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    Die digitale Lehre könnte gut für Barrierefreiheit und Bildungsgerechtigkeit sein. Doch an der Universität Leipzig geschieht dafür noch nicht genug.

    Wie überall verschärfen sich durch die Coronakrise auch an der Universität Leipzig Ungerechtigkeiten, die schon vorher bestanden. Die Liste der Betroffenen ist lang: Wer in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, Angehörige pflegt oder Kinder hat, ist gezwungen, weniger Zeit fürs Studium einzuplanen als ohnehin schon. Und wer keinen Zugang zu einem Computer oder dem Internet hat, war anfangs komplett von der Lehre ausgeschlossen. Thomas Hofsäss, Prorektor für Bildung und Internationales und Leiter der universitären Taskforce für digitale Lehre, steht vor einer dementsprechend schweren Aufgabe. Es sei schwer zu gewährleisten, dass niemand benachteiligt wird, Maßnahmen müssen individuell zugeschnitten sein. „Studierende mit Kind müssen darüber nachdenken, welche Veranstaltungen sie ins Wintersemester verschieben können“, sagt er. Technische Ausstattung können Studierende inzwischen vom Universitätsrechenzentrum ausleihen. Die Universität könne allerdings nicht alle Probleme lösen. „Die Studierenden sind hier teilweise Opfer dessen, was die Gesellschaft nicht schafft“, sagt Hofsäss. Die Universität wolle besonders großzügig sein, was Nachteilsausgleiche betrifft. „Das Problem ist, dass die Fakultäten die Lehre machen und nicht die Universität“, sagt Georg Teichert, Gleichstellungsbeauftragter der Universität. Das Rektorat könne niemanden zu bestimmten Maßnahmen zur Barrierefreiheit zwingen, sondern nur Empfehlungen aussprechen. Beispielhaft stehen Präsenzveranstaltungen, die via Videoplattform abgehalten werden. Studierende mit Kind können oftmals nicht teilnehmen, doch viele Dozierende weigern sich, die Veranstaltungen aufzunehmen und im Nachhinein zur Verfügung zu stellen. „Es gibt kein gutes Argument gegen die Aufzeichnung“, sagt Teichert.

    Ebenso schwierig stellt sich die Situation für Studierende mit Sehbehinderung dar, denn viele Dozierende vernachlässigen die Barrierefreiheit der von ihnen hochgeladenen Lektüre. „Zurzeit versucht der Großteil der Dozierenden, online die übliche Präsenzlehre zu veranstalten“, sagt Beccs Runge, Refe­rentix für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik des Studierendenrats (Stura) der Universität. Dadurch werde das Po­tenzial der digitalen Lehre verschwendet. Marie Polonyi, Stura-Referentin für Inklusion, stimmt zu. Digitale Lehre könne gut funktionieren und barrierefreier als Präsenzlehre sein, wenn sie richtig gemacht wird. Denn mit Aufzeichnungen von Vorlesungen und für Lesegeräte lesbaren Texten wäre es möglich, sich die Arbeitszeit individuell einzuteilen.

    Die Möglic­h­keit zum Erwerb der nötigen Kompetenzen existiert bereits, erklärt Teichert. Das Gleich­stellungsbüro habe seit Jahren Weiterbildungsangebote zu Barrie­refreiheit im Programm, nur: „Bislang wurden sie nur von wenigen Dozierenden wahrgenommen.“ Wer von Benachteiligung betroffen ist, könne sich an Fachschaftsrat und Stura wenden, sagt Marie. Der Stura hat sich außerdem der Initiative Solidarsemester angeschlossen, die fordert, alle Prüfungsversuche als Freiversuche zu werten und Prüfungsfristen zu verlängern.

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