch über Forschung berichtet wird, die nichts mit Corona zu tun hat.

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